Zitat von DerTypderwo40ist:@Ema
So schwer zu verstehen ist es gar nicht. Man muss dafür allerdings den eigenen Horizont verlassen. Innerhalb des eigenen Horizonts ist das Verhalten eines AMs nicht nachvollziehbar.
Überträgt man aber innerlich eigenes Verhalten auf andere Situationen geht das durchaus.
Nimm mal Binaneu. Die hier völlig destabilisiert in der letzten Zeit an einer Situation klammert die ihr nicht gut tut. Jeder Außenstehende sieht das. Sie sieht es gewissermassen auch - sieht aber dennoch keinen Ausweg. Oder sieht sich zwischen Baum und Borke.
Aus der Sicht der Affärenpartner bleibt die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder ewig so weiter machen in der Hoffnung auf das grosse Wunder oder schmerzhafte Trennung. Es ist die Wahl zwischen Leid und Leid. Das eine, das sich ewig fortsetzende Leid der Affäre. Das Andere das Leid durch den Liebeskummer gehen zu müssen. Beides nicht gerade wofür man sich mit Freude entscheiden kann und die Wahl fällt immer auf das kleinere Übel. Erst wenn die Affäre so viel Leid hervorbringt dass die Trennung das kleinere Übel wird, erst dann wird sich für die Trennung entschieden und diese durchgezogen. Um diese Entscheidung zwischen Pest und Cholera nicht treffen zu müssen wird sie auf den AM ausgelagert. Er soll handeln, er soll etwas tun, er soll entscheiden, er soll die Situation auflösen.
Der AM macht nichts Anderes. Er hat ebenfalls die Entscheidung zu treffen, so weiter machen wie gehabt, oder sich trennen und die Konsequenzen der Trennung zu akzeptieren. Vor diesen hat er Angst, denn er muss seine Sicherheit dafür aufgeben und weiss nicht was sich daraus entwickeln wird. Also schiebt er die Entscheidung die er nicht treffen will ab. Auf seine EF. Er wartet genau wie der Affärenpartner darauf, dass ein Anderer ihm diese Entscheidung abnimmt.
Das man den AM nicht nachvollziehen kann, liegt daran dass man versucht ihn aus der Sicht des Affärenpartners nachzuvollziehen. Das kann nie funktionieren, man muss die Sicht und Ängste des AM einnehmen um seine Handlungen oder Nicht-Handlungen zu begreifen.
Nimmt man diese Position ein, sieht man sehr schnell, dass AM und Affärenpartner das gleiche tun. Sie sehen Beide zwei Handlungsoptionen die beide mit Angst besetzt sind und fürchten beide Optionen. Daher entscheiden sie nicht und geben die Verantwortung dafür an eine andere Person oder an eine beliebige andere höhere Macht ab.
Auch da gleichen sich Beide. Er kann sich nicht trennen, weil gerade der Hof gekehrt werden muss. Die Affärenpartnerin kann sich nicht trennen weil sie ihn so sehr liebt. In beiden Fällen passiert das gleiche. Es wird eine höhere Macht beschworen gegen die man nicht handeln kann.
Man kann den AM sehr wohl verstehen wenn man denn wirklich will.
Das Argument, das Dritte darunter leiden und das doch nicht ginge, ist ebenfalls ungültig.
Nahezu alle Affärenpartner hier haben bspw. selbst Kinder die ebenfalls unter der Affäre leiden weil ihre Mutter total destabilisiert ist. Sich und ihr Leben zumindest emotional vernachlässigt und sich nicht so einbringen kann wie sie sonst könnte. Gleiches gilt für Freunde bei denen Energie angezapft wird, sei es durch ausheulen oder ähnliches. Auch Personen die unter den Symptomen der Affäre irgendwann leiden. Auf dieses Leid nimmt der Affärenpartner ebenfalls keine Rücksicht, auch wenn er durchaus Schuldgefühle deswegen entwickelt. Ein Grund für den Ausstieg werden andere am Rande beteiligte jedoch nicht. Das auch die EF unter der Affäre leidet wird ja auch ausgeblendet. Das Leid Anderer war noch nie ein wirklicher Antrieb wenn es dafür nötig ist eigene wirkliche starke Ängste zu überwinden. Das gelingt nur sehr starken und stabilen Charakteren und zu denen kann man einen Affärenpartner in der Affäre nicht zählen. Letzteres ist übrigens kein Vorwurf, dennoch nicht minder eine Tatsache.
