Lieber Daniel, zunächst einmal tut es mir leid für dich, dass hier höchstwahrscheinlich etwas zu Ende geht, was dir gut getan hat. Ihr hattet schöne Zeiten, habt eine aus deiner Sicht harmonische Beziehung geführt. Du wolltest eine Familie, hast aus deiner Sicht alles getan, was "ein Mann tun muss" und versucht ein "guter Vater und Partner" zu sein. Ihre Unzufriedenheit - sprich ihre Bemühungen nach Veränderung haben dir entweder Angst gemacht / dich gekränkt / vlt. hast du es als Kritik empfunden oder was auch immer, in jedem Fall hast du eine negative Einstellung dazu. Das hat zu Entfremdung geführt. Warum sie diese Veränderungen wollte, was ihr nicht gepasst hat, hast du nicht verstehen können, sie hingegen konnte deinen Wunsch nach Beständigkeit und Harmonie nicht mehr verstehen oder dem entsprechen und dann passiert das, was vielen passiert. Veränderung und Stillstand zu vereinen ist nicht möglich und deswegen kam es zur Trennung.
Du willst den Menschen, der sie vor 14 Jahren war (Beständigkeit), sie will eine andere Zukunft (Veränderung). Sie hat sich anders entwickelt als du erwartet hast und wie mir scheint, (zumindest höre ich das aus ihren Seitenhieben heraus) dass du dich auch sehr distanziert hast und ihr vieles fehlte... was jetzt kein Angriff ist, sondern nur der Versuch deine Wahrnehmung auf sie auszurichten. Glaubst du denn wirklich, dass sie nicht gespürt hat, dass du sie nicht mehr anziehend findest und sie im Grunde für ihr verändertes Ich / Vorlieben kritisierst, selbst wenn du nichts sagtest?
Ihr habt beide - schweigend wohlgemerkt - Entscheidungen getroffen, deren Konsequenzen schwer zu ertragen sind: Das was zwischen euch bisher war, ist vorbei und wird in der Form auch niemals wieder sein und wenn man sich nicht auf das neue Unbekannte einlassen kann, dann ist auch die Beziehung zu dem Menschen vorbei. Deswegen "versucht" man es noch eine ganze Weile, spielt das grausame Nähe-Distanz-Spiel, bis einer die Reißleine zieht oder aufgibt. Für dich war die Grenze, dass du deine Harmonie wieder haben wolltest und das "Drama" nicht ertragen hast. für sie war wohl klar, dass sie dorthin in ihre Vergangenheit, wohin du sie haben willst, nicht mehr hin kann, sie will "mehr". Du wolltest in deiner Harmonie-Höhle bleiben, es gab dir Vertrautheit, Sicherheit und sie hat es eingeengt und für diese Gefühle könnt ihr beide nichts.
Jetzt kann man natürlich analyisieren ob es gut ist stillzustehen ob es gut ist, sich zu verändern. Man kann eine Grundsatzdiskussion über "typisch Mann, typisch Frau" beginnen. Es gehört zu unseren heutigen modernen Wertvorstellungen, es sei ungesund, sich gegen Veränderung zu sperren - ich denke, dass du das erstens mit dir ausmachen musst und zweitens es sich ohnehin niemals pauschal beantworten lässt.
Vlt. kannst du dir aber auch folgende Fragen stellen:
warum bewerte ich ihre Veränderungen so negativ?
Vlt. kannst du dich auch mal dem Gedanken hingeben hinzuschauen, wie es wäre, wenn du unter den nun veränderten Umständen ihr ein "guter" Partner bist? Was wäre anders? was würde bleiben? Fordert es wirklich Veränderung an deiner Person oder verändern sich nur Umstände und Anpassung bestimmter Verhaltensmuster? Warum kannst du nicht mehr hinter ihre Fassade blicken, was stößt dich wirklich zurück? Könntest du den Menschen der sie nun ist überhaupt lieben? Hast du "Angst" vor der dir unbekannten Rolle, welche du an der Seite einer solchen Frau hättest? Vlt. weißt du nur nicht was sie von dir "erwartet" und kannst es dir nicht eingestehen? Was von dem was ihr bisher hattet würde dir besonders fehlen? Warum kannst du sie nicht bitten, dass das bleibt? Könnte sie dir das auch heute noch geben? Oder gefällt dir die Rolle nicht, die du in dieser Beziehung mit deiner veränderten Frau hättest, wertest du insgeheim "solche Männer und Frauen" ab und wenn ja warum und zu Recht?
