Liebe Luna, erstmal fühl dich ganz fest gedrückt, denn was du im Moment durchmachst ist verheerend. Solch tiefer Liebeskummer in solchen Pandemiezeiten ist sicher unerträglich. Und der Kummer, den du um diesen Mann durchmachst ist ohnehin schon aus verschiedenen Gründen besonders und geht besonders tief. Ich kann das sehr gut nachempfinden, denn ich habe vor einigen Jahren ähnliches erlebt.
Ich hatte auf der Arbeit einen sehr lieben Mann kennen gelernt, mit dem ich eng zusammen arbeitete. Wir verstanden uns auf Anhieb und flirteten von Anfang an ein bisschen miteinander, so wie es halt ist, wenn man sich mit einem attraktiven Kollegen sehr gut versteht Ich dachte mir nicht viel dabei, zumal er damals noch glücklich verheiratet und ich in einer harmonischen Beziehung war. Er war einige Jahre älter als ich, hatte 2 schon erwachsene Kinder und war mit seiner Frau seit mehr als 20 Jahren verheiratet. Was ich nicht wusste war, das seine Frau damals schon sehr krank war. Sie hatte Knochenkrebs, doch er erzählte davon null komma garnichts. Nur ein oder zwei gute Freunde wussten bescheid, die ebenfalls bei uns beschäftigt waren.
So vergingen die Monate ohne das irgendwas zwischen uns passierte. Er war mir einfach nur sehr sympathisch und ich genoss seine Aufmerksamkeit. Das ich damals schon dabei war, mich in ihn zu verlieben gestand ich mir erst sehr viel später ein. Dann eines Tages tobte bei uns ein heftiger Sturm. Viele Kollegen kamen am nächsten Morgen nicht zur Arbeit, da die Straßen von umgestürzten Bäumen blockiert waren. Auch er kam nicht, doch dabei dachte ich mir noch nichts. Dann einige Stunden später, hörte ich einen Kollegen mit ihm telefonieren und ich spürte sofort, das etwas nicht stimmte. Er entschuldigte sich für sein Fehlen mit der Begründung, das seine Frau im Sterben läge und er bei ihr sein wolle. Wir alle waren wie vom Donner gerührt. Erst jetzt rückte einer seiner Freunde mit der Sprache heraus und erzählte uns von der Krankengeschichte seiner Frau. Sofort war mir klar, das nun eine schwierige Zeit für unsere Zusammenarbeit beginnen würde und mir wurde klar, das ich emotional viel tiefer drin hing, als gut für mich war.
Er blieb der Arbeit für mehrere Wochen fern. Seine Frau starb noch am Tag seines Telefonats mit dem Kollegen. Ich dachte jeden Tag an ihn, versuchte ihm Kraft zu schicken durch meine Gedanken und endlich gestand ich mir ein, das ich mich verliebt hatte. Wir schrieben im Kollegenkreis eine Karte, sammelten für einen Blumengruß, den seine Freunde mit zur Beerdigung nahmen und ich befand mich in einer Gefühlsachterbahn, denn mir war klar, das nun bald etwas sehr einschneidendes passieren würde.
Als er nach mehreren Wochen wieder auf der Arbeit erschien, war er blass und dünn geworden. Ich sah ihn im Kreis der Kollegen stehen, die ihm ihr Beileid aussprachen und ich konnte sehen, wie unangenehm ihm das war. Ich wartete bis der Auflauf vorbei war, strich ihm nur kurz über den Arm und sagte, tut mir leid. Da nahm er mich zum ersten mal in den Arm. Ich war so gerührt darüber, das ein Teil meines Herzens ihm zuflog und es sollte nie wieder zu mir zurück kehren.
Das ganze hört sich jetzt sehr pathetisch an, aber so war es und so war meine Empfindung. Wir arbeiteten in den kommenden Wochen noch harmonischer und noch intensiver zusammen. Unsere Blicke trafen sich, wann immer es möglich war und das blieb auch unseren Kollegen nicht verborgen. Ihre Warnungen schlug ich in den Wind. Ich war verliebt wie noch nie vorher in meinem Leben und er gab mir so viel zurück, das ich jede rote Ampel ignorierte.
