Hinrich
Gast
Fast eine Woche ist es jetzt her, da sich meine Liebste urplötzlich von mir verabschiedet hat. Wahrscheinlich endgültig, auch wenn sie bisher noch von "Pause" spricht. Wir haben uns während des Abiturs (Zweiter Bildungsweg) kennengelernt. Wir kamen beide aus relativ langen Beziehungen, die während der Zeit an der Schule zerbrochen sind. Am Anfang tat ich mich schwer, mich auf diese Frau, die vollkommen in Flammen stand, einzulassen. Wie gesagt, ich kam aus einer langen Beziehung und war frisch getrennt. Also beließ ich es zu Anfang bei einer Freundschaft, wir halfen uns beim täglichen Unterrichtskram und gingen nach der Schule in die Kneipe und redeten bis in die späte Nacht. Irgendwann habe ich mich dann doch auf sie eingelassen, obwohl es nicht wirklich "Liebe auf den ersten Blick" war. Doch ich wurde positiv überrascht und es entwickelte sich schnell eine tiefe, ero. Beziehung. Ja, ich hatte mich verliebt. Wer hätte das gedacht. Ein Jahr nach der Trennung. Dass das noch einmal möglich ist und man den ganzen Tag mit einer Frau verbringen kann und sich wieder fallen lässt, hätte ich nicht erwartet.
Zwischendurch hatte ich noch einmal eine schwere Zeit zu durchstehen, da ich plötzlich an Panikattacken litt und diese in einer Psychotherapie überwinden konnte. Sie hat mich immer dahin begleitet und mir ging es relativ schnell wieder gut, auch wenn es kleinere Rückschläge gab und ich mich viel abgeschottet habe, um wieder zu mir selbst zu finden.
Wir beendeten beide, übrigens mit gleichem Durchschnitt, die Schullaufbahn. Danach fing ich mein Studium an und sie ging noch ein Jahr jobben, da sich ihr Studienwunsch nicht erfüllt hat. Leider habe ich mein Studium abgebrochen, da ich zwischendurch geerbt hatte und der Studien-gang sich als unpassend herausstellte. Nun ja, damit bin ich nicht er Einzige.
Ich lebte die nächste Zeit frei und unbeschwert vom Erbe und wir hatten viel Zeit füreinander, die wir großzügig ausgekostet haben. Irgendwann fing sie an zu studieren, da es endlich mit dem Studienplatz funktioniert hatte. Die Freizeit verbrachten wir wieder miteinander, wenn auch nicht mehr so ausgiebig wie früher. Irgendwann stand sie am Ende des Studiums und es kam der erste Bruch. Sie hatte an dem Tag eine mündliche Prüfung. Ich wünschte ihr viel Glück und freute mich, sie danach wiederzusehen und die überstandene Hürde zu feiern.
Doch es kam anders. Ganz anders. Es klingelte an meiner Tür und sie stand tränenüberströmt vor mir und verkündete: "Ich kann, glaube ich, nicht mehr mit Dir zusammen sein!". Wie jetzt? Über mir brach alles zusammen. Ich war am Ende und konnte nicht anders, als sie zwei Tage später zu besuchen und sie tränenreich um eine zweite Chance zu bitten, die ich auch gewährt bekam. Sie wolle sie auch, sagte sie. Als Grund für die Trennung gab sie an, dass sie meine Unordnung da-heim nicht aushalten würde und das ich mich um meine Zukunft kümmern solle. Ich versprach das. Und sie sprach vom Zusammenziehen und Kinderkriegen irgendwann. Sie sagte auch, dass sie mich mit oder ohne Geld lieben würde, aber das ich eben etwas aktiver an meiner Zukunft feilen sollte.
Wir ließen uns etwas Zeit mit der Versöhnung und fanden wieder zusammen. Sie zog zwischendurch um (anderer Stadtteil als ich) und begann ihre Arbeit im studierten Beruf. Es begann eine quasi Wochenendbeziehung, weil es, ob ihrer Arbeitszeiten, kaum noch Zeit für Gemeinsames gab.
Ich meldete mich irgendwann arbeitslos, bekam ALG2 und landete in einer dämlichen Maßnahme mit lauter Arbeitslosen, wie man sie aus dem Privatfernsehen kennt. Zahnlos und hoffnungslos. Und ich mittendrin.
Wir sahen uns also noch weniger, da ich auch am Wochenende arbeiten musste. Und ich habe ehrlich gesagt auch mehr Zeit für mich gebraucht, um mit der Situation klar zu kommen und mir eine Perspektive für die Zukunft auszudenken. Ich konnte mir nicht noch einen Fehltritt leisten. Und ich wollte ja auch, dass ich unsere gemeinsame Zukunft in Lohn und Brot mitgestalten kann. Einer muss ja arbeiten gehen, wenn die Frau mit dem Kind daheim bleiben muss. Also beschloss ich, mich im Berufsfeld der Pflege erneut ausbilden zu lassen. Ich hatte da schon während des Zivildienstes gearbeitet und irgendwie hat mich der Beruf nicht losgelassen.
