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Verlustangst durch Trennung

Lilly22

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@Scheol Tut mir leid, wenn du dich angegriffen fühlst. Das ist selbstverständlich ein Schreibfehler. Smartphones machen sowas ja bekanntlich manchmal.
Ich denke, wir sind alle zu einem gewissen Grad in irgendwelchen Bereichen traumatisiert und ich habe ja an keinem Punkt behauptet, dass ich nicht genauso viele toxische Anteile in der Beziehung gehabt haben könnte. Eine Beziehung besteht immer aus zwei Menschen.
Aber ich bin zumindest der Part gewesen, der sich öffnen kann, über Gefühle sprechen möchte, sehr viel Selbstreflektion betreibt und wenigstens versucht, sich mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen Belastungen auseinanderzusetzen. Ich halte Kommunikation von eigenen Bedürfnissen und Grenzen für ziemlich entscheidend, wenn eine Beziehung funktionieren soll und damit hatte eben vor allem er so seine Probleme.
Eine Therapie hatten wir beide geplant, da uns bewusst war, wie traumatisch die letzten zwei Jahre für uns gewesen sind. Dauert leider nur meistens seine Zeit, etwas zu bekommen.

Letztlich geht es ohnehin weniger darum, ob die Trennung die richtige Entscheidung war. Dass wir kein gutes Match waren, wird mir mit dem objektiveren Blick von außen jetzt auch immer mehr klar. Dennoch war er der wichtigste Mensch für mich und es fällt mir eben schwer, seine krasse und plötzliche Veränderung nachzuvollziehen und zu verdauen.

31.10.2022 21:26 • #16


Lilly22

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@Fanta1
Ich kann es wie gesagt nicht ausschließen. Mir ist bis heute nach 4 Monaten nichts dergleichen zu Ohren gekommen und er wirkt eben auch nach wie vor recht verloren und unzufrieden bzw. weiß scheinbar nicht, wie es für ihn weitergeht. Ich habe insgesamt auch eher den Eindruck, dass es ihn völlig überfordern würde, sich gerade auf was neues einzulassen, weil er sich erstmal selbst finden muss.
Die Theorie mit dem Kumpel halte ich für deutlich wahrscheinlicher. Jetzt hab nur noch ich Priorität ist kein Satz, der zuvor jemals aus ihm herausgekommen wäre.
Klingt immer so, als würde ich das verurteilen. So ist es aber im Grunde gar nicht. Im Gegenteil - ich hätte mir in der Beziehung oft gewünscht, dass er mehr auf sich selbst schaut und ich möchte natürlich auch, dass es ihm gut geht.
Es ist halt schade, dass man sich die Chance nimmt, solche Veränderungen mal innerhalb der Beziehung anzustoßen.

Auf mich wirkt die Entscheidung sehr endgültig. Allein das ist schon erstaunlich - er hat nie klare Entscheidungen getroffen.
Aber von meiner Seite würde es auch nicht mehr funktionieren. Es ist zu viel kaputtgegangen und es passt einfach nicht mehr.

31.10.2022 21:37 • #17



Verlustangst durch Trennung

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Scheol

Scheol

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Zitat von Lilly22:
...Mein Ex hat da schon extreme Dinge mit mir durchgemacht. Es gab Phasen mit Todesangst, viele Krankenhausaufenthalte, ne OP, ne lange Phase der fast-Bettlägerigkeit, sehr viel Verzweiflung und Ohnmacht. Er hat die ganze Zeit über gesagt, er kann das und es sei kein Problem. Er würde daran wachsen. In der Rolle des Kümmerers ist er total aufgegangen und war viel selbstbewusster als im normalen Alltag. Das war wohl einer der Gründe, weshalb wir alle nicht gesehen habe, wie sehr es ihn wirklich belastet. Seine Familie hat dieses Verhalten immer mehr oder weniger erwartet. Von der Seite gab es sowieso fast nie Wertschätzung oder Interesse an seinem seelischen Zustand. Meine Familie hat sich darum immer viel gekümmert, aber da war er dann vermutlich nicht ehrlich.
Und ja genau, er hat gar nicht darüber gesprochen. Ich habe es desöfteren angesprochen und auch immer wieder mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber thematisiert. Zuletzt sind wir in eine neue Wohnung gezogen und davor gab es natürlich von meiner Seite auch viele Gesprächsansätze, ob er sich damit sicher ist. Es hieß immer, er würde mich über alles lieben und sei ganz sicher.

