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Zeigt der Ex bei der Trennung sein wahres Gesicht?

stillsad

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Hallo,

die Feiertage sind gottseidank vorbei und das neue Jahr ist bald da. Mit ihm würde ich gerne die Altlasten meiner Ex-Beziehung nach fast zwei Jahren Trauer und Vermissen endlich komplett hinter mir lassen, um mich wieder ganz den Möglichkeiten des Lebens zu öffnen. Die letzten Tage habe ich mich deshalb bewusst zurück gezogen und noch mal die Ex-Beziehung und vor allem ihr - für mich - traumatisches Ende durchdacht. Ja, mittlerweile habe ich auch langsam Wut, wie er mich abserviert hat (im Urlaub auf einem Parkplatz stehen gelassen, fünf Tage vor meinen mündlichen Abschlussprüfungen), dass er warm gewechselt und trotzdem (oder gerade deswegen?) noch nachgetreten hat. Ich habe durch ihn alles verloren, noch nicht einmal die Wohnung wollte er mir überlassen "entweder wir bleiben beide als WG oder wir ziehen beide aus", wohl wissend, dass er schon eine Alternativwohnung hatte. Am Ende musste ich neun Monate bei Freunden auf Sofas pennen und komplett neu angefangen.

Alles in allem war das Ende und die letzten zwei Jahre der Trauer keine gute Zeit für mich. Aber die Beziehung und vor allem die Person, die mein Ex in der Beziehung für mich und mir gegenüber war, war wirklich toll und hat mir das Loslassen erschwert. Ich hatte und habe bis heute noch nie einen Menschen getroffen, der innerlich so schön war. Ja, eine Veränderung seiner Haltung mir gegenüber hatte ich ein halbes Jahr vor der Trennung punktuell gemerkt, da war er manchmal respektlos, aber ihm geglaubt, dass es am Stress lag. Plus, das muss ich ehrlich sagen, ich denke, er wollte seine Probleme mitteilen, hat es auch 2-3 Mal probiert, aber ich konnte (oder wollte?) ihn damals nicht verstehen, weil ich ein paar private Schicksalsschläge verdauen musste und jeglichen weiteren Verlust allein schon gedanklich nicht ausgehalten hätte. Vielleicht habe ich also die Kritik an mir nicht wirklich gehört oder aber er hatte Angst, mich noch mehr zu verletzen und die Kritik deshalb zu schwammig formuliert. Ich sehe also ganz deutlich meinen Anteil am Scheitern der Beziehung, genauso wie auch seinen, weil er die Arbeit ständig über die Beziehung hob und sehr kompromisslos in allen Entscheidungen war.

Unterm Strich liebe ich ihn immer noch, aber eben dieses Bild von ihm, dass ich von ihm in der liebenden Beziehung hatte. In meinen Träumen ist er immer noch der tolle Mann mit der schönen Ausstrahlung und dem großen Herzen. Aber immer mehr schiebt sich das Bild, das er am Ende war, über diese Fantasie. Da war er ein egoistischer Mann, absolut kompromisslos und berechnend. Wenn ihn aber ein Außenstehenden kennenlernen würde, würde mir sein zweites Gesicht niemand glauben, denn er wirkt wirklich überhaupt nicht so. Die meisten, die ihn kennen, schätzen ihn als gutmütigen, liebevollen Menschen. Und 3,5 Jahre habe ich ihn auch nicht so kennengelernt, erst am Ende war er anders.

Es gibt doch dieses Sprichwort: Man lernt sich zweimal kennen, einmal beim Verlieben und einmal bei der Trennung. Deshalb nun meine Frage an das Forum: Stimmt es, dass das "negative" Gesicht sein wirkliches Gesicht ist oder aber ist das vor allem der - für ihn ja auch - Ausnahmesituation geschuldet? Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass er mich einfach überhaupt nicht mehr geliebt hat am Ende und nur noch an der Idee von unserer Beziehung, wie wir einmal waren, hing. Leider war er am Ende auch für kein Abschlussgespräch offen, weswegen ich mit all diesen Fragen alleine bin. Vielleicht fragen sich jetzt auch viele, was würde das für mich ändern, ob er jetzt ein A. ist oder nicht, er ist ja weg. Aber ich würde ihn gerne für mich in Frieden gehen lassen und dafür fehlt mir dieses letzte Steinchen. Und ich denke, es ist besser, jemanden in Liebe gehen zu lassen, als in Hass.

