Wenn Du nichts machst, dann bleibt alles wie es ist und Ihr werdet Euch vermutlich auch kaum zufällig begegnen. Du hast ja nichts zu verlieren. Aber es wäre Unsinn, Dir zu sagen, dass der Typ sehr interessiert ist.
Fragen oder eine SMS kosten ja nichts. Schlimmstenfalls blockt er ab. Zweischlimmstenfalls eiert er rum und versteckt sich hinter Ausflüchten - dann weißt Du auch Bescheid. Vielleicht sagt er aber auch zu und Ihr trefft Euch und könnt Euch mal "beschnuppern". Vielleicht stellt sich heraus, dass Ihr auf einer Wellenlänge liegt. Vielleicht stellt sich heraus, dass Ihr nicht auf demselben Dampfer unterwegs seid.
Egal, wie immer es ausgeht, Du hast dann zumindest einen Erkenntnisgewinn.
Ich habe auch mal einen Typen gefragt. Wir hatten dienstlich Kontakt, er war Fotograf. Da war was zwischen uns, zumindest eine gewisse Sympathie oder aber er fand mich körperlich anziehend. Leider war der Auftrag beendet und wir kamen nicht mehr zusammen. Da ich ihn nicht vergaß, schickte ich ihm eines Tages einen kleinen Brief mit einer Frage nach einem Treffen. Telefonieren wollte ich nicht, denn ich wollte ihn nicht überfahren und ihn unter Druck setzen. Mail an sein Studio´erschien mir zweifelhaft, weil ich nicht wusste, ob die noch wer Anderes lesen würde. SMS war nicht mein Ding. Also die gute alte Post.
Es dauerte über eine Woche, bis er sich meldete - was nicht nach überbordendem Interesse aussah. Dann erzählte er, dass er eine Freundin habe. Ich ließ mir nichts anmerken und meinte, wenn er wolle, könnten wir ja dennoch mal auf ein Bierchen gehen. Wir vereinbarten einen Termin und verbrachten gute zwei Stunden miteinander. Hin- und Rückfahrt dauerten schon mal um die 40 Minuten und bereits auf der Hinfahrt knirschte es im Gebälk, denn er nervte mich mit einer Aussage über seine Landsleute, die ihm zu wenig weltoffen und zu engstirnig waren, dabei war er ja selbst von hier! Er sprach von den Leuten hier mit ihren "Kommunionkinderbausparverträgen".
Ich fand das blöd und meinte, warum er damit ein Problem habe und warum er überhaupt so lieblos redete. Was er zum Audruck bringen wollte, verstand ich sehr wohl, wie er es sagte, aber nicht. Wir stritten schon fast, ehe wir im Biergarten ankamen.
Dann erzählte er mindestens eine geschlagene Stunde über sich und über sich und über sich. Ich als Gegenüber war wie ein Publikum für ihn und ich durfte mir sämtliche Spinnereien von ihm anhören. Damit offenbarte er die gesammelten Allüren, die man Künstlern oft nachsagt.
Ich betrachtete ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Interesse. Ich spielte zweifelsohne nicht in seiner Liga, denn er war "Besseres" gewöhnt. Er offenbarte sich als Mensch mit einem kleinen Ego, das er durch Eitelkeit, Angeberei, vor allem aber besonderer Lebensführung auffüllte.
Er trank keinen Alk. und rauchte nicht, Ist ja in Ordnung. Er trank keinen Alk., weil seine Heilprakterin ihm abgeraten habe. Aha. Er trank auch keinen Kaffee, auch wegen der Heilpraktikerin. Hmmm, fast hätte ich gelacht!
Seine Heilpraktikerin ist in Berlin wie ich erfuhr, denn hier gäbe es ja keine gescheiten. Ah ja, fast hatte ich es mir gedacht!
Er trank bevorzugt Tee, aber bitte keinen Beuteltee aus dem Supermarkt. Nein, es musste schon "Flugtee" sein, was nichts Besonderes ist, denn den kann man ja im Internet bestellen.Außerdem ist ja fast jeder Tee Flugtee. Aber ich verstand, es war ein besonderer Tee. Am liebsten übrigens Darjeeling, first flush. Wenigstens etwas hatten wir gemeinsam!
Und überhaupt, die Bevölkerung hier - so prrovinziell, weswegen er noch eine Wohnung in der nächsten erreichbaren Großstadt hatte. Klar, Leute mit Kommunionkinderbausparverträgen waren ihm zu bieder und langweilig und spießbürgerlich.
Ich fragte, wo er her komme. Etwas unwirsch antwortete er, aus G.... (einem Städtchen, 40 km weiter) und ich merkte sofort, aha, er schämt sich seiner Herkunft. Vermutlich Probleme mit dem Elternhaus, insbesondere den Vater.
Also, Pauschalreisen kämen ja niemals nicht für ihn in Frage. Wenn er verreist, dann muss es schon besonders sein. So mit dem LKW durch die Wüste usw. Ich verstand, mit meinen langweiligen Bergwanderurlauben konnte ich ihm nicht das Wasser reichen!
Dass er sein Gegenüber auch mal was fragen könnte, fiel ihm nach endlosen Monologen auf. Als ich sagte, dass ich bereits Jahre in M, R, E und A gelebt hatte, ehe ich wieder hier herkam, stieg seine Achtung vor mir geringfügig.
Nach dem Treffen war klar, einmal und nie wieder. Was für ein Ar....! Aber ein lehrreicher Abend. Ich radelte frohgemut nach Hause, denn der Abend war sehr erfolgreich. Er hatte jegliche Anziehungskraft verloren und das brachte mich weiter.
Ich konnte wieder nach vorne blicken und den Fotografen mit einer belustigten Dstanz betrachten.
Egal, was rauskommt, es ist meist nicht umsonst, sich mit anderen und auch fremden Leuten zu treffen. Bloß gleich das große Glück zu erwarten, sollte man sein lassen. So ein Treffen ist ein Experiment, nicht mehr.
Wenn Du Dich traust, geh auf ihn zu. Du kannst nur gewinnen, denn danach weißt Du Bescheid.
Begonie