Na ich habe eher den Eindruck das du sich angegriffen fühlst…


Du schreibst hier ,…. Extrem Dinge durch gemacht…..sehr verzweifelt , Ohnmacht….Todesangst.

Ein Trauma ist eine existenziell bedrohliche Situation/ Ereignis, sich ohnmächtig gegenüber einer Situation fühlen . Einer Situation ausgeliefert sein. Das war wohl mehrfach der Fall wie du berichtest.

Die Aussage , das er damit umgehen kann , ist der berühmte Deckel auf dem Trauma , was irgendwann hoch ploppt. ( ich gehe davon aus das das mit dem Ereignis ca. 2 Jahren +/- 6 Monate her ist.

„Der kümmerer,“ darüber hat Damir Charf ein Videos bei YouTube hineingestellt.

„Er hat nicht darüber gesprochen“,…. Es gibt drei Verhaltensweisen bei Trauma , weglaufen ( was er vermutlich letztendlich gemacht hat ) . Der Angriff ( was Opfer wird zum Täter ) . Oder eben das einfrieren , nicht darüber reden können , weil die Belastung zu hoch ist , somit drückt man dieses Thema zur Seite.

ich selbst würde behaupten das er dich liebt , aber die Angst das dir etwas passieren könnte, das er dich verlieren könnte war zu groß.

Menschen die Personen durch Tod verlieren , trennen sich ab und an aus Beziehungen. Weil sie die Kontrolle „des gehens“, haben wollen . Wann jemand geht . Um nicht nochmal diese spontanen , überraschenden Schmerz von außen spüren zu müssen. Also bestimmen sie den Moment , und trennen sich.

31.10.2022 21:40 • x 2 #18


Scheol

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Zitat von Lilly22:
...Dennoch war er der wichtigste Mensch für mich und es fällt mir eben schwer, seine krasse und plötzliche Veränderung nachzuvollziehen und zu verdauen.

Bei der Geschichte die du erlebt hast , sind auch sicherlich Spuren geblieben.

Man hat eine Bezugsperson der man vertraut , nun ist diese Vertrauensperson gegangen , und man fühlt sich umso leerer,

31.10.2022 21:43 • x 1 #19


Lilly22

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@Scheol Vermutlich habe ich das im ersten Moment auch. Liegt einfach daran, dass ich mich fast mehr damit auseinandergesetzt habe, wie das alles für ihn gewesen sein muss als wie es für mich war. Das hat mich die letzten Monate emotional sehr mitgenommen. Während man noch in der Situation (der Beziehung) steckt, sieht man vieles ja einfach nicht und während man noch selbst körperlich ausgeschaltet ist, bleibt kein Raum sich mit dem anderen zu befassen. Man überlebt eben irgendwie.
Du erklärst das mit dem Verhalten bei Trauma gut. Ich kann grundsätzlich wirklich auch vieles nachvollziehen. Meine Mutter ist seit vielen Jahren schwer chronisch krank und ich wurde immer wieder mit kritischen Situationen voller Ohnmacht und Überwältigung konfrontiert. Man distanziert sich irgendwann emotional, weil man es sonst nicht ertragen würde. Vor allem, wenn es einem selbst nicht gut geht und man keine Ressourcen mehr zur Verfügung hat.
Der Punkt für mich war, wie verletzend er sich mir gegenüber verhalten hat und dass er mich so stark reduziert hat auf etwas, das ich nicht beeinflussen kann. Obwohl unsere Beziehung so viel mehr war als das und wir auch so aneinander gewachsen sind. Es war demütigend und entwertend. Und selbst wenn ich in der Theorie verstehe, wie so ein Verhalten zustande kommen könnte, kann ich trotzdem nicht nachvollziehen, dass es selbst mit Abstand nicht reflektiert wird. Aber vermutlich verlange ich da zu viel in der kurzen Zeit.