Außerdem hat ein gemeinsamer Bekannte erst kürzlich wieder sehr wohlwollend von ihm geredet, von wegen "die Art der Trennung war jetzt nicht sehr empathisch, aber er ist so ein toller Mann, du hast ihn nur zu sehr als Retter gesehen und damit überfordert". Und ja, das ärgert mich dann auch sehr. Weil er am Ende eben NICHT fein zu mir war und ich mir dann vorkomme, als wäre ich schizophren und hätte mir nur alles eingebildet oder im schlimmsten Falle ihn dazu provoziert, so zu handeln. Aber die Verantwortung für sein Tun sehe ich ganz klar bei ihm, denn so ist das nun mal bei uns Menschen, und den Schuh möchte ich mir nicht anziehen, dass ich an der Trennung und seinem Verhalten schuld bin.

Ihr seht, ich bin innerlich zerrissen und das ist der letzte Faden, der mich noch an ihm hält. Liegt die Wahrheit nicht eher in der Mitte? Oder aber bringen Trennungen Monster in uns hervor, die nichts mit unserem wahren Charakter zu tun haben?

Wie war das bei euch? Habt ihr vielleicht auch mal verlassen und könnt sagen, ob ihr euch wie ein Fremder im eigenen Körper gefühlt habe? Habt ihr noch Kontakt zu einem Ex-Partner, der euch sein Verhalten erklärt hat oder seid ihr sogar noch mit ihm befreundet und konntet ihr sein Verhalten bei einer weiteren Trennung beobachten? War das anders, als bei euch?

Freue mich auf eure Meinungen!

29.12.2018 13:46 • x 4 #1


mitsubi

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Gutes Thema, welches mich ebenfalls beschäftigt. Auch den von Dir zitierten Spruch kenne ich, allerdings leicht anders: Man lernen einen Menschen bei der ersten und bei der letzten Begegnung kennen.

Für mich steckt da ganz viel Wahrheit drinnen, nämlich das es sich bei allen Trennungen so verhält, sei es privat oder beruflich. Und meiner Meinung nach sagt es aus, dass man nicht das wahre Gesicht sieht, sondern nur ein anderes. Man sieht einen weiteren Teil des Charakters, nicht aber den wirklich wahren.

Wir alle haben doch gute wie schlechte Charakterzüge. Schöne wie nicht so schöne Anteile in uns. Und uns allen ist es schon mal passiert, dass wir den unschönen Anteilen mehr Raum gegeben haben als den schönen.

Trennungen sind Stresssituationen. Man kommt enorm an seine eigenen Grenzen. Wo diese Grenzen liegen, zeigt das Verhalten während solch einer Situation. Denn nett sein kann jeder, wenn alles schön ist. Ich denke, Menschen die sich so verhalten sind überfordert. Sie können das Leid des anderen nicht ertragen oder nicht nachfühlen. Daher müssen sie flüchten und schönreden (die schafft das schon, die hat ja selbst schuld etc) oder flüchten und fies sein. Oder alles zusammen

Also, Dein Ex kann ein toller Typ sein, solange alles super ist. Geht es um ihn ganz persönlich und wird er konfrontiert mit einer sehr unangenehmen Situstion, dann wird er eklig. Also nur beschränkt konfliktfähig. Mit so jemandem möchte ich keine Beziehung führen, denn Beziehungen sind nun mal nicht immer Sonnenschein.

29.12.2018 14:15 • x 6 #2


stillsad


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Zitat von mitsubi:
Also, Dein Ex kann ein toller Typ sein, solange alles super ist. Geht es um ihn ganz persönlich und wird er konfrontiert mit einer sehr unangenehmen Situstion, dann wird er eklig. Also nur beschränkt konfliktfähig. Mit so jemandem möchte ich keine Beziehung führen, denn Beziehungen sind nun mal nicht immer Sonnenschein.