Ich kann deinen Frust irgendwie verstehen, du musst dich von deinem Dorfmädel verabschieden und die Veränderungen passen dir nicht so recht, aber so hart es ist, musst du ihr das sagen. Das ist Augenhöhe
Du siehst deine Vorzüge. Du bist ein "anständiger" Mann, du wolltest Kinder, eine Familie und mit Sicherheit ist es so, dass viele Frauen sich genau danach sehnen. Aber das Problem ist: dieses Ziel hattet ihr schon jung erreicht! Frauen beginnen ab mitte / ende 20 ihre Persönlichkeit auszureifen, in den 30-igern leben sie ihre Ich-Vorstellungen. Ich glaube ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen ist Anerkennung. Zuerst hatte sie diese von dir als Partnerin und Mutter, sie hat sich verändert, jetzt will sie zudem die Anerkennung in Beruf, einem modernen Schönheitsbild, gesellschaftlichen Status und und. Du hast ihren Beruf aber nur als "Überforderung" angesehen vielleicht hat sie überfordert, dass du dich ihrem Leben nicht etwas angepasst hast und sie das neue mit dem alten nicht vereinbaren konnte? Fühlst du dich vlt. nicht mehr anerkannt? Wie könnte sie dir das geben? Und ist da überhaupt noch liebe um diesen harten Weg der da vor euch liegt, anzugehen?
Die Anforderung an langjährige Beziehung aus meiner Sicht: Zulassen von Veränderung, ein Wir, ein Ich, ein Abschiednehmen von dem kindlichen Partner, von dem dreißigjährigen Partner, Vergeben, sich auf das besinnen, was im Grunde perfekt am Partner ist und weshalb man ihn unter allen anderen ausgewählt hat und das immer wieder Einlassen auf das Neue!
Deine Harmoniebedürftigkeit ist eine sympathische Eigenschaft, aber sie hat auch eine Kehrseite: man sperrt sich gegen jede Unruhe, vermeidet (notwendige) Streits und auch Veränderung. Aber nur Unruhen führen zu Wachstum und Erkenntnis (vorausgesetzt wir streiten richtig) und Stärke - zumindest nach meinem Verständnis. Du sagst sie soll "normal" werden, was du damit meinst ist, du willst dein altes Leben zurück - deine Normalität, sie war darin scheinbar unglücklich. Willst du dass sie unglücklich bleibt, während du glücklich bist oder glaubst du dass sie das für dich will ,dass du dich in der neuen Beziehungsdynamik unwohl fühlst?
Du kannst dir überlegen, ob du die Trennung akzeptieren und dir irgendwann eine Frau suchen musst, die deine Harmoniebegeisterung teilt, und mit ihr kannst du es dir dann kuschelig machen oder du lernst Veränderungen anzunehmen und schaust wie deine Frau wirklich tickt und rettest deine Familie? bedeutet aber, dass einer den ersten Schritt gehen muss...
Ihr habt noch nicht einmal versucht Kompromisse zu finden und wie mir scheint, habt ihr auch nicht gelernt wie ihr miteinander streiten müsst (keine Sorge, weiß keiner so richtig, bevor ein wesentlicher, ernster Streit aufkommt). Und weißt du, auch wenn wir alle glauben wollen, unsere Probleme wären so individuell und einzigartig, eure Geschichte hat der Therapeut so in etwa tausendmal gehört und er könnte euch Lösungsansätze geben, Hilfeanleitungen, (ohne dass jemand "Schuld" tragen muss für die Probleme oder es einen "Gewinner" gibt) denn im Grunde scheitert ihr einem Klassiker also erfüllt das Klischee, trennt euch weil ihr euch "auseinander gelebt habt" oder reift miteinander und so oder so, es wird weiter gehen.