31.10.2022 21:52 • #20


Lilly22

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@Scheol Ja ganz genau. Natürlich wurde das bei mir jetzt noch auf den schweren Rucksack draufgepackt. Nicht jeder hat ja in meinem Alter innerhalb der Beziehung schon so schwere Zeiten miteinander durchgemacht. Da hat die andere Person noch eine viel tiefere Bedeutung. Er hat mich am Abgrund gesehen.

31.10.2022 21:54 • #21


Scheol

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Zitat von Lilly22:
...Der Punkt für mich war, wie verletzend er sich mir gegenüber verhalten hat und dass er mich so stark reduziert hat auf etwas, das ich nicht beeinflussen kann. Obwohl unsere Beziehung so viel mehr war als das und wir auch so aneinander gewachsen sind. Es war demütigend und entwertend. Und selbst wenn ich in der Theorie verstehe, wie so ein Verhalten zustande kommen könnte, kann ich trotzdem nicht nachvollziehen, dass es selbst mit Abstand nicht reflektiert wird. Aber vermutlich verlange ich da zu viel in der kurzen Zeit.

Du wirst bei diesem Thema oft lesen „ das Opfer wird zum Täter“.

Hier bei dem Fall, er der verständnisvolle Partner ( in dem Fall das sogenannte Opfer der Situation ) will durch das Trauma raus aus der Situation und geht egoistisch raus aus der Situation, Täter.

31.10.2022 22:02 • #22


Klio

Klio

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Lilly, ich finde du hast für dich in den 4 Monaten bereits viel aufgearbeitet und du schreibst sehr klar, präzise und verständlich.
Es tut mir leid zu hören, dass du mit den Spätfolgen immer noch zu kämpfen hast und obendrein diese Trennung plus zeitnahen Wiederumzug durchzustehen hast

Zitat von Scheol:
Hier bei dem Fall, er der verständnisvolle Partner ( in dem Fall das sogenannte Opfer der Situation ) will durch das Trauma raus aus der Situation und geht egoistisch raus aus der Situation, Täter

Finde ich von dem was man gelesen hat, erst einmal Recht schlüssig. Sein Verhalten könnte damit gut erklärt werden aber am Ende weiß man es halt leider nie. Sein immer Liebseinmüssen und das Ausbrechen daraus finde ich zb. auch wiederum einen guten Ansatz.

Ich hoffe du machst dir keine Vorwürfe? Du hast erwähnt, dass du dich auch um sein Wohl gesorgt hast und mit ihm das Gespräch gesucht hast, auch vor dem gemeinsamen Umzug.
Er hatte viele Möglichkeiten zu reden. Wenn er so sorgend ist, hätte er vor dem Umzug bedenken können, wie einschneidend dieses Erlebnis des Wiederumziehens nach so kurzer Zeit für dich ist. Das ist nicht -lieb-... Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht da schon Momente des Zweifelns hatte, ob er das weiterhin aushält, es das Richtige für ihn ist.
Auch hier kann man wieder Erklärungen für sein Verhalten finden (und welche davon stimmen oder nicht, wird man wahrscheinlich nicht erfahren), dennoch ist es keine Entschuldigung. Ich hoffe du gerätst da nicht ins Wanken mit dir.

31.10.2022 23:39 • #23


Klio

Klio

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Zitat von Lilly22:
ich habe den Eindruck mein Ex ist vielleicht nie der Mensch gewesen, der er in der Beziehung zu sein schien. Anders kann ich mir seine Veränderung kaum erklären.