Da hast du glaube ich ins schwarze getroffen. Was ich all die Zeit nicht verstanden hatte, war, dass er ja bei den von mir erlebten Schicksalsschlägen bei mir geblieben ist. Ich dachte, dann ist er doch ein guter, loyaler Partner und hält Konflikte aus. Was ich aber erst langsam verstehe ist, dass er bei diesen Schicksalsschlägen ja nicht emotional involviert war. Klar, er war traurig für mich, aber spürte die Trauer eben nicht selbst. Als aber dann emotional in eine Schieflage kam, wurde er so böse. Vielleicht muss man das einfach getrennt voneinander betrachten.

Als ich deinen Beitrag gelesen habe, machte es plötzlich PLING, ich dachte "puh, da habe ich vielleicht doch Glück gehabt, dass ich mit ihm kein Kind gekriegt habe, wenn er so konfliktunfähig ist". Trotzdem denke ich, dass Menschen sich ändern/weiterentwickeln können. Er hätte an sich arbeiten können, hätte er gewollt. Genauso, wie der potentielle nächste Partner von mir (den ich erst noch suchen muss ) am Anfang ja auch toll sein kann, dann passiert das Leben und plötzlich ist auch er nicht mehr konfliktfähig. Und das macht mich noch so mutlos, eine neue Beziehung eingehen zu wollen. Weil sich eben alles verändert. Niemand wäre gerne mit seinem Trennungs-Ich zusammen, ich ja auch nicht mit meinem, wo ich sehr in die Opferhaltung rutsche und zu viel mit mir machen lasse, in der Hoffnung, dass man sich wieder versöhnt und ich "lieb gehabt" werde. Aber trotzdem wünschte ich manchmal, ich würde den "bösen" Anteil des anderen zur Anfangszeit der Beziehung kennenlernen, weil dann wüsste ich, ob ich diesen Anteil auch lieben könnte. Nur so ein Gedanke ...

29.12.2018 14:33 • x 4 #3


mcteapot

Zitat von stillsad:
im Urlaub auf einem Parkplatz stehen gelassen

das würde ich weder am Ende noch am Anfang wollen
Ist ja fast wie bei @anka76 wo er sie am Straßenrand aussetzte, mitten in der Nacht

29.12.2018 14:36 • #4


stillsad


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Zitat von mcteapot:
das würde ich weder am Ende noch am Anfang wollen
Ist ja fast wie bei @anka76 wo er sie am Straßenrand aussetzte, mitten in der Nacht


Aber vielleicht gibt es ja abenteuerlustige Survival-Frauen, die darauf stehen, die freuen sich dann, wenn sie von Anfang an wissen, was für ein "Prachtexemplar" da vor ihnen steht

Spaß beiseite, kenne @anka76 Geschichte nicht, aber das klingt nicht toll. Warum kann man das bei anderen anerkennen, bei einem selbst dauert diese Info aber zwei Jahre und ist immer noch nicht hundertprozentig im Herzen angekommen?

29.12.2018 14:59 • x 1 #5


Tiefes Meer

Tiefes Meer

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Zitat von stillsad:
Aber trotzdem wünschte ich manchmal, ich würde den "bösen" Anteil des anderen zur Anfangszeit der Beziehung kennenlernen, weil dann wüsste ich, ob ich diesen Anteil auch lieben könnte. Nur so ein Gedanke ...

'ne Freundin von mir meint, sie würde nie mit einem Menschen zusammen ziehen, bevor es mal richtig miteinander gekracht hat . Wobei es natürlich mit dem ersten Krach 'ne Weile dauern kann , wenn man frisch verliebt ist .

29.12.2018 15:00 • x 2 #6


mitsubi

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Zitat von Tiefes Meer:
'ne Freundin von mir meint, sie würde nie mit einem Menschen zusammen ziehen, bevor es mal richtig miteinander gekracht hat . Wobei es natürlich mit dem ersten Krach 'ne Weile dauern kann , wenn man frisch verliebt ist .



