Liebe Grace,
ich habe in letzter Zeit immer mal wieder hier hinein geschaut. Mich berührt sehr, was Du schreibst. Ein zwei Mal den Versuch unternommen, etwas zu schreiben, nie wirklich weit gekommen.
Heute hatte ich zwar einen schönen Tag, aber auch einen ganzen miesen. Der Anlass war ein Buch und ein Mißverständnis von wem es wohl käme. Beiden Optionen hinsichtlich Absender, waren nicht wirklich gut. Weiß inzwischen von wem es kam, aber dieses dumme, kleine Buch, was mich total begeistert, is Teil des Problems, hat auf einmal den ganzen Schmerz, die ganze Trauer mal wieder so richtig nach vorn geholt.
bitte verzeih, wenn ich heute wenig wirklich aufmunternde Worte finde.
In meiner Wahrnehmung verändert sich Trauer. Ob sie wirklich jemals ganz weg geht, weiß ich nicht. An guten Tagen denke ich das schon, aber dennoch anders als wir uns das vorstellen. Meistes tragen wir ja doch so einer Kindervorstellung, davon wie die Trauer wegegehen soll, in uns. So eine alles wird wieder gut Vorstellung. So als würde die Trauer irgendwann, wenn sie lange bei uns auf dem inneren Sofa gesessen ist und Hopfenkaltschalen und Kaffee konsumiert hat, uns den angebotenen Kuchen vollständig vor der Nase weggefuttert, dann irgednwann aufsteht und sagt, so war nett mit Dir, aber ich muß jetzt los, einen anderen Kandidaten besuchen.
Und fort ist sie.
Vielleicht aber ist die Trauer nicht so. Vielleicht ist die Trauer kein Gast, sondern eher wie ein Gemälde, daß wir in unserer eigener Galerie des Lebens aufhängen müssen. Am Anfang sind die Farben ganz intensiv, aber mit den Jahren verblasst es.
Vielleicht ist es so, daß, wenn wir es schaffen, das blöde Bild direkt gegenüber von den Fenstern aufzuhängen und irgendwann nicht ständig bei zugezogenen Vorhängen leben, die Sonneneinstrahlung hilft, das Gemälde schneller verblassen zu lassen.
So wie man in Museen ja immer das Gegenteil tut und unbedingt die Kunstwerke vor natürlichen Licht oder auch direkter Beleuchtung schützen will.
Und vielleicht tut Therapie auch genau das. Wir nehmen das Bild und halten das Licht darauf, damit wir endlich erkennen, was alles auf dem Bild ist, statt bei geschlossenen Vorhängen vor uns hinzudümpeln und damit das Bild nur zu schützen.
Dennoch bleibt das Bild in unserer Austellung hängen, gehört zu unserer Ausstellung und ist Teil dieser.
Heute ist mal wieder so ein Tag, wo ich mir echt wünschte, daß mein Licht eine ver.d*mmte Kerze wäre, ich nah genug rangkäme, daß dieses blöde Gemälde in Flammen aufginge und nichts übrig bliebe als ein Haufen Asche, den ich nur noch zusammenkehren muß und dann wäre ich das Gemälde endlich losgeworden.
Ich weiß schon, daß es auch wieder andere Tage geben wird, an denen ich das Bild nur noch mehr in die Sonnenstrahlen rücke und dann gibt es noch die Tage, an denen ich merke, daß ohne das Bild meine Sammlung nicht vollständig wäre.
Weißt Du, ich fühle mich nicht verloren und auf hoher See, meine Trauer heute ist ein bißchen so, als würde mein hübsches Boot in einem völligen unbedeutenen Hafen in blöder brackiger See an diesem Steg (nicht mal ne ordentliche Marina) festgebunden sein, seit ewigen Zeiten und ich frage mich, ob ich jemals wieder rausfahre.
Nun ja, so will ich Dich dann doch nicht verlassen.
Ich weiß nicht, ob diese Trauer, die Du beschreibst, wirklich irgendwann aufhört, ich würde Dir gern sagen, daß sie es tut. Aber ich weiß es einfach nicht. Ich kann Dir versprechen, daß sie sich, insbesondere durch die Arbeit an sich selbst, verändert.
Vielleicht reicht das, Vielleicht muß das einfach reichen.
Mah, ich hatte doch noch irgendwo Kerzen, wo sind denn die bloß?
Alles Liebe. Ich glaub an Dich.