Zitat von Lilly22:
Er ist sein ganzes Leben nie so richtig für sich selbst eingestanden und hat immer nur an andere gedacht. Ich vermute, dass das daher rührt, dass er in seiner Familie nicht gesehen wurde. Es war seine Programmierung, lieb zu sein, um geliebt zu werden.

Er ist nie der Mensch gewesen der, er zu sein schien oder wie du in dem anderen Thread geschrieben hast - plötzliche Persönlichkeitsveränderung.
Das scheint dich zu beschäftigen und ich kann das nachvollziehen. Meiner musste auch immer lieb sein und hat mich auch nach 5 Monaten festen gemeinsamen Wohnen ausgetauscht (auch mir ging es im letzten Jahr nicht gut, aber kein Vergleich zu deinem Ergehen).
Dieser Mensch, der er war bzw. nie war. Vielleicht ist ihm das selbst etwas unbewusst bewusst, kann es nur nicht ganz greifen. Sein selbst ist vielleicht nicht richtig ausgebildet, er ist orientierungslos. Hattest du das Gefühl, dass er sich in euren ersten vier Jahre an dir orientiert hat?
Mit diesem nicht ganz ausgebildeten selbst meine ich, dass wenn man immer nur darauf programmiert ist lieb zu sein, das somit auch selbst von sich erwartet, fehlt einiges an Entwicklungsspielraum. Er lebt in festgestecken Grenzen und leugnet sein Inneres, empfindet zeitweise eventuell auch eine Leere, weil ihm etwas von seinem selbst fehlt bzw es nicht kennt und ergo manchmal gar nicht weiß wer er ist.
Das war jetzt recht spekulativ. Gedankenfetzen, die ich mir bezüglich meines damaligen Partners gemacht habe.

01.11.2022 00:08 • #24


Lilly22

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@Klio Danke Klio, du analysierst das wirklich sehr treffend!

Ich bin tatsächlich damals direkt innerhalb von zwei Wochen ausgezogen, was für mich in meinem körperlichen Zustand sehr schwierig war. Er hat die Wohnung noch 3 Monate lang bewohnt (Kündigungsfrist) - ist jetzt aber auch ausgezogen. Komplett absurd, wenn man sich überlegt, was wir da alles reingesteckt haben. Er hatte sogar einige Möbel extra angepasst selbst gebaut! Und der Einzug fand an meinem 30. Geburtstag statt mit kleiner Überraschungsparty - alles von ihm organisiert.

Zitat von Klio:
Finde ich von dem was man gelesen hat, erst einmal Recht schlüssig. Sein Verhalten könnte damit gut erklärt werden aber am Ende weiß man es halt leider nie. Sein immer Liebseinmüssen und das Ausbrechen daraus finde ich zb. auch wiederum einen guten Ansatz.


Ja, es gibt wirklich einige schlüssige Ansätze und alle Aspekte kann man ja sowieso nie darlegen. Das wäre ein Roman.
Das Spannende für mich ist, dass eigentlich ich immer diejenige war, die ihn animiert hat, seine Meinung zu sagen und Grenzen zu setzen. Fühlt sich nun ein wenig nach eigene Grube graben an
Bei seiner Familie dürfte es hingegen ziemlich schwierig werden, so ein verändertes Verhalten auszuleben. Und wenn, dann wird es das Verhältnis vermutlich stark beeinflussen.


Zitat von Klio:

Ich hoffe du machst dir keine Vorwürfe? Du hast erwähnt, dass du dich auch um sein Wohl gesorgt hast und mit ihm das Gespräch gesucht hast, auch vor dem gemeinsamen Umzug.
Er hatte viele Möglichkeiten zu reden. Wenn er so sorgend ist, hätte er vor dem Umzug bedenken können, wie einschneidend dieses Erlebnis des Wiederumziehens nach so kurzer Zeit für dich ist. Das ist nicht -lieb-... Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nicht da schon Momente des Zweifelns hatte, ob er das weiterhin aushält, es das Richtige für ihn ist.
Auch hier kann man wieder Erklärungen für sein Verhalten finden (und welche davon stimmen oder nicht, wird man wahrscheinlich nicht erfahren), dennoch ist es keine Entschuldigung. Ich hoffe du gerätst da nicht ins Wanken mit dir.