Sehr weise von Deiner Freundin. Nehme ich mit auf

29.12.2018 15:27 • x 2 #7


mitsubi

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Freut mich, dass Dir mein Beitrag etwas geholfen hat @stillsad
Vielleicht hat es ja Situationen gegeben, in denen es durchblitzte, dass er im Grunde ein Schnacker ist. Denn das sind solche Leute für mich. Sie können kluge Ratschläge geben, halten sich aber nur selbst solange daran, wie es die eigene Komfortzone nicht bedroht. Auch das betrifft viele von uns. Manche können sowas mit Reflektion wieder gut machen. Ist Dein Ex reflektiert?

Ich will ihn nicht an den Pranger stellen oder als schlechten Menschen hinstellen. Es wird Gründe haben, dass er so ist. Ich möchte ihn nur von den Thron runterholen, auf welchen Du ihn gesetzt hast. Nimm mal Deine Brille der Verlustangst ab, die Du lange aufgehabt hast. Waren da nicht Situationen, in welchen die Konfliktunfähigkeit durch kam? War er vielleicht sogar mal selbstgerecht? Vielleicht auf Arbeit? In der Familie?

Du solltest Dich nicht verschließen für andere Männer und schon gar nicht den Mut verlieren. Frag Dich einfach, welchen Anteil Du hattest. Hältst Du zu sehr an Beziehungen fest? Setzt Du Grenzen? Bist Du selbstbewusst? Brauchst Du jemanden zu dem Du aufschauen kannst? Was sind Deine Werte?
Warum denkst Du wirklich noch an ihn? Glaubst du, er war zu gut für Dich, wenn andere dauernd von ihm schwärmen?

Meistens ist es so, wenn man genauer hinschaut und mit etwas Abstand, fallen einfach Dinge auf die nicht so prima waren. Das kann man dann für sich aufarbeiten und mit in die Zukunft nehmen. Er war nur jemand auf Deinem Weg. Manche Menschen sind ein Geschenk, andere eine Lehre. An vergangenen Beziehungen kann man allerhöchstens wachsen, aber sicherlich niemals zerbrechen.

29.12.2018 15:46 • x 5 #8


stillsad


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Zitat von Tiefes Meer:
'ne Freundin von mir meint, sie würde nie mit einem Menschen zusammen ziehen, bevor es mal richtig miteinander gekracht hat . Wobei es natürlich mit dem ersten Krach 'ne Weile dauern kann , wenn man frisch verliebt ist .

aber auch das ist halt leider kein Garant (wenn auch ein guter, erster Anhaltspunkt), ich bin mit meinem Ex nach einem Jahr zusammen gezogen, auch nach erfolgreichen versöhnten, ersten Streits, hatten dann zwei tolle Jahre in der Wohnung und dann, bouuum, ist die Bombe trotzdem explodiert und er transformiert .

29.12.2018 15:48 • x 1 #9


mcteapot

Zitat von stillsad:
er transformiert

die Gefahr besteht ja leider immer, das Mr. Hyde vorbei kommt

29.12.2018 15:50 • #10


stillsad


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Zitat von mitsubi:
Vielleicht hat es ja Situationen gegeben, in denen es durchblitzte, dass er im Grunde ein Schnacker ist. Denn das sind solche Leute für mich. Sie können kluge Ratschläge geben, halten sich aber nur selbst solange daran, wie es die eigene Komfortzone nicht bedroht. Auch das betrifft viele von uns. Manche können sowas mit Reflektion wieder gut machen. Ist Dein Ex reflektiert?

Ui, @mitsubi, so viele schlaue Sachen, die du da gesagt hast, da muss ich einzeln drauf eingehen. Weil ja, er ist super reflektiert gegenüber anderen Menschen, weswegen ich ja so verwirrt war, dass er dann nicht meine bzw. seine Rolle in der Trennung verstehen will und nur mir die Schuld gibt (Zitat er: "Ich bin perfekt."). Aber wenn dann von außen die "Entlarvung" kommt, dass es sich dabei um ein Muster handelt, das fremde Menschen in einem anonymen Forum erkennen ... ach, das hilft dann doch immer noch ein Stückchen mehr zu glauben, dass man nicht verrückt ist.

