Ich glaube, man kann das nicht verstehen. Ich habe es ja selbst nicht verstanden, seinerzeit. Bzw. wenn ich zurückdenke, dann fühlt es sich so an, als wäre ich unter einem magischen Bann gestanden. Völlig überwältigt und überrollt von extremen Gefühlen. Und in dieser Phase hielt ich alles für möglich.
Das Gefühl von gesehen werden, aber auch: den anderen sehen. Das ist womöglich die stärkste Kraft einer Affäre: dass man sich gegenseitig sieht und "erkennt". Ich spreche hier nicht von Affären, die in beiderseitigem Einvernehmen hauptsächlich zum Ausleben körperlicher Bedürfnisse eingegangen werden und dass man sich ansonsten auch gut versteht, ist dann sozusagen ein Bonus.
Nein, ich glaube nicht, dass man das verstehen kann, es ist auch schwierig zu erklären. Und ich glaube auch nicht, dass eine Erklärung meinerseits, warum ich damals in eine Affäre hineingeschlittert bin, große Erkenntnisse bringen könnte.
Ich kann es ja mal ganz kurz umreißen, ich denke, es ist ein ganz typischer Fall:
Ich kam aus einer 15-jährigen Beziehung, in der wir uns über die Jahre immer mehr voneinander entfernt hatten. Und die Paartherapie zum Ende hin hat eigentlich nur zu einer guten Trennung beigetragen. Ich war damals sehr bedürftig, innerlich erschöpft und auch nicht ganz bei mir. Ausgelaugt. Wollte auch keine neue Beziehung eingehen, erstmal. Ich wollte eigentlich wieder auf die Beine kommen und alleine sein.
Und dann fällt dieser Mensch in mein Leben, eigentlich gar nicht mein Typ. Doch er rührte auch etwas ganz tiefes in mir an. Wir sind beide nur 40 km voneinander entfernt geboren, im Abstand von 6 Jahren (er war älter als ich) und lebten aber mittlerweile beide in dieser ganz anderen Stadt, weit entfernt von unseren Geburtsorten. Er hatte in seinem Sprechen einen so vertrauten Klang, es erinnerte mich an meine Kindheit.
Und wir lernten uns auch in einem Freizeitbereich kennen, den wir beide aufgrund unserer Interessen aufsuchten. Es ergaben sich Gespräche, gemeinsame Wege. Schon die erste Begegnung, da hatten wir noch gar nicht wirklich miteinander gesprochen, nur ein paar Floskeln ausgetauscht, schon da schlug der Blitz ein, im wahrsten Sinne des Wortes. Und trotzdem sind wir noch gut 8 Monate umeinander herumgeschlichen, bis es dann zu einer Affäre wurde, sprich: es körperlich wurde (eine emotionale Affäre war es von Anfang an). Und diese Zeit war der absolute, der größte seelische Ausnahmezustand, den ich je erlebt habe.
Und ich weiß auch, dass er damals wirklich versucht hat, die Dinge zu klären. Ich habe darauf vertraut, dass die Dinge geklärt werden. Dass wir es irgendwie schaffen. Doch die Zeit verging, im Grunde wurde es immer komplizierter, dann geschah etwas in seiner Familie, was wirklich schlimm war, also ging es dann doch nicht usw. usf. Es würde jetzt viel zu weit führen, das noch weiter zu erzählen und es ist auch gar nicht wichtig hier in diesem Zusammenhang.
Was ich eigentlich sagen will: Dies ist meine Geschichte, bei anderen passiert es ganz anders. Es kann sein, dass man in der eigenen Beziehung eigentlich ganz zufrieden ist und dann passiert so etwas. Und es sind nicht nur Single-Frauen/Männer, die Affären eingehen. Nicht selten sind beide jeweils gebunden. Was es dann vermutlich noch komplizierter macht.
Ich habe viel nachgedacht seitdem. Darüber, wie ich Beziehung leben will. Welche Art von Beziehung ich mir vorstellen kann. Wo ich einfach durch Erziehung und Gesellschaft geprägt bin. Was ICH wirklich will und wie ich leben möchte.
Ich habe das große Glück, mittlerweile einen Partner zu haben, mit dem ich offen reden kann, auch über nicht so angenehme Dinge. Er weiß von dieser Affäre und was sie mit mir gemacht hat. Er hat das absolut verstehen können, denn er war selbst auch einmal als Singlemann die Affäre einer verheirateten Frau. Und für uns beide ist es das: einmal und nie wieder.
Ich denke, es ist absolut menschlich. Kein Mensch ist perfekt. Menschen enttäuschen einander. Sie bauen Mist. Das Problem ist, dass wir nicht gelernt haben, Beziehung zu leben. Wir haben als Vorbild immer nur die mehr oder weniger verkorksten Beziehungen unserer Eltern. Keiner erzählt einem, dass in langjährigen Beziehungen große Krisen passieren werden. Dass man sich entfremdet. Dass man sich fremdverliebt, auch das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und viele erliegen dann dieser Versuchung. Deswegen ist man kein Verbrecher.
Man geht nicht "gegen seinen Partner" eine Affäre ein, sondern für sich selbst. Man will damit seinem Partner nicht weh tun, sondern seine ganz eigenen Bedürfnisse stillen. Und die sind auch sehr menschlich, es geht um (s.o.) gesehen werden, es geht natürlich auch um S.
Ich habe in vielem meine eigene Haltung verändert. Ich habe mittlerweile gelernt, sehr offen zu kommunizieren, mit meinem jetzigen Partner. Auch wenn es unangenehm ist, gerade dann. Bewertungs- und vorurteilsfrei miteinander reden.
Wenn diese ganze Affäre überhaupt einen Sinn hatte, dann den, dass ich sehr viel über mich gelernt habe, seitdem. Ich habe viel gelesen, darüber, wie Menschen funktionieren, wie sie fühlen und was das Gehirn damit zu tun hat. Es gibt viel lesenswerte Literatur, es gibt Podcasts, Beziehungsexperten, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema Fremdgehen beschäftigen. Es ist Arbeit, das fällt einem nicht einfach so in den Schoß. Jeder zieht auch einen anderen Gewinn daraus, je nachdem, was man auch braucht.