Mit der Zeit merkte sie, dass sie in der Einrichtung, in der sie arbeitete, nicht wirklich zufrieden ist. Ich hatte das schon lange bemerkt, weil ich weiß, wie sich Glück bei ihr äußert. (Mittlerweile hatte sie ein Vorstellungsgespräch bei einer anderen Arbeitsstelle.)
Und dann kam Bruch Nummer zwei. Ich hatte schon längere Zeit bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie meckerte einfach zu viel an mir herum. Plötzlich störten sogar Äußerlichkeiten. Und eben meine Unordnung, die ich immer noch nicht wirklich im Griff hatte. Bei mir schlichen sich langsam Zweifel ein. Auch rief sich mich mehrmals nicht an, obwohl sie es versprochen hatte. Nun ja, ich wollte das nicht überbewerten. Vielleicht aus Angst, dass da mehr dahintersteckt. Und die Angst war berechtigt, wie sich bald herausstellen sollte. Doch war die Zeit bis zum Bruch geprägt von viel Zärtlichkeit, „Ich-lieb-Dich’s“ gemeinsamen Unternehmungen und so viel Zeit im Bett, wie wir sie lange schon nicht mehr hatten. Meine Antennen hatten mir allerdings schon gemeldet, dass das wahrscheinlich das letzte Aufbäumen einer Beziehung im Todeskampf sein wird. Es war so ein Gefühl.
Sie kam abends mit einer Flasche Wein zu mir. Ich hatte sie vorher etwas brüskiert angerufen, da sie unterwegs war und sich nicht gemeldet hatte, wann sie wieder daheim ist. Das nahm sie mir übel und ich entschuldigte mich dafür. Und dann, nachdem sie zwei Gläser Wein getrunken hatte, rückte sie plötzlich mir dem heraus, was sie offenbar schon länger auf dem Herzen trug. Sie sagte, sie wisse gerade nicht was sie wolle und das sie sich mehr „Freundschaft“ als Basis für die Beziehung wünschen würde. Und sie verlangte plötzlich in einem Nebensatz, dass ich einen Seitensprung akzeptieren müsse, falls der vorkommen sollte. Ich fiel fast vom Stuhl. Was war das jetzt und warum und wie und überhaupt? Verdattert fragte ich, ob sie eine Pause wolle. Sie bejate und wollte kurz danach nach Hause gehen. Ich bat sie zu bleiben, was sie auch tat. Geschlafen haben wir in der Nacht beide kaum. Geredet haben wir allerdings auch nicht. Ich konnte nicht und sie auch nicht. Am nächsten Morgen ging sie nach dem Kaffee. Wir blieben sprachlos.
Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, bat ich sie höflich aber bestimmt, dass ich gerne noch die Schlüssel und ein paar persönliche Dinge austauschen wollte, was wir ein paar Tage später auch getan haben. Wir trafen uns und setzten uns noch für eine Stunde in die Natur und sprachen über den täglichen Kram. Das Aus kam nicht zur Sprache. Ich wunderte mich, wie souverän ich als Gesprächspartner auftreten konnte. Keine Tränen, keine emotionale Äußerungen, kein Betteln. Mir ging es sogar relativ gut. Ihr nicht. Sie würde zuviel trinken, sagte sie und sie fühle sich schlecht. Nach dem Zusammentreffen forderte ich eine Kontaktsperre von einem oder eineinhalb Monaten ein, um reflektieren zu können. Sie fragte: „Das Gespräch?“ und ich erwiderte: „Nein, so generell die gemeinsame Zeit“. Sie umarmte mich, während ich diese körperliche Nähe bewusst nicht zurückgab.
Jetzt sind ein paar Tage vergangen und die Gedanken fahren Achterbahn in meinem Kopf. Es sind all die Dinge zutage getreten, die einen zweifeln und dann wieder hoffen lassen. Einmal macht man seinen Frieden, dann verzehrt man sich wieder in Hoffnung. Es kämpfen gerade Verstand gegen Herz. Aber ich habe das Gefühl, dass die Vernunft siegen wird und ich akzeptiere langsam, dass dies wohl das Ende unserer gemeinsamen Zeit sein wird. Und ich sehe die ganzen Unterschiede, die dafür wahrscheinlich die Ursache sein werden und die ihre Gefühle in’s Wanken gebracht haben und meine irgendwann sicher auch.
