@SaSch
Meine Gedanken dazu. Und mir liegt immer sehr viel daran, Dinge, die anscheinend sehr eng miteinander verbunden sind, so weit wie möglich zu separieren und getrennt voneinander zu betrachten und zu lösen.
Ihr wart vor 2 Jahren in einer Krise, die relativ nah mit der Geburt eures Sohnes zusammenhängen könnte, zumindest zeitlich. Da hatte sich also etwas in eurer Beziehung verändert. Ihr habt es beide erkannt und in einer PT alles erfahren und gelernt, was zu einer Beziehungsverbesserung führen konnte. Das ist dann auch gelungen. Dass nach eine anfänglichen Verbesserung der Alltag zurück kommen will, ist normal, wird aber von vielen Paaren nicht ernst genug genommen. Da wäre also vermutlich noch eine Möglichkeit gewesen, zwischen euch wieder mehr Nähe ehrzustellen.
Stattdessen habt ihr auf ein "Projekt" gesetzt, das neue Haus. Solche Projekte wirken sich in aller Regel positiv auf eine Beziehung aus, das WIR steht wieder im Mittelpunkt, euer Haus stand gleichermaßen im Interesse von beiden, die Beziehung fühlte sich lebendig an. Aber leider haben solche Projekte keine große Auswirkung auf die Intimität, und damit meine ich die gesamte Intimität, nicht nur die sexuelle. Projekte laufen auf der sachlichen Ebene ab, nicht auf der emotionalen oder auf der intimen Ebene. Und die Bemerkung, dass dein Mann dir manchmal so groß und übermächtig vorkommt, wenn er dich in den Arm nehmen will, zeigt, welche Gefühle sich da eine Bahn brechen: Früher war dein Mann vielleicht durch seine Größe für dich im Unbewussten eine der Beschützer. Der starke Mann an deiner Seite. Jetzt kommt in diesen Momenten eine ganz andere Sehnsucht ans Tageslicht: Die Sehnsucht nach Augenhöhe, nach sanfter Zärtlichkeit, ohne Unterordnung, sich gegenseitig das Beste gebend.
All diese Eigenschaften schreibst du deiner Freundin zu, mit der du ja offensichtlich damals eine sexuelle Beziehung geführt hast. Du weißt also noch, was ihr euch geben konnte, was sie dir geben konnte. Und das steht in krassem Gegensatz zu deinem Mann, der sich offensichtlich körperlich gehen lässt, der dir zu groß und zu beherrschend vorkommt und vor dessen Intimität du mehr und mehr auf der Flucht bist.
Natürlich besteht die große Gefahr, dass du in deine Freundin jetzt erheblich mehr projizierst, als sie hat und als sie halten kann. Du weißt ja auch nicht einmal, ob sie mit dir wieder eine echte Paarbeziehung führen will. Es scheint nicht, dass ihr darüber geredet habt, oder doch?
Sie ist dir vor allem emotional sehr nahe, und diese emotionale Nähe fühlt sich oft genau so an wie LIEBE, manchmal ist sie auch Liebe. Und körperlich droht dir da nichts, im Gegenteil. Sie scheint das Land der Verheißung zu sein, in das du gern einziehen würdest. Ob sie das wirklich sein kann ist noch offen.
Mein Rat geht dahin, dass du sie und die Möglichkeiten, die sich durch sie bieten, nicht so weit nach vorne stellst, sondern dir, am besten zusammen mit deinem Mann, klar wirst, wie ihr eine Trennung durchstehen würdet. Es geht dann zunächst NUR um die Trennung und die sehr komplizierten wirtschaftlichen Folgen, wenn ihr gemeinsam eine Praxis betreibt und gerade ein Haus gekauft habt. Da lauert viel Überraschendes und es wird kein Ponyhof, das sauber auseinander zu bekommen. Wenn sich im Laufe dieser Gespräche bei dir Zweifel auftut, ob das wirklich der beste Weg ist, könntet ihr ja noch mal ein paar Stunden bei einer Paartherapie buchen. Dort entscheidet sich meist schnell, wohin die Reise geht. Und Paartherapeuten begleiten eine Trennung ebenso gut wie sie einen Neuanfang begleiten. Es ist Alltag bei ihnen.
Die Freundin ist also nicht an erster Stelle, denn es kann gut sein, dass sie nicht das für dich sein kann, was du in sie hinein projizierst, mit ihr damals erlebt hast und dir jetzt erhoffst. Sie hat sich ganz sicher im Laufe der vielen Jahre auch verändert.
Also eine messerscharfe Analyse eurer Beziehung, das schonungslose Planen der Trennung (jeder für sich sollte das durchspielen, dann aber auch miteinander besprechen). Es gibt so unendliche viele Parameter, die eine Rolle spielen, dass man das wirklich sehr klar zu Ende denken sollte: Wo lebst du, wo arbeitest du, wo ist euer Kind, wie gehen eure Familien damit um? Dazu die vielen gesellschaftlichen Fragen, in denen das direkt bisherige Umfeld eine große Rolle spielt. Da sollte man nicht vernachlässigen. Und erst wenn die Trennung sich als klar und unvermeidbar heraus stellt, kann nach und nach die Freundin wieder eine Rolle spielen. Es wäre ihr gegenüber auch nicht fair, sich ihretwegen zu trennen, denn vielleicht würde sie das auch viel zu sehr belasten. Wenn die Trennungsgründe aber innerhalb eurer Beziehung liegen, ist nicht SIE der Trennungsgrund. Und das ist besser für sie und für das, was evtl. noch zwischen euch sein könnte. Danach wird dann die Entscheidung für oder gegen die Trennung gefällt.
Die Prioritätenliste: ERST du und dein Mann, dann eure Beziehung zueinander, dann evtl. die Trennung. Und erst danach entscheidet sich, ob du als Single lebst oder wieder eine Beziehung führst, mit wem auch immer.