Oh, ich "helfe" hier gern. Aber ich muss zugeben, das geschieht aus ganz egoistischen Gründen. Zum einen tut es mir gut, mich unter das leidende "Volk" zu mischen, weil ich dann wie ihr alle nicht das Gefühl habe, mit meinem Schmerz allein zu sein. Ich sehe mich hier nicht als Profi sondern eben als Betroffener mit persönlicher Erfahrung und es entlastet mich ungemein, aus der professionellen Rolle aussteigen zu können. Zum anderen merke ich, dass ich etwas geben kann, wenn ich hier meine Beiträge erstelle und weiß, es nützt anderen. Damit erhalte ich das Gefühl von Leben in mir zurück, nachdem ich monatelang erstarrt und emotional erfroren war. Mir geht es heute ganz gut, aber ihr wisst, es gibt für uns auch Tage, an denen es gefühlsmässig wieder abwärts geht. Ich bin längst nicht stabil und ja, es gibt Nächte, da fließen auch bei mir die Tränen und ich fange an, mir leid zu tun. Bin halt auch nur ein Mensch!
Um mit all dem fertig zu werden habe ich mich zu allererst komplett zurückgezogen und ich hatte den Wunsch, mein Leben möge ganz schnell enden, damit der Schmerz in mir aufhört. Ich hätte allerdings nie den Mut dazu aufgebracht, selbst Hand anzulegen. Aber ich wäre über jeden Herzinfarkt oder ein Krebsleiden froh gewesen, hätte es doch in Aussicht gestellt, sehr bald nicht mehr zu sein. So verzweifelt war ich!
Unmittelbar nach der grausamen Trennung haben sich meine Eltern (80 und 76!) für 10 Tage um mich gekümmert. Ich wäre allein nicht überlebensfähig gewesen. Meine Mutter hat wirklich ALLES für mich gemacht, ich habe mir lediglich noch selbst den Hintern gewischt. Dann kamen meine engsten Freunde, mein allerbester Freund hat mich gepackt und nach draußen geschoben! Es war immerhin Frühling, fast schon Sommer. Aber ich habe daran keine Erinnerung mehr, kenne es nur von den Erzählungen der anderen, denn mein Hirn war ausgeschaltet. Irgendwie war ich im "Koma"! Arbeiten ging gar nicht, meine Patienten habe ich über den wahren Hintergrund nicht aufgeklärt. Bin mir bis heute nicht ganz sicher, wie ich ihnen gegenüber souverän damit umgehen soll.
Etwas später habe ich mich mühsam in den Alltag zurückgekämpft, jeden Morgen mich zum Aufstehen gezwungen, egal, ob ich arbeiten ging oder nicht und ob Termine anlagen.Mit der Zeit habe ich mit ein paar ganz wenigen Patienten wieder angefangen zu arbeiten, viele standen in der Warteschleife. Neuanmeldungen habe ich zu dieser Zeit nicht zugelassen, vor allem hatte ich interessanterweise potenzielle Patienten, die Probleme mit ihrem narzisstischen Partner hatte und Hilfe bei mir suchten. Oh mein Gott ... ! Das ging gar nicht, ich konnte an das Thema nicht ran ....
Ich merkte, wie gut mir eine geregelte Struktur tat und baute das langsam aus. Ich bin derzeit bei ca. 85-90% meiner alten Arbeitskraft ... Es gibt Tage, die gut laufen und Tage, die sind eher zum Davonlaufen!
Mittlerweile habe ich 4 Patienten/ Patientinnen, die Opfer von narzisstischen Missbrauch geworden sind. Ich fühle mich heute als gestärkter Experte auf dem Gebiet und schöpfe Kraft daraus, wirklich professionell helfen zu können. Manchmal denke ich in den Sitzungen: "Wenn ihr wüsstet, dass ich mein Wissen nicht nur aus den Büchern habe sondern selbst betroffen war/ bin und ich euch sooooo gut verstehen kann ...!"