Ich habe mir schon viele Vorwürfe gemacht und in manchen Bereichen sollte ich mir die sicher auch machen. Neben der ganzen akuten Problematik hatten wir ja schließlich auch eine Beziehungsdynamik zu der ich meinen Teil beigetragen habe. Und ich bin alles andere als frei von Fehlern.
Man denkt auch viel darüber nach, ob man selbst schon früher die Entscheidung für ihn hätte treffen müssen, damit er aus dem Abhängigkeitsverhältnis entkommen kann. Ich bewundere Leute, die sowas in meiner Position können. Aber vermutlich hätte er das gar nicht zugelassen.
Tja, es ist irgendwie schwer vorstellbar, dass, wenn man sich schon bewusst für einen Umzug entscheidet, man es 5 Monate später schon so unerträglich findet, dass man alles derartig planieren muss. Ich weiß nicht, was da für Abspaltungs- und Verdrängungsmechanismen am Werk waren.

Zitat von Klio:
Dieser Mensch, der er war bzw. nie war. Vielleicht ist ihm das selbst etwas unbewusst bewusst, kann es nur nicht ganz greifen. Sein selbst ist vielleicht nicht richtig ausgebildet, er ist orientierungslos. Hattest du das Gefühl, dass er sich in euren ersten vier Jahre an dir orientiert hat?
Mit diesem nicht ganz ausgebildeten selbst meine ich, dass wenn man immer nur darauf programmiert ist lieb zu sein, das somit auch selbst von sich erwartet, fehlt einiges an Entwicklungsspielraum. Er lebt in festgestecken Grenzen und leugnet sein Inneres, empfindet zeitweise eventuell auch eine Leere, weil ihm etwas von seinem selbst fehlt bzw es nicht kennt und ergo manchmal gar nicht weiß wer er ist.

Wenn du das so sagst könnte man fast meinen, du kennst ihn
Ich denke, er hatte keine Chance sein Selbst auszubilden. Seine Schwester ist genauso wie er und auch da wird es langsam problematisch. Irgendwas hat in deren Familie gefehlt.
Gerade zum zweiten Absatz würde er dir vermutlich sogar selbst sagen, dass er sich genau so fühlt!

Gerade seine Reaktion auf Kritik hat sich bemerkenswert verändert. Früher ist er bei Vorwürfen einfach nur stumm und blass geworden und hat dann immer die Schuld auf sich genommen - auch wenn er gar nicht Schuld war. Das ist innerhalb der Beziehung vielleicht ein wenig besser geworden, aber es war trotzdem ein echtes Problem.
Nach der Trennung prallt plötzlich alles an ihm ab, er gesteht keinen einzigen Fehler ein (da kam dann sowas wie sorry, dass du das so empfunden hast) und er ist gleichzeitig selbst extrem schnell angefasst und wird regelrecht zickig. Total verblüffend für mich.

01.11.2022 07:53 • #25


Scheol

Scheol

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Zitat von Lilly22:
Ich weiß nicht, was da für Abspaltungs- und Verdrängungsmechanismen am Werk waren.

Komplexe posttraumatische Belastungsstörung

Besonders schwere oder wiederholte bzw. langanhaltende Traumatisierungen, zum Beispiel infolge psychischer, körperlicher oder S. Gewalterfahrungen oder auch Erfahrungen körperlicher bzw. emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit, können erhebliche Beeinträchtigungen desErlebens, Denkens, Fühlens und auch der Interaktion mit der Umwelt nach sich ziehen.
Bei vielen Betroffenen prägt sich ein vielfältiges Beschwerdebild aus, das ein Muster typischer Veränderungen beinhaltet und als komplexe posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet wird:

Veränderungen der Emotionsregulation und Impulskontrolle
Oft haben die Betroffenen erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit belastenden oder unangenehmen Gefühlen wie zum Beispiel Ärger, Wut oder Trauer.
Es gelingt ihnen nicht, die nötige Distanz zu den inneren Vorgängen herzustellen und sich selbst zu beruhigen. Entsprechend reagieren sie entweder unverhältnismäßig emotional, zum Teil bis hin zum Kontrollverlust, oder wenden große Kräfte auf, um die ihnen bedrohlich erscheinende eigene Emotionalität vor den Mitmenschen zu verbergen.

