Zitat von justawoman: Ich bin im Krieg aufgewachsen mitten im Frieden.
Danke für diesen Satz. So habe ich mein Leben lang empfunden. Bis vor zwei Jahren war der Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung regelmäßig Thema gewesen, über Stunden hinweg. Seitdem gibt es in der Nähe tatsächlich Krieg.
Ich habe mich immer gefragt, wie es ist, einfach in Frieden leben zu können. Vatern hat den Verlust der Heimat nie verkraftet. Die Schrecken im Krieg hat er überstanden mit der Hoffnung und Bindung auf "zu Hause". Das war plötzlich weg. Ab da hat er nur noch existiert, irgendwie.
Natürlich hat sich das auf die nächsten Generationen ausgewirkt. Und wenn man als Kinder 'normal' sein wollte, dafür lagen Stöcke griffbereit auf dem Schrank.
Sein Bruder hat es in Worte gefasst "er sei nie hier (im Westen) angekommen".
Zitat von Blanca: daß manche - wenn überhaupt - nur mit geschultem Fachpersonal über sowas reden.
Jetzt wurde die eigene Überforderung mit Dingen 'ausgeglichen' oder zu ersetzen versucht, die nach heutigem Maßstab eigene Traumatisierung der nächsten Generation zur Folge hatte. Und, mit Verlaub, es gab jahrzehnte lang kaum jemanden "vom Fach", der vorhanden war oder damit umgehen konnte. Nicht umsonst gab es sehr lange Warnungen untereinander, daß viele Personen durch schlechte Therapeuten erst recht kaputt gemacht wurden.
Inzwischen hat sich da sehr viel Gutes getan.
Zitat von justawoman: Ich möchte mich entschuldigen, wenn ich mich hier zu sehr in den Vordergrund gedrängt habe. Ich rede so selten über das Thema, da bricht es manchmal einfach aus mir heraus.
Alles gut. War gar nicht so viel, wie Du denkst.
Eine Anekdote. Vor etwas über zwanzig Jahren war ein HC Überlebender eingeladen bei Alfred Biolek in dessen Sendung zu sprechen. Es gab viele Sorgen, ob er überhaupt etwas sagen wird und was. Denn dieser Mann hatte sehr viele schlechte Erfahrungen gemacht, daß das Erzählte runter gemacht, geleugnet, er angegangen wurde etc. Also begann das Gespräch sehr vorsichtig.
Nun begab es sich, daß ich dort arbeitete und auf der Seite landete, die in seiner Blickrichtung lag. Und meine Position ist oft die, daß ich Blickkontakt mit den Personen haben kann, die im Studio sind. So auch hier.
Wir hatten sehr viel Blickkontakt. Dieser Mann sah, wie ich auf seine Berichte reagiert habe. Er sah meine ehrliche Betroffenheit. Er sah meine Tränen in den Augen. Er sah, daß ich es schrecklich fand. Er sah aber auch, daß ich eine Ahnung hatte. Er sah, wie ich mit den Grauen umgehen konnte, denn ich dachte an das, was eine Generation später unter dem Radar des offiziellen Friedens einander angetan wurde, um mit den Schrecken des Krieges umgehen zu können. Und das ist auch keine Kleinigkeit. Nur, daß man selber mit niemandem darüber reden darf, bis heute nicht, weil zu schrecklich (und Fachleute dazu nicht existieren bzw sie 'es nirgends gelesen haben' = diskreditiert).
So hat dieser Mann erzählt. Er fühlte sich verstanden und akzeptiert. Er erzählte weit mehr, als er jemals davor oder danach in einem Interview von sich gegeben hat. Und zum Schluss haben wir uns noch kurz angeschaut, angelächelt und zugenickt. Wir wussten um die Leiden des anderen auf ganz eigene Weise, die nicht erklärbar ist und uns beiden gut getan hat.
Dieser thread ist vom Thema her besonders. Ich hoffe, das bleibt auch so.