Mittlerweile müssen mir meine Patienten, die das Thema haben, nichts mehr erklären. Ich weiß oft nach wenigen Sätzen, worum es geht.
Bei meinem Entzug hilft mir das, was bei allen in der Situation hilft: absolute Kontaktsperre! NIE WIEDER NARZISSMUS IN MEINEM PRIVATLEBEN! Und Ablenkung mit schönen Dingen, Treffen mit neuen Menschen, die mir gut tun (finde ich relativ schnell heraus), schauen, was ICH will und das dann umsetzen. Genusstraining ist ungemein hilfreich: wie schmeckt eigentlich Schokolade? Wie fühlt sich Stoff an? Welches Gefühl löst der Regen auf meiner Haut aus? Bewusstes wahrnehmen der Dinge des täglichen Lebens um mich herum.
Das Unverständnis kläre ich durch Studieren in Fachliteratur - mehr denn je, also viel Lesen in Büchern aber auch im Internet. Und neuerdings hilft mir der Austausch mit anderen Betroffenen in den entsprechenden Foren.
Ich habe für alles einen hohen Preis bezahlt, sowohl psychisch als auch finanziell und überhaupt. Ich wehre mich dagegen, dass alles umsonst gewesen sein soll.
Lange, sehr lange habe ich darüber nachgedacht und mir fiel nichts ein, wie es zu schaffen wäre, etwas "Gutes" aus der Situation zu machen. Dann geschah folgendes:
1. Mein Narzisst hat unsere "Beziehung" am 23.03.2016 beendet. An diesem Tag bin ich gestorben! Aber ich war irgendwie "untot". Es gab mich noch physich, ja, aber sonst? Nun, was habe ich gemacht? Ich habe mit dem 23.03. meine alte Identität abgelegt. Ich beschloss, meinen Namen zu ändern. Vielleicht weiß der ein oder andere, dass es in Deutschland unheimlich schwer ist, seinen Namen ändern zu lassen. Wir haben ein strenges Regelwerk dazu. Kurzum, ich habe es geschafft, ich heiße heute anders und das gibt mir die Möglichkeit, eine neue, unbeschmutzte Identität nach dem Missbrauch aufzubauen.
2. Ich habe mir dann weiter überlegt, was mir am meisten von meinem Narzissten fehlt. Was hat er mir weggenommen? Was vermisse ich? Leute, es fiel mir eines Tages wie Schuppen von den Augen! Es waren seine Patenkinder! Diese Kinder ... ja, die beiden Kinder fehlen mir! NICHT MEIN NARZISST! Es ist die wundervollste Erkenntnis in dem ganzen Prozess. Und jetzt kommt der Knaller! Ich habe beschlossen, mich selbst und ganz persönlich um ein Patenkind zu sorgen! Ein eigenes natürlich. Es gibt bei uns in Berlin ein tolles Programm verschiedener Vereine, die Patenschaften zwischen Kindern und Erwachsenen vermitteln und so entstehen Tandem-Patenschaften. Ich habe mich angemeldet, einen Qualifizierungskurs besucht und bin jetzt wartender Pate. Ihr könnt euch vielleicht nur ansatzweise vorstellen, wie glücklich mich das macht. Das hat mich dermaßen nach vorne gepusht ... Es ist UNFASSBAR schön!
3. Es tauchte erst vor kurzem die Frage auf, was kann und soll ich denn nun mit all den gemachten Erfahrungen anfangen? Es liegt nahe, diese zu TEILEN! Deshalb bin ich hier und ich habe vor, damit noch weiter zu gehen. Ich weiß noch nicht wie, aber ich will mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit, ich wünsche mir eine Lobby für alle Betroffenen von emotionalem Missbrauch und narzisstischer Gewalt. Und ich glaube, ich kann in der Kombination aus meiner eigenen Betroffenheit und meinem Fachwissen eine Menge erreichen.
In der Summe merke ich jeden Tag, wie das Leben in mir mehr und mehr zurückkehrt. Ich werde gerade neu geboren und weiß, ich werde stärker als jemals zuvor sein ...