Zitat von Und_jetzt: . Die Therapie kommt, dann geht es ihm irgendwann wieder so gut, dass wir Dinge wie früher machen können. Bald ist die Wohnung abbezahlt, dann die Kinder selbstständig, und dann ist Zeit für uns. Diese Gedanken gaben mir Kraft.
Das ist genau das, womit sich Menschen helfen. Der Glaube an eine bessere Zukunft, der Glaube an den Erfolg einer Therapie, wo jeder weiß, dass eine vollständige Heilung kaum kommen wird. Der Wert von Therapien wird überschätzt.
Gestern sah ich eine Reportage über Ex-Bundeswehrsoldaten, die traumatisiert von Einsatzen in Afghanistan zurückkamen. Es dauerte schon mal, bis erkannt wurde, dass hier eine PTBS vorliegt. Es folgten mehrere Therapien, die ziemlich wirkungslos waren und der Mann macht einen schwer beschädigten Eindruck. Er hat eine Frau, die alles mitträgt, ihn stützt, so weit es möglich ist und 3 Kinder. Das gesamte Familiengefüge verändert sich dadurch. Am besten geht es ihm, wenn er mit seinen Hunden rumstreift. Der Wert von Tieren wiederum ist etwas, auf was man sich oft verlassen kann.
Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber so wie viele glauben, jetzt machen wir mal 20 Stunden Therapie, dann ist alles wieder heil, läuft es doch nur in seltenen Fällen. Daher sollte man den Wert einer Therapie auch realistisch einschätzen. Sie kann eine Änderung bewirken, aber eine geiwsse Grundschädigung wird wohl bleiben.
Bald ist die Wohnung abbezahlt - das ist eine realistsche, weil berechenbare Tatsache, die sehr erfreulich ist.
Wenn die Kinder mal groß sind, wenn ..., dann .... Sagten meine Eltern auch immer, doch dann erkrankte meine Mutter mit Anfang 40 an einer schweren Autoimmunkrankheit, die nur mit schweren Medikamenten in Schach gehalten werden konnte. Über die Jahre verschlechterte sich ihr Zustand sukzessive und schleichend, ehe sie mit 54 Jahren starb. Sie hatten sich ihr Leben anders vorgestellt, aber die Krankheit überschattete alles und der Mensch muss sich mit Gegebenheiten arrangieren, wie er es seit Jahrtausenden gelernt hat.
ich bin damit aufgewachsen, dass man auf ein Wenn ..., dann .... nicht bauen kann. Ich habe früh erfahren, dass das Leben nicht planbar ist, sondern seine eigenen Spielregeln aufstellt.
Entscheidungen trifft man dann, wenn man emotional stabil ist, Folgen abschätzen kann und nicht von momentanen Gefühlen geleitet wird.
Nach einer Krise wird es nicht wie früher, es wird anders werden. Die Erfahrung habe ich gemacht und bei mir oder besser gesagt in mir hat sich durch eine Krise viel gerade gerückt. Unsere Ehe ist stabiler und verlässlicher als früher, wobei der Unruheherd ich war. Dass die Ehe das ausgehalten hat, war auch nicht planbar, es geschah einfach und es dauerte sehr lange
Zeit, bis ich mehr bei mir angekommen war.
Seither bin ich ein Realist und genieße das Positive, wohl wissend, dass das Negative auch seinen Platz im Leben hat.
Zitat von Und_jetzt: Oder, ich trenne mich. Dann bin ich allein mit der Verantwortung für 1,5 Kinder, 2 Katzen und unser Leben, wir verkaufen die Wohnung, unseren Lebenstraum, ich muss mir ne kaum zahlbare (und mit 2 Katzen kaum findbare) Wohnung suchen und Vollzeit arbeiten (dann wieder voll rein in die Pflege, mit Wochenend und Feiertagsdiensten, was ich NIE wieder wollte und körperlich auch nicht mehr gut wegstecke.
So, da sitzt du nu. Wähle weise....
Diese Option ist vielleicht vorhersehbar. Es kann auch anders laufen. Aber sie scheint realistisch zu sein.
Es kommt drauf an, was Dir lanfristig Wichtiger ist . Ein eigenes, härteres Leben, das Du, vor allem da die Kinder nicht mehr klein sind, selbst lebst und eigenständig gestaltest. Oder das Bleiben, das auch seine Vorteile hat. Worin das größere Glück liegt, weiß keiner.
Wähle weise, aber erst dann wenn Du spürst, welche Option für Dich wahrscheinlich die bessere ist. Nicht heute, nicht morgen, nicht übermorgen. Die Zeit wird es zeigen, vertrau darauf.
Zitat von Und_jetzt: Durch seine Erkrankung war es uns nun jahrelang nicht möglich, irgendwo hin zu gehen, wo viele Menschen sind. Also essen gehen ging nur unter der Woche mittags zB. Früher waren wir auf Märkten, im Kino, Konzerte, Stadtbummel, Freunde treffen.... Einfach schöne Wochenendunternehmungen. Heute tun wir nichts davon, wir sind immer nur alleine draußen unterwegs, oder ich mach mal ein paar der Dinge ohne Ihn.
Mein Traum war, wenn die Therapie richtig anschlägt, irgendwann wieder spontan überall hingehen können. Zusammen.
Das ist ziemlich sicher ein Wunschtraum. Mein Mann ist selbst beschädigt, hatte über Jahre eine depressive Phase und auch wenn er die Depression jetzt sehr gut im Griff hat, ist es nicht wie früher. Allzu große Menschenansammlungen mochte er nicht und heute sind sie eine Qual für ihn. Ins Kino, in Konzerte gehen wir nicht, weil unsere Interessen da auseinander gehen.
Macht mir das was aus? Nicht viel, weil ich dankbar bin, dass er im Moment einen sehr stabilen, manchmal sogar heiteren Eindruck macht, aber Unternehmungen, die wir nicht teilen, mache ich gerne allein. Ich halte mich gerne in Großstädten auf, aber meinen Mann bekomme ich nicht dorthin. Macht aber nichts, das geht besser allein. So was genieße ich direkt und vermisse keine Begleitung. Kino, Konzert geht ja auch immer prima allein. Ich habe das sehr schätzen gelernt, mehr allein zu unternehmen. Und so sind beide zufrieden. Er hat seine Ruhe, ich meine Abwechslung. Man muss halt schauen, was möglich ist ohne ihn zu überfordern.
ich glaube nicht, dass sich Dein Mann in den Menschen von früher zurückverwandelt, es wird ein kleiner Schaden zurückbleiben. Deswegen halte Dich nicht in Träumen von früher auf. Die Gegenwart zählt und die ist nun mal wie sie ist und hat gute und schlechte Phasen. Es kann sich natürlich auch etwas verbessern, aber ich glaube nicht, dass der Urzustand wie durch ein Wunder wieder eintritt.