Zitat von mitsubi:
Ich will ihn nicht an den Pranger stellen oder als schlechten Menschen hinstellen. Es wird Gründe haben, dass er so ist. Ich möchte ihn nur von den Thron runterholen, auf welchen Du ihn gesetzt hast. Nimm mal Deine Brille der Verlustangst ab, die Du lange aufgehabt hast. Waren da nicht Situationen, in welchen die Konfliktunfähigkeit durch kam? War er vielleicht sogar mal selbstgerecht? Vielleicht auf Arbeit? In der Familie?

Er hatte kurz vor der Trennung Stress mit seinen Arbeitskollegen, mit denen er ein Geschäft aufbauen wollte (diese Bauarbeiten haben sich durch die letzten zwei Jahre der Beziehung gestreckt und ich musste sehr zurück stecken) einen riesigen Streit gehabt und ist dann freiwillig aus dem Gebäude ausgezogen, obwohl man - meiner Meinung nach - das in einem Gespräch mit den Kollegen hätte anders regeln können. Aber einer seiner Kollegen, ein lammfrommer Mann, hat ihn sogar als A. beschimpft, mit dem er nie mehr etwas privat zu tun haben möchte. Ich habe das damals nicht verstanden, weil ich eben beide als lammfromm kannte, Ex und Kollegen. Ich weiß noch, dass ich mehr irritiert war, als sauer auf den Kollege ob seiner Beleidigung (auch wenn die Ausdrucksweise bestimmt nicht richtig war). Aber vielleicht ist auch da die Kompromisslosigkeit zu erkennen. Also her mit der Säge, damit ich den Thron vom Ex weiter zerstückeln kann .

Zitat von mitsubi:
Du solltest Dich nicht verschließen für andere Männer und schon gar nicht den Mut verlieren. Frag Dich einfach, welchen Anteil Du hattest. Hältst Du zu sehr an Beziehungen fest? Setzt Du Grenzen? Bist Du selbstbewusst? Brauchst Du jemanden zu dem Du aufschauen kannst? Was sind Deine Werte?
Warum denkst Du wirklich noch an ihn? Glaubst du, er war zu gut für Dich, wenn andere dauernd von ihm schwärmen?

Und wieder erwischt . Ich halte viel zu sehr an Beziehungen fest, leide immens unter Verlustangst und konnte bis vor kurzem überhaupt keine Grenzen ziehen. Ich bin aber seit gut einem Jahr in Therapie, erkenne nun eigene Muster an mir und merke nun immerhin schon, wann ich andere "übergriffig" werden lasse. In der Tat schaue ich nun auch ein bisschen kritischer auf meine Freunde, die ich zwar alle liebe, aber langsam fallen mir auch dort Momente auf, wo ich zu viel mit mir machen lassen, weil ich solche Angst habe, sie zu verlieren, wenn ich mein wahres Ich/Wünsche zeige.
Und warum ich noch an ihn denke? Weil er der erste Mensch war, dem ich meine Wünsche und mein wahres Ich gezeigt habe und der mich trotzdem geliebt hat (zumindest die ersten zwei Jahre). Und weil er halt leider am Ende alles gedreht hat, damit er nicht als "Täter" da steht und gemeint hat, eigentlich hätte ja ich Schluss gemacht. Daran nage ich immer noch, weil ich eben sein Verhalten am Ende nicht mit der Gesamtpersönlichkeit zusammenbringe und manchmal noch denke, war alles ein großes Missverständnis? (war es nicht, er war nur feige, trotzdem nagt es in mir ...)
Und dann hänge ich noch so sehr an ihm, weil ich denke, dass er das Ultimo und die letzte Chance für mich zum Glücklichsein war. Dass ich nie mehr einen wie ihn kriege, der mich liebt und vor allem, den ICH liebe. Denn ich habe tatsächlich hohe Moralvorstellungen und altmodische Werte (Loyalität, Ehrlichkeit), die bislang nur er erfüllt hat. Wenn ich dann die ganzen Geschichten in meinem Umfeld höre und hier im Forum lese, dachte ich mir schon oft, "oh weh, und dann fand ich meinen schlimm?". Ja, ich habe es zwar noch nicht aktiv probiert, zu daten und deswegen auch nicht den besten Vergleich, aber ich bin mir irgendwie sicher, dass es diesen perfekten Gegensatz für mich nur durch ihn gab. Da kommt dann die Panik, schließlich bin ich schon bald 35 und habe Angst, die Familie, die ich mit ihm geplant hatte, nicht mehr zu bekommen. Aber aus meiner Haut komme ich halt auch nicht, was soll ich jetzt daten, wenn ich noch keine Männer anfassen mag.

