Einer der blinden Flecken, der mir im Verhältnis von Frauen zu Männern erst in den letzten Jahren genommen wurde, ist die Besitznahme und das Abgeben von Besitz an öffentlichem Raum für die beiden Geschlechter.
Von Kabul ganz zu schweigen, können wir uns auf die Fußgängerzone in Herne stellen und schauen, wer welchen Raum für sich beansprucht und für wessen Bedürfnisse der öffentliche Raum gestaltet wird.
Einfach mal vorurteilsfrei auf die Straßen, Plätze und Spielplätze schauen. Wer steht in zweiter Reihe, wer weicht aus, wessen Bewegungsmuster und Interessen wurden bei der Stadtplanung besonders berücksichtigt?
Klar, da steht nirgends, dass Mädchen und Frauen sich dort nicht auch breit machen dürften. Genauso breit. Keiner zwingt sie, auszuweichen, sich anzupassen oder ihren Frust mit sich selbst auszumachen.
Und Männern fällt gar nicht auf, dass sie es tun und damit das männliche Privileg, mehr Raum einzunehmen, überhaupt erst ermöglichen.
Wie sollten sie sich da ihres eigenen Privilegs überhaupt bewusst werden. Und daher haben sie, in ihrer eigenen Wahrnehmung auch keins.
Erst wenn es wegfällt, weil ein Makel, z.B. schmächtig, arbeitslos, von der Frau verlassen, Schulversager oder aus dem falschen Bundesland kommend zu sein, das Privileg außer Kraft setzt, fehlt etwas, das den Privilegierten, ihrem Gefühl nach, grundsätzlich zusteht. Und die Wut über den Verlust richtet sich nach außen. Jemand muss ihnen das Privileg genommen haben. Ob nun Politiker, Feministinnen, vom Privileg abweichende Religionen, Flüchtlinge, Migranten, Homo6uelle oder sonstige Minderheiten. Ginge es diesen schlechter, würden sie sich wieder an ihren "natürlichen" Platz in der Gesellschaft zurückziehen, wäre der Abstand zu ihnen und damit das eigene Privileg, die vorherrschende Norm zu sein, um die sich alles dreht, wieder hergestellt.
Weiße Männer haben viel zu verlieren. Und verlieren es auch seit Jahren Stück für Stück. Ohne Kompensation. Weil der Weg zur Gleichheit noch weit ist.
Aus einer 4-Zimmer-Wohnung in eine 2-Zimmer-Wohnung ziehen zu müssen, ist schlimmer, als sein ganzes Leben in der 2-Zimmer-Wohnung zu verbringen.
Es verbittern die, die glaubten, allein durch eigenen Fleiß und Intelligenz (und blind für das eigene Privileg) sich die 4 Zimmer erarbeitet zu haben.
Und es drehen die durch, denen die 4 Zimmer als natürliches Anrecht stets vor Augen schwebten, ohne sie jemals aus eigener Kraft erreichen zu können.
Ich möchte derzeit kein Mann sein. Mit dem Anspruch auf 4 Zimmer aufzuwachsen und dann zu denen zu gehören, die wahlweise schon in den 2 Zimmern sitzen oder denen droht, sich zugunsten einer Frau, eines Ausländers oder eines anderen mit 2 Zimmern begnügen zu müssen, käme mir auch als unannehmbare Schmach vor.
Dagegen ist die Aussicht (für Frauen, Migranten, etc.), es aus eigener Kraft erstmals in der Menschheitsgeschichte schaffen zu können, ohne sich jemandem unterwerfen, sich verbiegen oder verstecken zu müssen, dauerhaft in einer 2-Zimmer-Wohnung sein zu können, viel angenehmer.
Für mich die einzige denkbare Begründung, warum ein 27jähriger Mensch, der genug Ehrgeiz, Zeit, Mittel und Fleiß aufbringt, sich eine Kampfausrüstung zu beschaffen, zu basteln und Pläne zu schmieden, diese Energie nicht auf etwas Konstruktives für das eigene Leben richten konnte.
Weil auch durch Ehrgeiz, Zeit und Fleiß das Privileg als solches eben nicht mehr zurück zu holen ist.
Man(n) bekommt den angestammten Platz in der Mitte der Straße und der Mitte des Bürgersteigs, als Nabel und Tonangeber der Gesellschaft nicht mehr "natürlich" von allen anderen frei gemacht und überlassen, sondern "muss" ihn sich mit Gewalt und durch Abwertung anderer nehmen.
Durch 6uelle und häusliche Gewalt.
Durch Gröhlen im Stadion und Manspreading im ÖPNV.
Durch übermäsige und auf eigene Themen lenkende Redebeiträge im RL und in Foren.
Durch Überreaktion auf Frauenparkplätze und gefühlt nun fehlende Männerbeauftragte.
Beim Rauskehren des eigenen Opferstatus unter Vorwurf der Verwendung von Opfermythen bei anderen.
Desgleichen bei der Relativierung der Krisen anderer mit subjektiv als viel dringlicher empfundenen Krisen der eigenen Gruppe, dem "ja, aber ... auch"-Argument.
Der Glaube, man(n) habe ein natürliches Anrecht auf Deutungshoheit, wenn man das eigene Bauchgefühl mit ausgewählten Statistiken von 1978 belegen kann, und logische Gegenargumente als "emotional" abwertet, gehört ebenfalls zu den Versuchen, den angestammten Platz weiter oben (das Privileg) zu verteidigen.
Eine Lösung? Demut, Reflektiertheit und Selbstverantwortung.
Und das nicht nur vorgetäuscht und behauptet, sondern mit dem Grundwert, das alle Menschen gleich sind und eine Bewertung allein über das konkrete Verhalten des einzelnen erfolgen darf, ernsthaft betrieben.