Zitat von NineN: So hab ich das damals in meinem Tagebucheintrag vermerkt. Und es stimmt. Meine Mutter sagte mir das auch schon immer, dass ich mit dem Kopf durch die Wand muss, mein Ex -Schwiegervater sagte ich soll ruhiger werden, meine Lehrer haben mich vor die Tür gestellt und mir schlechte Kopfnoten gegeben. Es ist aber immer wieder dieselbe Stelle über die ich stolpere und falle und wegen der mich am Ende die Partner verlassen.
Liebe Nine, vielleicht hilft dir ein Blick aus einer etwas anderen Ecke. Meine Kinder sind neurodivers und das ziemlich stark. Jeweils in verschiedenen Spektren und wie du weißt, wird man als Mama Expertin in den "Begleiterscheinungen" der eigenen Kinder. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, auch viel über mich selbst, und über die Gesellschaft in der wir uns befinden.
Was die meisten Menschen im Spektrum gemein haben ist, dass sie wirklich selten (bis nie) irgendwo hin "gepasst" haben, immer anders waren, da irgendwie immer irgendwas "gestört" hat, weil sie zu lebhaft waren, zu stur, zu eigensinnig, zu verschlossen, zu verträumt, zu gedankenverloren, zu kreativ, zu speziell interessiert, zu ideenreich, zu hibbelig, zu schüchtern, zu laut usw usw. Ein ganz ganz großes Thema in der Begleittherapie ist die Selbstakzeptanz. Die Selbstliebe.Vorallem Frauen werden selten bis gar nicht richtig diagnostiziert und tragen dieses "irgendwas stimmt nicht mit mir" Paket ihr ganzes Leben lang mit sich, versuchen sich zu verbiegen, anzupassen, sich abzustrampeln und doch sind sie nie wirklich gut genug, nie passend genug. Denn sie versuchen sich in ein gesellschaftliches Korsett zu zwängen in das sie nicht passen (können).
Ich will dir nicht schreiben, dass du neurodivers bist. Letztlich ist das auch nicht worauf ich hinaus möchte. Denn diese fehlende "Anpassung" vorallem als Frau haben viele Frauen intus. Wir leben in einer Gesellschaft in der eine Frau nicht willensstark sein soll, sonst ist sie stur und zickig, sie darf nicht zu lebhaft sein weil sie dann unerzogen ist und sich nicht richtig benimmt. Wir hatten das ja auch schon in deinem Faden.
Wärst du ein Junge gewesen hätte man dich anders wahrgenommen. Dann hätte deine Mutter gesagt, dass du willensstark bist, dann Ex-Schwiegervater hätte dir vermutlich gesagt, dass du ein "Macher" bist und deine Lehrer hätten dir mehr durchgehen lassen weil Jungs "nunmal so sind". Und eine Partnerin hätte sich dir angepasst, vielleicht sogar mehr als es gut für sie gewesen wäre und hätte das schon irgendwie kompensiert.
Das was neurodiverse Menschen hart lernen müssen, diese Selbstakzeptanz und Liebe, die müssen Menschen wie du, die ebenfalls überall negativ betitelt wurden ebenfalls lernen. Bei neurodiversen Menschen ist es so, dass sie durch ihre "seltsame Art" in der Kindheit viel häufiger ermahnt werden, viel häufiger gespiegelt bekommen, dass etwas nicht "stimmt" ("Sitz ordentlich am Tisch", "Reiß dich zusammen", "Warum spielst du nicht draußen mit Freunden"). Das macht viel mit der Psyche eines Menschen. Aber das ist etwas, das in unserer Gesellschaft auch andere Menschen betrifft. Es ist ein grundsätzliches Problem. Vorallem eins was viele Frauen gemein haben.
Du warst nicht zu stur, sondern dein Charakter hat nicht dem Idealbild entsprochen, den deine Mutter hat(te). Das gleiche gilt für deinen Ex-Schwiegervater. Dass dies nun der Gamechanger für deine Partnerschaft sein soll, sehe ich nicht. Eher, dass du und der VdK nicht kompatibel waren (und sind). Du hast einfach noch nicht dein richtiges Gegenstück gefunden. Und das gibt es, da bin ich mir 100%ig sicher. Genauso wie ich mir sicher bin, dass du gut bist wie du bist. Dass an dir nichts falsch ist. Und dass das was du als Schwäche siehst, ein Teil von dir ist, der zu dir gehört, der dich ausmacht. Und der dazu führt, dass du dich für viele tolle Dinge begeistern kannst, dass du dich engagierst, dass du reflektierst, dass du die Stärke hast mit dieser Trennung in der Schwangerschaft klar zu kommen.