Hallo Unbekannte,
du bist mit deinem Mann zusammen gekommen, als du 18 warst. Vermutlich war er etwa gleich alt. Und dieser Umstand könnte auch eine Rolle dabei spielen, dass nach einer solchen Zeitspanne das Gefühl aufkommt „Ich will noch mal von jemand anderem begehrt werden, will spüren, ob das mit dem Flirten und Baukribbeln noch funktioniert. Das soll es doch nicht alles gewesen sein bis zur Löffelabgabe!“ Oder so ähnlich.
Es sind solche Gedanken, die dazu führen, dass Menschen in der Lebensmitte es zulassen, dass jemand anderer ihnen näher kommt. Und das möglichst vom jeweils anderen Geschlecht. Es ist wirklich oft nur das Reden, das Verstanden-Werden, die neuen und anderen Sichtweisen, als man sie vom altvertrauten Partner kennt. Und bis dahin ist noch nichts geschehen, was unumkehrbar wäre.
Das geschieht erst dann, wenn beide offenlegen, dass sie sich gut finden, dass sie gern miteinander reden und den jeweils anderen attraktiv oder begehrenswert finden. Und dann ist der Point of no return überschritten, ohne dass man das vorher geahnt hat. Die Hormone überschwemmen alles, was mit Verstand zu tun hat, und das für eine Zeitspanne von etlichen Monaten. Alle rationalen Entscheidungen führen zu nichts, weil der innere Antrieb immer nur in eine Richtung geht: Auf die begehrenswerte Person. Obwohl das bedeutet, dass das komplette Leben auf den Kopf gestellt wird, alle Planungen sich auflösen und der Lebenspartner und das Kind ins Unglück gestürzt wird.
So fängt es an. Und dann schaffen es nur sehr wenige, das wieder zu beenden. Und zwar nur diejenigen, die absolut konsequent sind und mit allen verfügbaren Kräften die bestehende Ehe oder Beziehung zu retten versuchen. Und zwar nicht dem Partner zu Liebe (also in diesem Fall dir zu Liebe) sondern sich selber zu liebe, aus eigenem Antrieb.
Dein Mann müsste dich also um jeden Preis zurück haben wollen. Er müsste sich beruflich verändern, den beruflichen Kontakt zur Affäre sofort und unwiderruflich beenden, sie aus allen Kontaktmöglichkeiten löschen und ihr verbieten, ihn wieder zu kontaktieren. Es gibt den ein oder anderen, der das schafft, aber es sind leider seltene Exemplare. In allen anderen Fällen folgt eine lange und zermürbende Zeit des „Eigentlich will ich ja bei meiner Familie bleiben“. Aber trotz aller „Eigentlichs“ wird abgewogen, zurück gerudert, es werden tapfere Entscheidungen getroffen und es wird vertröstet. Aber es wird dabei immer unterschätzt, wie stark die Auswirkungen der Hormonschwemme sind, die letztlich gar keine Wahl lassen. Es scheint nur so, als ob er eine Wahl hätte. Solange er die Affärenfrau überhaupt sieht oder sie erreichen kann, ist er wehrlos und handlungsunfähig. Wobei auch eine Rolle spielt, ob sie ebenfalls gebunden ist oder ihn für sich gewinnen will.
Zitat:>>Gestern kam er wieder und wir konnten halbwegs "normal" mit ihm reden. Ich verstehe ja, dass man nach einer so langen Beziehung für jemand anderem schwärmen kann ect. Aber sollte man nicht wenn, alles raus ist, sich relativ schnell sicher sein wo meine Zukunft hingeht (Frau oder andere Frau)?<<
Das ist leider graue Theorie. Denn er wird bei jeder scheinbaren Entscheidung für dich von dem überrollt, was er vorher nicht kannte und gegen das er mehr oder weniger wehrlos ist. Es sei denn, er geht die Ochsentour, die ich oben geschildert habe. Dann ist er ein Held. Und dann hat er auch verdient, dass du wartest.
Zitat:>>Wie verhält man sich als Ehefrau in dieser Zeit des "Wartens" bis er sich entschieden hat?
Ich will um diese Ehe kämpfen weil sie mir die Welt bedeuten und er auch, aber bin mir unsicher ob ich mir damit nur falsche Hoffnungen mache, mich mehr verletze und ihm auch zeige er kann machen was er will.<<
Es gibt da zwei Möglichkeiten. Du machst ihm klar, dass diese Entscheidung SOFORT, mit allen beruflichen Konsequenzen und unwiderruflich von ihm getroffen werden muss. Dann begebt ihr euch sofort in eine gute Paarberatung und lasst euch Wege zeigen, wie ihr wieder ein Paar werden könnt.
Die zweite Möglichkeit wird durchaus auch manchmal gewählt. Denn nach etwa einem halben Jahr ist aus solchen spontan entstandenen „Hormon-Beziehungen“ häufig die Luft raus. Der Alltag hat sie eingeholt. Die finanziellen Konsequenzen wachsen sich zum Desaster aus, beruflich gibt es manchmal auch noch Schwierigkeiten und die viele miteinander verbrachte Zeit verliert ihren Reiz. Relativ häufig wollen Männer oder Frauen, die ausgebrochen waren, dann in die Ehe/Beziehung zurück, bereuen alles zutiefst und tatsächlich bestehen dann auch reelle Chancen. Aber das kann sich für den, der wartet, zerstörerisch auswirken. Das muss man im Einzelfall sehen. Es kann dann zu viel Schaden angerichtet sein, es muss aber nicht. Es ist vor allem deine Entscheidung, ob du ihn dann noch zurück nehmen würdest. Ihm sagen, dass du auf ihn wartest, würde ich aber nicht. Das macht es ihm zu einfach.
Zitat:>>Warum ist es so schwer sich zu entscheiden?<<
Weil er keinerlei Erfahrung darin hat, eine Verstandesentscheidung gegen ein völlig hormongesteuertes „Limbisches System“ zu treffen. Das kennen die meisten nicht, fast alle sind damit überfordert. Er hofft immer darauf, dass er eine im Gespräch (mit dir) gefällte Entscheidung dann auch durchhalten kann. Und kurz darauf stellt er fest, dass er so gut wie machtlos ist. Das verwirrt ihn ebenso wie dich. Denn den Mann, den er da im Spiegel sieht, kennt er ebenso wenig wie du. Er will dich ja nicht bewusst verletzen, er ist nur völlig überfordert.
Zitat:>>Wielange sollte es dauern bis man eine Entscheidung verlangt? (Also ihm die Zeit geben sich selbst darüber klar zu werden was man will) und ist kein Kontakt besser? (Soweit das halt geht mit einem gemeinsamen Kind).<<
Diese Entscheidung sollte SOFORT getroffen werden, Zeit hilft ihm da gar nicht. Bestenfalls eine Entscheidung seiner Affärenfrau gegen ihn könnte mithelfen. Ansonsten hilft nur eine extrem harte Entscheidung FÜR DICH. Sonst wird es eine endlose Quälerei, und zwar für euch beide.
Traust du dir denn zu, ihn sehr schnell und völlig konsequent vor diese Entscheidung zu stellen?