Es dauerte noch 4 Monate, bis wir uns zum ersten mal privat trafen. Meine Liebe hatte ich ihm da schon längst gestanden. Er hatte darauf zurückhaltend reagiert. Er erklärte mir, das er noch nicht in der Lage sei, diese Gefühle zu erwidern. Das war natürlich sowas von klar für mich und ich schwor ihm, das ich geduldig warten würde, bis er dazu bereit sei. In der Zwischenzeit traf ich die entsprechenden Vorkehrungen. ich beendete meine bis dahin harmonische langjährige Beziehung und suchte mir eine neue Wohnung, die ich mit viel Energie und Liebe renovierte. Ich stockte meine Stunden auf, um mehr Geld zu verdienen, welches ich in die Wohnung und gemeinsame Reisen mit ihm investieren könnte. Ich baute uns ein Nest, denn er wollte bei seinem zwar erwachsenen aber noch in Ausbildung befindlichem Sohn wohnen bleiben. Ihm wollte er nicht zumuten, uns bei Intimitäten zusehen zu müssen. Ich durfte ihn zwar kennen lernen aber von seiner Tochter hielt er mich noch fern. Diese hatte nicht nur mit ihrer Trauer zu tun sondern war selbst auch gerade Mutter geworden. Es wunderte mich also nicht, das er sie schonen wollte.
Auf der Arbeit flirteten wir weiter und genossen die gemeinsamen Stunden. Wir planten gemeinsame Reisen, ein Haus auf dem Land und die Anschaffung eines Hundes. Die Zukunft erschien mir rosig und ich freute mich darauf. So überfuhr ich munter jedes Stopschild, schlug alle Warnungen in den Wind und war verliebt wie nie zuvor. Als mein damaliger Partner, von dem ich mich zuvor getrennt hatte, dann Reisen war, lud ich ihn zu mir ein. Meine neue Wohnung war bereits angemietet aber noch im Rohbau . Wir hatten zum ersten mal Sex und es war das schönste und intensivste, was ich bis dahin erlebt hatte.
Wie du es auch beschreibst, hatte ich noch nie vorher etwas ähnliches erlebt. Seine Seele lag offen vor mir und ich war nur zu bereit, diesem Mann alles zu geben, was ich zu geben im Stande war.
Einige Wochen später zog ich in meine neue Wohnung und freute mich wie Bolle, das nun endlich unsere herrliche gemeinsame Zukunft beginnen könnte. Seine Frau war da schon 6 Monate tot. Und ich akzeptierte völlig, das sie für immer eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen würde. Er hatte mit mir stundenlang alte Fotos von gemeinsamen Urlauben angeschaut und mich so teilhaben lassen an seinem Vorleben. Er schickte mir Fotos von der Grabgestaltung und fragte mich nach meiner Meinung dazu. Für mich war völlig klar, das ich die Frau seiner Zukunft sein würde. Und seine verstorbene Frau durfte und sollte selbstverständlich ebenfalls Bestandteil seines Lebens bleiben.
Doch dann wendete sich plötzlich das Blatt. Ich bat ihn um ein Treffen in meiner Wohnung, die nun endlich fertig war. Ich hatte ihm zwar schon Bilder geschickt aber nun endlich wollte ich ihm alles zeigen und ihn bei mir haben, damit unsere Zukunft beginnen könnte. Er sagte ab und schob irgendein blödes Treffen mit seiner Schwägerin als Begründung vor. Auf mein Bitten hin, sagte er zu, wenigstens am Abend für ein paar Stunden zu kommen. Doch er kam nicht. Und nicht nur das, plötzlich ging er auf Abstand auch auf der Arbeit. Er ignorierte meine Nachrichten, er ging nicht ans Telefon. Er war zu keinerlei Aussprachen bereit. Er blockte mich wo immer es ging völlig ab. Ich litt aber noch glaubte ich an uns.