Tatsächlich geben sich AM und Affärenpartner gar nichts, nimmt man die jeweilige Position ein, tun Beide das gleiche. Sie drücken sich um die Gefühle vor denen sie am meisten Angst haben. Der Unterschied liegt nur darin, dass die Gefühle vor denen die größte Angst herrscht andere sind.
Beim Affärenpartner meisst die Verlustangst die unübererwindbar scheint, beim AM ist es eher die Richtung Versagensangst. Bei Beiden handelt es sich jeweils aber um elementare Ängste. So ziemlich die jeweils schlimmste die man hat. Der AM kann die extreme Verlustangst ebensowenig verstehen wie der Affärenpartner die extreme Versagensangst des AM. Für Beide erreichen diese Ängste aber bereits den gleichen Grad der mit Todesangst gleich zu setzen ist. Der Unterschied ist einzig, für den Einen ist der Verlust des geliebten Menschen unerträglich, für den Anderen der Gesichtsverlust.
Vielen Dank für deine lange und ausführliche Antwort.
Vieles gibt mir zu denken. Vieles begreife ich trotztdem noch nicht. Erklär mir zum Beispiel mal, wie du auf Versagensangst kommst und was du genau damit meinst. Das hab ich in dem Zusammenhang noch nie gehört.
Tatsächlich habe ich - ab einem gewissen Punkt - pausenlos versucht, seine Perspektive einzunehmen. Manches habe ich genau so gesehen, wie du es beschreibst. Sogar mit den gleichen Worten. Die Wahl haben, zwischen Pest und Cholera. Ja. Genau so. Auch in meinem obigen Post habe ich ja versucht, seine Perspektive einzunehmen, mich zu fragen, wie würde ich in so einer Situation handeln. Das mit dem Gesichtsverlust ist mir total neu. Vielleicht, weil so etwas nie mein Problem war. Bin ich gar nicht drauf gekommen. Könnte für ihn aber passen, wenn das ist, was ich mir jetzt mal so zurechtdenke...
Manches geht vielleicht deshalb über meinen Horizont, weil es nie mein Thema war. Zum Beispiel der oft gehörte Satz: Ich liebe euch beide, bzw. ich will euch beide. So etwas kenne ich nicht. Nicht aus prinzipiellen oder moralischen Erwägungen. Es ist einfach nicht meine Natur, ich fühle nicht so. Habe noch nie so gefühlt.
Ich wollte ihn verstehen. Ich will es noch. Immer wieder habe ich versucht mir vorzustellen, was in ihm vorgeht. Als ich ihn kennenlernte, wusste ich zunächst nicht, dass er verheiratet ist. Wir haben ein paar Wochen nur über FB geschrieben. Auf seinem Profil gab es keinen Hinweis. Beim zweiten Date hat er es mir dann gesagt. Und ich habe das übliche zu hören bekommen, nur damals wusste ich nicht, dass es das übliche ist. Dass die Ehe schlecht läuft, dass er seit Jahren überlegt, da rauszugehen. Dass er sogar ein fertig eingerichtetes Zimmer bei seinem Kumpel habe, das er bis jetzt aber noch nie benutzt hätte. Und ich konnte das verstehen. Ich habe auch ein paar Jahre gebraucht, bis ich meine letzte Trennung endgültig vollziehen konnte. Hatte meine Flucht quasi auch langfristig geplant. Ich dachte, er ist in einer Trennungsphase, die noch nicht ganz vollzogen ist. Als dann klar war, dass wir uns verliebt haben, da dachte ich, jetzt kommt für ihn halt noch dies zum ohnehin herrschenden Gefühlschaos hinzu, das man ja eh hat, wenn man innerlich eine Trennung vollzieht. An seiner Stelle hätte ich mich an dem Punkt echt rausgezogen. Wie oben beschrieben. Abstand von beiden genommen.