Sind die Betroffenen in ihrer Regulationsfähigkeit überfordert, äußert sich das gelegentlich auch in Wutausbrüchen, fremd- bzw. selbstverletzendem Verhalten oder „Selbstberuhigungsversuchen“ mittels Alk. oder Dro..
Viele Betroffene haben überdies mit starken autodestruktiven Impulsen zu kämpfen, was sich nicht nur durch vorsätzliche selbstverletzende Handlungen bis hin zur Suizidalität, sondern auch durch offenkundige Nachlässigkeit in Sicherheitsfragen äußert. Auch die Vermeidung oder im Gegenteil das übermäßige bis zwanghafte Ausleben von S. gehören in diesen Bereich.

Veränderungen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein
Komplex Traumatisierte berichten häufig von Bewusstseinsphänomenen wie dissoziativen Episoden, in denen sich ihr bewusstes Erleben von der Außenwelt zurückzieht, ausgeprägten Erinnerungslücken oder sogenanntem Derealisations- bzw. Depersonalisationserleben, während dem die Umwelt distanziert und wie unwirklich erscheint oder das Gefühl besteht, wie neben sich zu stehen. Andererseits kann es auch zu belastendem Wiedererleben der traumatisierenden Erfahrungen in Form intrusiver Symptome kommen.

Veränderungen der Selbstwahrnehmung
Viele Betroffene erleben sich selbst als hilflos und haben das Gefühl, nur wenig Einfluss auf den Verlauf ihres Lebens nehmen zu können. Oft melden sich ausgeprägte Schuldgefühle, selbst in Situationen, in denen deutlich ist, dass der Betreffende keine Verantwortung zu tragen hat.
Viele komplex Traumatisierte fühlen sich isoliert von ihren Mitmenschen und haben aufgrund von Schamgefühlen große Schwierigkeiten damit, sich anderen Menschen so zu zeigen, wie sie sind. Zumeist besteht nur ein geringes Selbstwertgefühl und häufig leben Betroffene in der Überzeugung, von niemandem wirklich verstanden zu werden.

Veränderungen in Beziehungen zu anderen
Aufgrund ihrer häufig äußerst belastenden Vorerfahrungen im zwischen­menschlichen Bereich haben komplex Traumatisierte oft große Schwierigkeiten, anderen Menschen zu vertrauen. Viele Betroffene sind deshalb sehr vorsichtig, wenn es darum geht, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und tun sich schwer im Austragen und Bewältigen von Konflikten.

Gleichzeitig haben sie nicht selten nur wenig Gespür für die eigenen Grenzen, so dass sie wiederholt in Situationen geraten, in denen sie ausgenutzt oder sogar missbraucht werden.
Manche komplex Traumatisierte übernehmen hingegen selbst die Täterrolle und verletzen andere Menschen seelisch oder körperlich.


Somatisierung
Betroffene leiden oftmals unter zahlreichen körperlichen Beschwerden, für die keine organische Erklärung gefunden werden kann. Die Beschwerden können sehr vielfältig sein und jedes Organsystem umfassen. Nicht selten treten mehrere Symptome gleichzeitig auf. Besonders häufig sind chronische Schmerzzustände, Beschwerden des Verdauungssystems, Erschöpfung, Schwindel sowie Beschwerden im Bereich des Herzens, der Atmung sowie des Harn- oder Genitaltraktes.