Wochen später hörte ich von einer Kollegin, sie habe ihn in der Stadt getroffen. Zusammen mit einer anderen Frau. Ich fiel aus allen Wolken und schlug hart auf. Ich bedrängte ihn zu einem weiteren klärenden Treffen. Ich wollte endlich hören, was passiert war, was ich falsch gemacht hatte. Erst nach Wochen und Monaten war er dazu bereit. Wir trafen uns im Auto auf dem Parkplatz und er bat mich, woanders hin zu fahren, damit wir nicht von Kollegen gesehen werden können. Das hätte mich skeptisch werden lassen müssen, doch ich ignorierte eine weitere rote Linie. Natürlich kam es nicht zu der notwendigen Aussprache, sondern noch einmal zu leidenschaftlichem Sex. Es folgte wieder ein ewiges und quälendes Hin und Her - über weitere Wochen und Monate. Dann noch einmal ein Treffen in einem Cafe , was wir in seiner Wohnung fortsetzten. Natürlich wieder mit Sex. Unmittelbar danach schickte er mich weg, unter einem fadenscheinigen Vorwand. Zum ersten mal wurde mir seine Zerrissenheit bewusst und ich konnte sehen, wie sehr er selbst unter der Situation litt. Die Information über sein Treffen mit der anderen Frau hatte ich da längst verdrängt. Noch immer dachte ich, es ginge nur um seine verstorbene Frau und um mich. Ich wusste nicht mehr wo vorne und wo hinten war. Ich fühlte mich abgelehnt und zutiefst verletzt. Wie in Trance irrte ich durch die Stadt, fühlte mich schmutzig und benutzt, wie eine Prost., die er nach belieben rufen und weg schicken konnte wie er es brauchte. Und endlich rührte sich sowas wie das Bedürfnis nach Selbstschutz in mir.
Ich wusste, das ich so vor die Hunde gehen würde, also begann ich, mich nun ebenfalls rigoros zu distanzieren. Ich kündigte meine Arbeitsstelle und suchte mir etwas neues, was in meinem Beruf nicht weiter schwierig ist. Über soziale Medien begann ich aber Nachforschungen über ihn anzustuellen, All das ließ mir noch längst keine Ruhe und ich wollte wenigstens verstehen, was da passiert war. Ich wollte ihn verstehen. Doch ich fand nichts. Erneut schrieb ich ihn an und bat ihn um eine Stellungnahme, doch nichts kam. Aber er begann wieder im flirty Ton mit mir zu schreiben und als ich fast wieder einem Treffen zugestimmt hätte, erklärte er mir endlich, dass er sich nun in einer Beziehung mit einer anderen Frau befände.
Meine Welt brach nun wirklich zusammen, doch ich hatte soviel Energie in all dem Hin- und Her verloren, dass ich nicht mehr in der Lage war, mich nun endlich ganz von ihm loszureißen. Das gelang mir erst Jahre später und mit therapeutischer Hilfe und der Hilfe meines neuen alten Partners.
Inzwischen haben der Witwer und ich keinen Kontakt mehr. Nur manchmal fahre ich noch an unserer damaligen Arbeitsstelle vorbei und sehe dort sein Auto stehen. Dann weiß ich, das es ihm gut geht, dass er noch lebt und wahrscheinlich gesund ist.
Mein Leben ist sehr ruhig geworden inzwischen. Ich lebe wieder mit meinem Partner zusammen, den ich für diesen Mann damals verlassen hatte. Er gibt mir Ruhe und Stabilität und hat mich aufgefangen, als ich psychisch und physisch zusammengebrochen war. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Er liebt mich und ist für mich da, wo es sonst niemand mehr ist. In meinem Wahn und meinem Schmerz von damals, habe ich sehr viel Porzellan zerschlagen. Ich habe Freundschaften beendet und den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen. Ich war psychisch krank, litt an einer Depression und in meinem Schmerz schlug ich um mich.
Heute bin ich wieder gesund und arbeite erfolgreich in einem anderen Unternehmen. Diese Arbeit macht mir nach wie vor sehr viel Freude. In manchen Situationen denke ich noch voll Dankbarkeit an ihn, "meinen" Witwer zurück, an diesen Mann von dem ich so unendlich viel auch beruflich gelernt habe und für den ich alles gegeben hätte, weil er für mich eine Zeit lang alles war.
