Liebe Odette,
es tut mir wirklich leid, dass es dir schlecht geht.
Erneut. Was leider sehr absehbar war.
Zitat von Odette: Es kommt doch so plötzlich für mich.
Ist das so, liebe Odette? Das Drehbuch zu dem Drama wurde mehrfach von dir und ihm geprobt und aufgeführt. Das gesamte Stück ist in diesem Thread bis ins Detail analysiert und interpretiert worden. Und du bist eine kluge Person, die die Kritik an Stück und Aufführung sehr wohl zu deuten verstünde, wenn sie wollte. Mein Eindruck ist von Beginn an, dass du dich sehr, sehr hartnäckig einem echten Perspektivwechsel auf deine ganze Geschichte verschließt. Dafür wirst du (vermeintlich, einstmals) "gute" Gründe haben, die jetzt aber leider deiner Gesundung und Entwicklung im Weg zu stehen scheinen.
Kennst du das Sunken Cost Fallacy Phänomen? Einen noch treffenderen Begriff dafür fand ich auf Wikipedia: "Eskalierendes Commitment". Im Grunde bedeutet das, dass Menschen manchmal dazu neigen, umso mehr in eine erfolglose Sache zu investieren, je mehr sie zuvor schon hineingegeben haben.
Dieses Denken scheint dich stark zu steuern. Lies doch mal im Internet nach den Stichworten; es ist ein allzu menschliches Phänomen, mir hat es aber geholfen, überhaupt zu begreifen dass es sowas gibt und dass ich wie viele andere dazu neige.
Ich war schließlich früher auch mal die Frau, die ich wie zuvor im Thread mal erwähnt hier in dir sehe: eine, die versucht ihre rostige Schrottkarre über den TÜV zu zwingen, weil sie nicht einsehen will, dass die bisherigen Unterhalts- und Reparaturkosten vergeblich gewesen sein sollen. Anstatt loszulassen, mal eine Weile ohne sich um irgendwas kümmern zu müssen den ÖPNV zu nutzen und dann irgendwann in einen vernünftigen Gebrauchten zu investieren.
Zitat von Odette: Daher auch meine Frage, wie ich das durchbrechen kann, sollte er doch wieder kommen. Weil das nun mal aktuell der Weg ist, denn ich nochmal drehen will. Ich kann noch nicht abschließen, und weiß, wie furchtbar sich das alles lesen muss.
Für mich liest es sich als glaubtest du, etwas überaus Wichtiges hinge vom Gelingen dieses Eiertanzes ab, den du Beziehung nennst. Ein Eiertanz, für den noch Krücken benötigt werden, in Form von Paartherapie, was man normalerweise eher bei Leuten erwarten würde, die nach zig Jahren Ehe, Haus und Kindern mal in eine handfeste Krise geraten sind.
Was könnte das sein, dieses übermäßig Wichtige, was du mit dem Gelingen der Beziehung verbindest? Der Beweis dass die bisherigen Investitionen sich gelohnt haben? Der Beweis, dass du doch beziehungsfähig bist, es "schaffen" kannst? Eine "normale" Lebensführung als Teil eines Paares erlangen zu können? Die Angst, dieser Herr könnte deine einzige/letzte Chance sein auf was genau...? Was steckt dahinter?
Es könnte dir nützlich sein, dich intensiver mit deinen dahinterliegenen Bedürfnissen zu befassen. Zu ergründen, warum genau dir das alles so wichtig ist. Was du davon hättest, wenn es gelänge. Und damit meine ich nicht: weil ihr euch doch so doll "liebt", weil er eigentlich echt toll ist (wenn er nicht gerade Schluss macht oder sonstwie komisch zuckt) und ihr so "gut" zueinander passen würdet, WENN nicht... sondern ich meine: welche deiner wirklich wichtigen Wünsche liegt diesem Drang zugrunde, es zu richten? Was wäre, wenn das gelänge? Wärst du dann erfolgreich? sicher? anerkannt? geschützt? eingebunden? zugehörig? hättest Status? Perspektive (auf was genau)?....?
Wenn du deine wahren Bedürfnisse identifizieren kannst, wirst du auch mehr Handlungsspielraum erkennen in deinen Möglichkeiten, dir diese zu erfüllen, außer wie eine Fliege mit einer Glasscheibe immer wieder das zu versuchen, was erwiesenermaßen nicht funktioniert hat.
Zitat von Odette: Gott, tut es weh, dass alles wieder da ist nach drei Monaten. Ich war noch dabei mich von dem Dezember zu erholen.
Ich fürchte es ist davon auszugehen, dass du, wenn du weitermachen willst, dich im Mai/Juni noch von jetzt erholen wirst, wenn es dann in die nächste Runde geht. @Femira erwähnte weiter oben eine Freundin, die häusliche Gewalt erlitt, weil sie unbeirrt mit ihm weiter und weiter machen wollte. Das darf und sollte jeder Person, die glaubt, Leidensfähigkeit sei eine notwendige (oder gar besondere) Qualifikation für Beziehungen, gründlich zu denken geben.
Liebe Odette, ich schrieb es dir irgendwann, irgendwo schon mal - möchte es dir erneut als Gedanken mitgeben - die Grenze zwischen mangelndem Selbstschutz und selbstverletzendem Verhalten ist manchmal fließend.
Ich wünschte dir von Herzen, du fändest die Kraft, den Rücken durchzudrücken und dieses für dich maximal kraftraubende, ungesunde Konstrukt hinter dir zu lassen, welches hauptsächlich aus Überforderung auf beiden Seiten sowie unklarer Vorstellungen davon, was "Liebe" von einer gelingenden Beziehung unterscheidet, zu bestehen scheint.
Aber es ist okay, wenn du das (noch) nicht kannst. Das Forum fängt dich weiterhin auf. Die meisten User (also ich auf jeden Fall), die dir hier im Thread schreiben, sind schließlich ähnlich verworrene Wege gegangen, um letztlich dann doch daraus zu lernen