Veränderungen von Lebenseinstellungen
Viele komplex Traumatisierte tragen eine große Verzweiflung und Hoffnungs­losigkeit in sich und fühlen sich resigniert und desillusioniert. Werte, Lebens­einstellungen oder religiöse Überzeugungen, die möglicherweise zu einem früheren Zeitpunkt im Leben noch Halt gegeben hatten, haben ihre Bedeutung verloren oder ergeben keinen Sinn mehr.


Da die komplexe PTBS ein sehr heterogenes Krankheitsbild ist und bisher in den gängigen Diagnosemanualen ICD-10 und DSM-IV keine bzw. kaum Erwähnung fand, bleibt sie bis heute häufig lange unerkannt. Im ICD-11, das 2022 in Kraft tritt, wird die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung erstmals als eigenständige Diagnose beschrieben.

Ein weiterer Grund, warum die komplexe PTBS oft spät erkannt wird ist eine hohe Überschneidung mit anderen psychischen Erkrankungen wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung, der nicht-komplexen PTBS, den dissoziativen Störungen, Depressionen, Angst- bzw. Panikstörungen sowie Sucht- und Zwangserkrankungen.

Oft werden deshalb zunächst andere Diagnosen gestellt. Dass ein Zusammenhang mit einer Traumatisierung besteht, wird nicht selten erst später erkannt. Die richtige Einschätzung ist jedoch die Voraussetzung dafür, dass komplex traumatisierte Menschen die Behandlung erhalten, die sie benötigen – zumeist eine spezifische und qualifizierte Traumatherapie.

01.11.2022 08:19 • #26


Lilly22

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@Scheol davon könnte schon einiges zutreffen. Allerdings würde das dann bedeuten, dass die hauptsächliche Traumatisierung schon lange vor unserer Beziehung stattgefunden haben muss. Man sagt ja immer, es ist eine red flag, wenn Menschen sagen, dass sie sich nicht so gut an ihre Kindheit erinnern können. Das ist bei ihm auch der Fall. Aber da wird es nun wohl wirklich zu spekulativ.

01.11.2022 08:25 • #27


Scheol

Scheol

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Zitat von Lilly22:
@Scheol davon könnte schon einiges zutreffen. Allerdings würde das dann bedeuten, dass die hauptsächliche Traumatisierung schon lange vor unserer ...

Wieso Kindheit ?

wie kommst du den darauf das Trauma NUR in der Kindheit statt finden ?

Es gibt
Verlusttrauma
Scheidungstrauma
Schocktrauma
Diagnosetrauma
Verratstrauma
usw.
usw,
usw,


Deine Geschichte mit dem Krankenhaus fand 2020 statt ?

01.11.2022 09:10 • #28


Lilly22

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@Scheol Ich denke nicht zwingend, dass es nur in der Kindheit stattgefunden hat. Aber viele Probleme, die in dem von dir geposteten Text geschildert werden, hatte er eben auch schon vor unserer Beziehung. Und ich kenne ihn ja schon seit unserer Teenagerzeit. Er war früher immer jemand der extrem viel getrunken hat - im Nachhinein war das schon auch mehr als bedenklich. Das hat er aber in der Beziehung abgelegt.

Die initiale Infektion war 2020, ja. Aber es gab in Abständen immer wieder heftige Situationen die letzten zwei Jahre. Insbesondere in der zweiten Hälfte 2021 war es schlimm - da mag ich mir auch gar nicht ausmalen, was er durchgemacht hat.

01.11.2022 09:16 • #29


Klio

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Hallo liebe Lilly,

Zitat von Lilly22:
Er hatte sogar einige Möbel extra angepasst selbst gebaut! Und der Einzug fand an meinem 30. Geburtstag statt mit kleiner Überraschungsparty - alles von ihm organisiert.

Ich kann gut nachvollziehen, dass man danach noch fassungsloser dasteht. Man versteht es einfach nicht, es ist noch schwerer zu akzeptieren, dass sich der andere wirklich trennen will. Was ist gespielt, was ist echt; kann jemand wirklich so gut verdrängen? Man kommt sich ver*scht vor.