Zitat von mitsubi:
Meistens ist es so, wenn man genauer hinschaut und mit etwas Abstand, fallen einfach Dinge auf die nicht so prima waren. Das kann man dann für sich aufarbeiten und mit in die Zukunft nehmen. Er war nur jemand auf Deinem Weg. Manche Menschen sind ein Geschenk, andere eine Lehre. An vergangenen Beziehungen kann man allerhöchstens wachsen, aber sicherlich niemals zerbrechen.

Das ist sehr schön gesagt, vielen Dank!

29.12.2018 16:10 • x 1 #11


mitsubi

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Ich kann Dich und Deine Ängste sehr gut verstehen, kenne es zum Teil aus eigener Erfahrung. Was ich noch nicht gut kann, obwohl ich länger schon hier bin, ist das Anwenden der Zitierfunktion Daher mal so...

Also. Reflektionsfähigkeit betrifft ja einen selbst, man reflektiert sich selbst und nicht andere. Andere bewertet oder beurteilt man, ob man es will oder nicht. Dein Ex scheint nicht reflektiert zu sein sondern egozentrisch und stur. Weiterhin scheint er Probleme mit Emotionsregulation zu haben. Er ist perfekt, sagt er. Ich sage, er ist weit davon entfernt.

Was heißt es denn, wenn Du sagst Du hast so sein können wie Du bist? Wie bist Du denn?

Kann es sein, dass er es einfach nur genossen hat von Dir angehimmelt zu werden? War das perfekte Match nur deshalb eines, weil da Angebeter und Anbetende aufeinander trafen? Ich drücke das mal überspitzt aus, aber im Kern verstehst Du vielleicht was ich meine. Ich glaube, Du hast in ihm nur das gesehen, was Du sehen wolltest. Das nennt sich Illusion. Du möchtest so sehr eine Familie und er schien so toll, da hat es doch jetzt bitte auch zu klappen. Damit legst Du Deinen Fokus aber nur auf einen Teil der Realität, nämlich auf den schönen. Alles andere blendest Du aus.

Ich bin 37 Jahre und verstehe Deine Angst, allein zu sein. Nur, wie gut kann das alles klappen mit einem Mann, wenn man sich selbst kleiner macht als man ist? Welchen Typ Mann ziehst Du an, wenn Du eigentlich nichts Gutes von Dir denkst?

Du musst gerade nicht daten, wenn Du es nicht willst. Nutze die Zeit, um zu Dir selbst zu kommen. Lern Dich selbst besser kennen. Woher kommt Deine Verlustangst? Mach das zum Thema Deiner Therapie. Da muss es was geben, einen Grund für all das. Geh rein in dieses Thema, arbeite es auf und dann stärke Dich mit neuen Glaubenssätzen. Ist das anstrengend? Ja! Dauert das lange? Ja! Aber dann, wenn Du das alles für Dich geklärt hast, kannst Du Dich selbst anders wahrnehmen, kannst Kraft ziehen aus Dir selbst und wirst deutlich souveräner. Dir werden dann Männer begegnen und wenn die wieder so doof sind, schickst Du sie weg. Klappt vielleicht nicht sofort, aber Du wirst immer mehr dazulernen.
Du kannst das natürlich auch lassen, aber ich garantiere Dir, Du wirst Dich in ewigen Wiederholungen finden. Niemand wird Dir das Glück auf dem Silbertablett servieren. Das musste schon selbst holen, denn, das Leben stellt Dir solange dieselbe Aufgabe, bist Du sie gelöst hast.