Irgendwann wurde mir klar, dass es ganz anders läuft, als ich zuerst dachte. Ich habe dasselbe gesehen, was du beschreibst. Dass er sich nicht entscheiden kann. Und ich mich auch nicht. Und als mir das wirklich klar wurde, da wusste ich auch, dass ich die Entscheidung jetzt treffen muss. Weil er es nicht tun wird.
Das war grausam für mich. Ich musste es regelrecht proben. Ich habe ihm einen Abschiedsbrief geschrieben und nicht abgeschickt. Es mir nur vorgestellt. Richtig vorgestellt. Und dann habe ich zwei Wochen allein bei der Vorstellung Rotz und Wasser geheult. Zwei Wochen am Stück! Und dann war ich soweit. Ich wollte nur noch ein letztes Mal hören, ob ich mich vielleicht nicht doch geirrt habe. Und habe ihn zu einem letzten Date eingeladen. Er wusste allerdings nicht, dass es das letzte sein würde. Das wusste nur ich. Und dann habe ich ihn gefragt, ganz ohne Vorwurf, ob er sich das jetzt so vorstellt. Dass er ab und zu auf einen "Kaffee" zu mir kommt? Er hat das natürlich nicht freiweg mit Ja beantwortet. Aber an der Art, wie er sich gewunden hat, habe ich dann gesehen: Er stellt sich das irgendwie tatsächlich so vor. Zumindest hat er keinen Plan B. Er wird bis zum Sanktnimmerleinstag darauf warten, dass das Schicksal ihm die Entscheidung abnimmt. Ich habe das übrigens nicht gespielt. Ich mache ihm wirklich keinen Vorwurf. Ich will es einfach nur verstehen.
Ich hab dann noch ne Nacht drüber geschlafen (eher nicht geschlafen) und ihm am nächsten Tag dann wirklich einen Abschiedsbrief geschickt.
Ich verstehe es trotzdem nicht. Wenn man seinen Worten Glauben schenken kann, dann hegt er ja wirklich seit Jahren Trennungsgedanken. Und auch, wenn hier immer alles nach dem gleichen Muster zu laufen scheint: Es gibt ja durchaus Männer, die sich scheiden lassen. Das vergisst man manchmal. Ist ja nicht so, dass das nie vorkäme.
Vielelicht ist es so, dass ich mir das Gefühl nicht vorstellen kann, zwei Männer gleichermaßen zu lieben. Vielleicht weiß ich auch nicht, was es mit dem von dir beschriebenen Gesichtsverlust auf sich hat. Oder mit der Versagensangst, von der du redest. Ich würde gern mehr drüber erfahren. Ob du es glaubst oder nicht. Mir hat nicht nur meine Qual wehgetan, sondern auch seine. Ich konnte ja sehen, dass er sich quält. Ich wusste nur nicht warum.
Ich bin ihm auch nicht böse. Ich sehe ihn auch nicht als Schwächling oder Feigling. Er ist es nicht mehr als ich. Genau aus dem Grund, den du beschrieben hast. Eine Freundin von mir sagte mir mal: Bei ihm brennt die Hütte. Siehst du das nicht? Und ich habe ihr geantwortet: Ja. Aber nicht mehr, als bei mir offenbar auch.
Es ist sonderbar. All meine Strategien, die immer funktioniert haben, versagen in diesen Fall. Es war immer so, dass bei mir, wenn jemand zu arg auf mir rumgetrampelt hat, irgendwann wenn es zu viel wurde ganz von allein eine Klappe zugegangen ist. Erst vielleicht ein oder zwei Tage Wut. Und dann die Klappe. Dann war für mich gut. Sache gegessen. Dann konnte ich mich abwenden.
Diesmal nicht. Ich bin unfähig, Wut zu empfinden. Und Klappe geht auch keine zu. Aber ich will es verstehen. Wirklich verstehen. Wahrscheinlich will ich mich selbst verstehen. Ich denke immer noch - trotz allem - dass wir uns sehr ähnlich sind, er und ich. Irgendwie hatte ich dieses Gefühl von Anfang an. Dass er mich spiegelt. Und ich ihn.