Zitat von Lilly22:
Ich habe mir schon viele Vorwürfe gemacht und in manchen Bereichen sollte ich mir die sicher auch machen

Es ist gut, dass du deine Anteile beleuchtest. Aber es ist nicht gut, dass du denkst, dass du dir Vorwürfe machen solltest. Euer Leben stand die letzten beiden Jahre Kopf; was für ein Übermensch sollst du sein, da auch noch die gesamte Beziehung nur im Positiven kontrollieren zu können? (Und das würde ich auch schreiben, wenn du nicht krank gewesen wärst).
Was wäre gewesen, wenn du immer alles heruntergeschuckt hättest und er somit nicht in seinem Schuldproblem gelandet wäre? Vielleicht hättest du dann alles in dich hineingefressen, hättest eine unbewusste Säuerlichkeit ihm gegenüber bekommen und dich dann selbst getrennt oder er hätte es getan, weil er gespürt hätte, du bist ihm nicht mehr so zugeneigt (nur ein quasi Beispiel, damit du bitte aufhörst die Vorwürfe zu machen. Du hast nicht viel besser machen können und vielleicht hätte sich dieses Besser doch negativ auf die Beziehung gelegt, weil du eventuell in zu große Anpassung, zu viel Kontrolle gekommen wärst. Man weiß es nicht).

Zitat von Lilly22:
Man denkt auch viel darüber nach, ob man selbst schon früher die Entscheidung für ihn hätte treffen müssen, damit er aus dem Abhängigkeitsverhältnis entkommen kann. Ich bewundere Leute, die sowas in meiner Position können

Glaubst du wirklich so viele hätten so gehandelt? Es sind natürlich alles nur Bruchstücke aus euren letzten Jahren. Aber wozu geht der Mensch Bindungen ein? Verbundenheit, Gemeinsamsein, Freude, schöne Zeiten usw. aber auch damit jemand in schweren Zeiten da ist. Es geht nicht darum jemanden für sich zu benutzen oder dass jemand gezwungen wird an der Seite zu bleiben, weil es einem nicht gut geht. Wenn wir davon ausgehen, dass wir Menschen Verbundenheit brauchen, dann brauchen wir auch jemanden, der für einen da sein kann und selbstverständlich umgekehrt. Wenn wir uns jemanden vertraut machen, sind wir für ihn verantwortlich. (Große Worte, die direkt eine gesamte Debatte auslösen können). Zumindest sehe ich das so; ich wünsche mir von mir jemandem gegenüber so zu handeln, ich wünsche mir dies von meinem Gegenüber zu erfahren; ich weiß ich kann es nicht erwarten, aber ich darf darüber enttäuscht sein.

Zitat von Lilly22:
Nach der Trennung prallt plötzlich alles an ihm ab, er gesteht keinen einzigen Fehler ein (da kam dann sowas wie sorry, dass du das so empfunden hast) und er ist gleichzeitig selbst extrem schnell angefasst und wird regelrecht zickig. Total verblüffend für mich.

Geht er generell in Extreme?
Kennst du da sonst noch ein Beispiel für dich?
Erklärungen mag es auch hier viele geben - Selbstschutz, schlechtes Gewissen verdrängen, eventuell auch Rache (unbewusst) - ich habe die Jahre so viel für dich getan und zurückgesteckt, immer alles auf mich genommen, jetzt bin ich endlich Mal dran...

Sieht er die gesamte Beziehung nur noch so negativ?
Sicherlich wirst du auch Fehler gemacht haben, aber ich finde aus ein paar Zeilen geht auch hervor, dass er von eurer Beziehung in seiner Entwicklung profitiert hat - Verringerung des Alk.konsums, Möglichkeiten/Unterstützung zur Reflexion und Selbstannahme und sicherlich noch einiges mehr.

04.11.2022 13:32 • #30



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