29.12.2018 16:40 • x 4 #12


stillsad


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Zitat von mitsubi:
Kann es sein, dass er es einfach nur genossen hat von Dir angehimmelt zu werden? War das perfekte Match nur deshalb eines, weil da Angebeter und Anbetende aufeinander trafen? Ich drücke das mal überspitzt aus, aber im Kern verstehst Du vielleicht was ich meine. Ich glaube, Du hast in ihm nur das gesehen, was Du sehen wolltest. Das nennt sich Illusion. Du möchtest so sehr eine Familie und er schien so toll, da hat es doch jetzt bitte auch zu klappen. Damit legst Du Deinen Fokus aber nur auf einen Teil der Realität, nämlich auf den schönen. Alles andere blendest Du aus.

Nein, so war es tatsächlich nicht. Wir sind langsam als Partnerschaft gewachsen und haben viel richtig gemacht. Ja, vielleicht habe ich ihn am Anfang angehimmelt, aber er genauso mich. Das Problem war am Ende hauptsächlich der Druck von außen, als ich meine Familie verloren habe und dementsprechend traumatisiert war. Er hat mich lange getragen, aber ich vermute, irgendwann konnte oder wollte er nicht mehr. Das hätte er kommunizieren müssen, aber wie gesagt, in dem Moment wollte ich ihn vielleicht auch nicht verstehen. Dadurch ist eine unschöne, emotionale Abhängigkeitsspirale entstanden, aus der er sich befreit hat. Wie kaputt ich war, merkte ich erst, als ich alleine war, und das bearbeite ich nun bzw. verarbeite überhaupt erst jetzt den Verlust meiner Liebsten. Wie anstrengend ich mit meinen Gedankenmustern in der Beziehung für ihn gewesen sein muss, habe ich erst in den letzten Wochen hier im Forum durch den Thread einer anderen Schreiberin gemerkt, die eine ähnliche Ausgangssituation wie ich hat und die kein Ratschlag, kein gar nichts von außen erreicht, weil sie von ihrem Ex emotional abhängig ist. Ja, am Ende war mein Ex ein A., aber ich weiß, er hat davor sein bestes gegeben, aber am Ende hatte er bestimmt nur noch Mitleid mit mir, so wie ich mit der anderen Forumsteilnehmerin, der auch nur Hilfe von außen helfen kann. Manchmal fühle ich mich deshalb doppelt bestraft, weil ich nicht nur meine Familie, sondern deswegen am Ende auch noch ihn verloren habe, aber auch da bin ich mittlerweile ein bisschen milder mit mir, auch ich habe mein bestes getan. Außerdem arbeite ich ja jetzt an meinen Schwächen .

Zitat von mitsubi:
Ich bin 37 Jahre und verstehe Deine Angst, allein zu sein. Nur, wie gut kann das alles klappen mit einem Mann, wenn man sich selbst kleiner macht als man ist? Welchen Typ Mann ziehst Du an, wenn Du eigentlich nichts Gutes von Dir denkst?

Und wie gehst du mit dieser Angst um?

Und jetzt zu dir, denn auch wenn ich nicht viel weiß, das weiß ich :
Zitat von mitsubi:
Ich kann Dich und Deine Ängste sehr gut verstehen, kenne es zum Teil aus eigener Erfahrung. Was ich noch nicht gut kann, obwohl ich länger schon hier bin, ist das Anwenden der Zitierfunktion Daher mal so...