Ich habe im Rückblick das Gefühl, sie nicht wirklich kennengelernt zu haben. Das liegt daran, dass sie mich nie wirklich an sich herangelassen hat. Körperlich ja, aber emotional für mich zu wenig. Das Problem ist, dass sie sich quasi „über jeden Zweifel erhaben“ ansieht. Wenn man versucht, ihr einen guten Ratschlag zu geben, blockt sie sofort bzw. negiert ihn.
Ich bin ein sehr sensibler Mann, der sofort merkt, wenn der Mensch neben mir innerlich irgend-wie im Ungleichgewicht ist. Aber das lässt sie nicht gelten. Das war auch von Anfang an schon so.
Manchmal kam sie zu mir und ich erkannte sie fast nicht mehr, so war sie in Unordnung. Meist endete das dann bei ihr mit Weinkrämpfen und Selbstvorwürfen. Aber an der Stelle lässt sie sich nur durch Nähe beruhigen. Ein Aufarbeiten der Ursachen für solche Aussetzer, die mindestens einmal im Jahr kamen, durften von mir nicht weiter ergründet werden. „Ich bin eben so“, war das „Argument“ mit dem all das abgetan wurde. Ich muss zugeben, dass ich irgendwann resigniert habe, ihr da helfen zu wollen. Wer meine Hilfestellungen als Angriff auf sein Innerstes begreift, dem werde ich sie nicht mehr unterbreiten. Und wer nicht akzeptieren kann, dass er von einem geliebten Menschen in Teilen „durchschaut“ wird, hat eigentlich keine Chance auf eine gesunde Beziehung.
Sie kommt da (leider) nach ihrer Mutter, die „mit dem Kopf durch die Wand“ zur Lebensmaxime erhoben hat. Sagen kann man ihr auch nichts, sie ist resistent gegenüber Lebenshilfen anderer und hat das „Ich“ ins Zentrum ihres Daseins gesetzt. Für mich und viele andere oft sehr unangenehm, weil sie sich angewöhnt hat, immer sofort in Opposition zu gehen. Selbst meine Liebste hat sich oft für Diskussionsabende mit ihr geschämt. Und trotzdem fängt sie an, den gleichen Weg einzuschlagen. Bezeichnend dafür ist ein Ring, den sie seit Jahren trägt und der Ausdruck dafür ist, dass sie „mit sich selbst verheiratet“ ist.
Ich habe eigentlich nur ein einziges Mal erlebt, dass sie ihre Denkweise kritisch mit der Erziehung durch die Mutter in Verbindung gebracht hat. Aber geändert hat sich nichts. Lieber weiter vor sich und zu nahen Menschen wegrennen. Ich finde das unendlich traurig, weil ich mir das Ende vom Lied schon ausmalen kann. Kein Liebender der Welt macht das dauerhaft mit, wenn er nicht völlig ignorant und unfähig zur Empathie ist. (Wenn ich ihr das so offen gesagt hätte… Sie hätte mich sofort herausgeworfen!)
Ich scheine mich gerade in der Stufe der „Erkenntnis“ zu befinden und die rosarote Brille lang-sam von der Nase gleiten zu lassen. Wie gesagt, mit etwas Abstand kommen die Dinge zum Vor-schein, die zum Scheitern führen mussten. Auf beiden Seiten. Und diese Analyse ist verdammt wichtig. Mir wird langsam klar, warum ich mit der Zeit immer mehr Nähe abgebaut habe, was dann als „Bumerang“ zu mir zurückkam. Ich will dem Menschen, den ich liebe, einfach offen begegnen können. Es muss Freundschaft die Basis von Liebe sein. Anders funktioniert das nicht.
Wenn wir uns wirklich noch einmal „anders begegnen“, wie sie es sich im Moment des Schlussmachens gewünscht hat, muss diese „Freundschaft“ erst wachsen. Das ist die einzige Chance für eine Liebe, die eigentlich eine Zukunft verdient hätte. Denn auch Außenstehende meinten immer, dass wir ein schönes Paar abgeben würden. Aber irgendwie bin ich mit meiner Kraft gerade auch am Ende. Die Zeit wird zeigen, ob und wie es weitergeht. Ich kann mir jedenfalls eine Freund-schaft vorstellen. Sollten wir uns darüber noch einmal näherkommen, so wäre das wunderschön. Wenn nicht, so ist das auch in Ordnung.
Ich halte jetzt jedenfalls die Kontaktsperre aufrecht, möchte irgendwann noch einmal ein klärendes Gespräch führen und kümmere mich um mich und mein berufliches weiterkommen. In erster Linie für mich.
Was meint ihr? Muss man wirklich alles an einem Menschen akzeptieren, denn man liebt? Ist eine Liebe nicht auch immer das Wachsen aneinander und muss den Mut zur Veränderung beinhalten?