Ich aber war für ihn "nur" seine Übergangsfrau, die er benutzte, um sich aus seiner langjährigen Ehe zu lösen, mit der Trauer klar zu kommen und sich dem Leben wieder zu öffnen. Damals war ich für ihn da und er nahm, was ich ihm gab, dankbar an. Das er mich dabei aussaugte und mir Verletzungen zufügte, die lange nicht heilen wollten, sah er nicht und ich glaube er wollte das auch nicht sehen. Er war blind von seinen eigenen Schmerzen, die ihm die Sicht auf mich nahmen. Ich hatte mich ihm bereitwillig geopfert und wollte nichts mehr als von ihm geliebt werden. Das er dazu nicht und niemals in der Lage sein würde, ignorierte ich.
An den allermeisten Tagen genieße ich heute wieder mein Leben, wenn z.B. der Schnee fällt und unseren Garten überzuckert. Wenn die erste Frühlingssonne wieder kommt und ich mit einem Kaffee auf der Bank sitze. Ich weiß, mein jetziger Partner wird dann neben mir sitzen und meine Hand halten. Und ich weiß, das ich ihn und überhaupt nie wieder jemanden so sehr "lieben" werde, wie ich diesen Witwer damals geliebt habe. Aber das was ich jetzt Liebe nenne, war im Grunde nur eine Illusion. Diese Art von rauschhafter Liebe diente im Grunde nur der Befriedigung seiner und meiner Bedürfnisse. Ich wollte mir mit ihm meinen Traum von Familie, Glück und Lebensfreude erfüllen, den mein damaliger und heutiger Partner mir nicht bieten konnte und wollte. Er wollte durch die Beziehung mit mir seine Trauer verarbeiten, sich ablenken und seine Schmerzen ertragen. Liebe war das nicht! Das ist mein zugegeben etwas bitteres Fazit!
Ich habe vor kurzem ein Sprichwort gelesen, in dem glaube ich sehr viel Wahrheit steckt: Liebe beginnt dort, wo Gefühle schon längst an ihre Grenzen gestoßen sind. Und genau so ist es wohl. Liebe ist nicht der Rausch, den wir wohl beide mit unseren Witwern erlebt haben. Dieser Rausch entstand durch existenzielle Erfahrungen, die unsere Seelen offen gelegt und uns schutzlos und verwundbar gemacht haben. Die Liebe die ich jetzt mit meinem Partner erlebe hat nichts von diesem Rausch. Sie ist vielmehr ruhig und warm und gibt mir Stabilität und Sicherheit. Ob sie bleibt, wissen wir nicht, wir können es nur hoffen. Sie erfüllt mir nicht meine Kleinmädchenträume aber sie ermöglicht mir ein gutes Leben als nun erwachsene, gereifte Frau.
Ich hoffe inständig, du kommst besser mit dem erlebten zurecht, und schneller darüber hinweg, als ich damals. Ich brauchte Jahre und hatte letztlich einen guten Therapeuten und viel Glück. Ich wünsche dir das deine Wunden besser und schneller heilen und du ein neues Glück findest. Bis dahin, sei gut zu dir selbst. Versuche nicht weiter, ihn zu verstehen, denn das kannst du nicht. Er tut was er tut um sich selbst zu retten und dabei greift er nach jedem Strohhalm, der sich ihm bietet. Du aber solltest dich schützen, denn dich hat er bereits geknickt und verletzt. Pass auf, das er dich nicht gänzlich zerreißt. Das was dir jetzt helfen kann, ist deine Selbstliebe zu aktivieren. Auch wenn es schwer fällt, du kannst ihn nicht retten aber vielleicht und mit viel Glück dich selbst. Nur du selbst kannst dich heilen, niemand sonst. Kein Prinz, kein Traummann, nicht George Clooney und auch nicht dieser Witwer. Heile dich selbst und dann findest du sicher jemanden, der dich ergänzt und der dich liebt, so wie du bist.
Alles Gute für dich!