Markiere im Beitrag einfach den Text, den du zitieren möchtest, danach erscheint ein Reiter mit zwei Funktionen, einmal "Zitat speichern" und "direkt antworten". Klicke auf "direkt antworten" und dann erscheint der Text unten in der Schnellantwort. Kannst du danach auch bei anderen Stellen wiederholen, die erscheinen dann als extra Zitate chronologisch unter dem ersten.

PS: Wobei mir gerade auffällt, dass ich wirklich JEDES Mal das mit dem Verlust meiner Familie als Begründung für die Trennung und sozusagen als Verständnis für sein Verhalten schreibe, wenn mich jemand im Forum mal nach Details fragt. Das ist fast schon gebetsmühlenartig. Irgendwie widerstrebt mir das. Einerseits ist es total privat, andererseits stelle ich mich da wieder so Opfermäßig hin und nehme der Beziehung im Nachhinein das Erwachsene. Und irgendwie habe ich auch keinen Bock mehr, ihn zu entschuldigen, ein guter Mann hätte mich trotzdem nicht verlassen müssen (vor allem, ich habe trotz allem mein Leben noch hingekriegt, gearbeitet, Abschluss gemacht, Haushalt geschmissen, es ist jetzt auch nicht so, als wenn ich pflegebedürftig zu Hause gesessen hätte, ich hatte nur extreme Verlustangst bei allem und jedem).

29.12.2018 17:14 • x 1 #13


ili

ili

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Kopf hoch! Ich sehe mich bei einigen Aussagen selbst wieder!

29.12.2018 17:49 • #14


mitsubi

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Okay, stellte sich die Verlustangst mit dem Verlust Deiner Familie ein? Oder gab es die schon vorher?

Es stimmt, Du entschuldigst ihn. Aber vielleicht willst Du auch einfach nur einen Grund finden, warum er ging. Du selbst musst Dich für nichts entschuldigen. Du hast ein Trauma erfahren, Du hast Dir das nicht ausgesucht und dennoch funktioniert. Dafür kannst Du Dir schon mal auf die Schulter klopfen.

Weißt Du was manchmal hilft? Nach der Alternative zu fragen. Meinst Du, es würde Dir heute besser gehen, wenn er sich nicht auf diese Art getrennt hätte? Ich glaube nicht. Du würdest ihn noch mehr idealisieren und noch mehr leiden, wahrscheinlich.
Manchmal braucht die Trauer und die Wut ein Ziel. Hier ist es sein Verhalten. Und es stimmt ja auch, es war doof. Sehr doof. Aber Du kannst es nicht ändern. Versuch ihn doch mal als jemanden zu sehen, der nur im Rahmen seiner Möglichkeiten handelte. Er hat ja auch seine Geschichte. Er scheint die Perfektion anzustreben und das sagt meist aus, dass da ganz viel zu kompensieren ist. Aber das weiß ich nicht. Ganz sicher weiß ich aber, dass alles seinen Grund hat. Warum Menschen handeln wie sie handeln, hat einen Grund. Wenn man ihre Geschichte kennt, kann das helfen, aus der eigenen Wut oder Trauer rauszukommen. Warum? Weil man sieht, dass sie es einfach nicht besser wussten. Damit kommt man raus aus dem Konjunktiv, aus den hätte, hätte, Fahrradkette. Und warum das erstrebenswert? Weil man das loslassen kann. Solange man nicht loslassen kann, WILL man nicht loslassen. Man klammert sich an Hoffnung, Trauer, Wut. Aber man kommt damit nicht vorwärts. Es hält auf und es hält ab vom eigenem Lebensglück. Es vergiftet Dich.

Also. Nehme ihn vom Thron und geh Du aufrecht. Du kannst stolz sein auf Dich. Er ist Dir nicht überlegen. Er ist ein Mensch mit einer Geschichte und Du auch. Viele Beziehungen scheitern an solchen Ereignissen wie bei Dir, Du kannst nichts dafür. Er auch nicht. Sein Verhalten, ja. Doof. Aber es war Überforderung. Er ist eben nicht perfekt. Versuche Dir zu verzeihen, versuche ihm zu verzeihen und Du kommst wieder voran.

29.12.2018 17:58 • x 2 #15




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