Ehemaliger User
Gast
In menschlichen Beziehungen beruhen alle Voraussagen in der ein oder anderen Weise auf Vertrauen. Wenn Person A von B einen Scheck erhält, so bleibt für sie die Frage, ob dieser Scheck gedeckt ist oder nicht, vorderhand unbeantwortbar. In diesem Sinne sind A`s und B `s Lagen sehr verschieden.B weiss ob sein Scheck gedeckt ist oder nicht. A kann ihm lediglich vertrauen oder misstrauen , denn er wird erst dann Gewissheit erlangen, wenn er den Scheck bei der Bank zur Einlösung vorlegt. Es liegt in der Natur menschlicher Kommunikation, dass es keine Möglichkeit gibt einen anderen Menschen zum Teilhaber von Informationen oder Wahrnemungen zu machen, die nur einem selbst zugänglich sind. Der andere kann einem bestenfalls vertrauen oder misstrauen, aber erkann es nicht WISSEN. Andererseits ist ein Grad von Vertrauen unerlässlich, denn die meissten menschlichen Tätigkeiten kämen praktisch zum Erliegen, wenn Menschen nur nur aufgrund direkter Informationen und Wahrnehmungen handelten. Bei weitem die meisten unserer Entscheidungen beruhen auf Vertrauen. Vertrauen spielt also eine wichtige Rolle in der Abschätzung künftiger Ereignisse und, im engeren Sinn, deren Voraussagbarkeit.
Bisher haben wir zwischenmenschliche Situationen in Betracht gezogen, in denen ein Partner unmittelbare Information besitzt und der andere nur die Möglichkeit hat, der Übermittlung dieser Information zu vertrauen oder zu misstrauen. Der Direktor weiss, dass er die Prüfung an Donnerstag morgen abhalten wird, der Gatte weiss, dass er keine Absicht hat seine Frau zu betrügen, der Mann der einen Scheck ausstellt weiss ( meistens ) ob er gedeckt ist oder nicht. In zwischenmenschlichen Situationen von der Art des Gefangenendilemma be sitzen aber weder der eine noch der andere Unmittelbare Information. Beide sind daher in ihr Vertrauen auf den anderen angewiesen, auf eine Abschätzung ihrer eigenen Vertrauenswürdigkeit in den Augen des anderen und auf ihre Voraussage des Entscheidungsverhalten des anderen, von dem sie wissen., dass es weitgehend auf dessen Voraussagen über ihr eigenes Entschiedungsverhalten beruht. Wie wir nun sehen werden, führen diese Voraussagen unweigerlich zu Paradoxien.
Das spieltheoretische Modell des Gefangenendilemmas lässt sich am eifachsten durch folgende Mtrix darstellen :
. b1 . b2
a1 5,5 . -5, 8
a2 8,-5 -3,-3
In dieser Spielsituation haben Spieler A und Spieler B je zwei Alternativen.A kann a1 oder a2 und B entweder b1 oder b2 wählen. Beiden sind durch die Matrix festgelegte Gewinne oder Verluste bekannt. So weiss A z.B. dass er und B je 5 Punkte gewinnen, wenn er a1 und B b1 wählt. Wenn B aber die Alternative b2 wählt, verliert A 5 Punkte und B gewinnt 8 Punkte. B befindet sich in derselben Lage gegenüber A. Ihr Dilemma besteht darin, das beide nicht wissen können welche Alternative der andere wählen wird, da sie aufgrund der Spielregeln gleichzeitig wählen müssen, über ihre Wahl aber nicht kommunizieren können.
Unter diesen Bedingungen erweist es sich, dass gleichgültig ob das Spiel nur einmalig oder hundertmal hintereinander gespielt wird, die Entscheidung (a2,b2 ) die sichereste ist, obwohl sie jedesmal einen Verlust von je 3 Punkten je Spieler bedeutet. Eine viel vernünftigere Lösung wäre natürlich ( a1,b1 ), da sie beiden Spielern einen Gewinn von 5 Punkten bringt. Diese Entscheidung kann aber nur unter der Voraussetztung gegenseitigen Vertrauens erreicht werden. Wenn nähmlich nähmlich Spieler A seine Entscheidung rein vom opportunistischen Gesichtspunkt seinens Maximalen Gewinns bei minimalem Verlustes trifft und Grund zur Annahme hat, das ihm B genügend vertraut um b1 zu wählen, da das dadurch zustande kommende Resultat ( a2,b1 ) einen maximalen Gewinn ergibt. Wenn A aber ein genügend scharfer Denker ist, so muss er sich sagen, dass B genau denselben Gedankengang verfolgen kann, und daher b2 statt b1 spielen wird., besonders wenn auch B annimmt, dass A ihm genügend vertraut, und er selbst genügend Vertrauen hat, dass A a1 wählen wird. Damit kommen wir zu der traurigen Schlussfolgerung, dass ( a2,b2 ) die einzig vernünftige, d.h. sichere Strategie für beide Spieler ist, das dabei aber beide verlieren.
Dieses Resultat ist keineswegs ein rein theoretisches. Es ist die vielleicht eleganteste Abstraktion eines Beziehungsproblems, dass man in der Psychotherapie von Ehen oder anderen engen Beziehungen immer wieder antrifft. Ehepartner, die in stummer Enttäuschung dahinlebenund einander fast nichts zu geben instande sind, bevölkern seit langem die Wartezimmer der Psychotherapeuten. Meist aber wird der Grund für ihr Unglücklichsein in einer individuellen Pathologie des einen oder anderen Partners gesucht, der als depressiv, passiv - agressiv, selbstbestrafend, *beep* usw. diagnostiziert wird. Alle dies Diagnosen aber lassen die wechselseitige Natur ihrer Zwangslage unberücksichtigt, die ganz unabhängig von den Persönlichkeitsstrukturen der Partner bestehen und aussschlieslich im Wesen ihres Beziehugsdilemmas liegen kann. Es ist , als ob sie sich sagten: " Vertrauen würde mich verletzbar machen, daher muss ich auf meine Sicherheit bedacht sein. " , und die darin enthaltene Voraussage ist : " Der andere würde mich sonst ausnützen. "
Meistens reich die gegenseitige Beurteilung und die Definition der Beziehung durch die Partner ( und ebenso durch Nationen ) nur bis zu diesem Punkt. Diejenigen aber, die etwas schärfere Denker sind, können nicht an diesem Punkt haltmachen, und hier nun wird die Paradoxie des Gefangenendilemmas besonders offensichtlich. Lösung ( a2,b2 ) wird unvernünftig, sobald A begreift, das sie nur das kleinere Übel, aber eben doc ein Übel ist und das auch B das so sehen muss. B muss also genausowenig Grund haben dieses Resultat zu wünschen - eine Schlussfolgerung, die A unschwer ziehen kann. Sobald A und B zu dieser Einsicht gelangt sind ist nicht mehr ( a2,b2 ) die vernünftige Lösung , sondern vielmehr ( a1,b1 ) . Mit ( a1,b1 ) aber beginnt der Kreislauf aber wiedr von neuem. Wie immer sie an ihr Dilemma herangehen - sobald sie die " vernünftigste " Lösung im Sinne ihres eigenen Interesses gefunden hben, drängt sich eine " noch vernüntigere " Lösung auf. Somit stecken sie in derselben Sackgasse wie die Schüler, die die Prüfung nur dann vorausagen können, wenn sie unvoraussehbar ist.
Moral : Reine Logik und menschliches Vertrauen vertragen sich nicht.
Aus :
Paul Watzlawick, u.a.
Menschliche Kommunikation - Formen, Störungen, Paradoxien
Verlag Hans Huber