Lieber @HerrArgh
ich habe jetzt eine Weile mitgelesen und immer wieder höre ich dabei diesen blöden, alten Song in meinem Kopf, vielleicht kennst Du ihn:
"Das bißchen Haushalt, ist doch kein Problem... sagt mein Mann..."
Klickt es da ein wenig bei Dir?
Zitat von HerrArgh:Wir standen morgens gemeinsam auf. Ich machte mich fertig und fuhr zur Arbeit. Sie hat derweil unsere Tochter geweckt und alles für die Schule fertig gemacht. Anschließend hat sie, bis unsere Tochter aus der Schule kam, irgendwie die Zeit totgeschlagen: Fernsehen, stricken... Dann halt kochen und wie ich bisher dachte, sich um Tochter gekümmert. Je nach Situation auf der Arbeit kam ich mal früher, mal später nach Hause, also relativ unregelmäßig. Und wie ich leider auch jetzt erst zu spät erkannt habe, habe ich sowohl meine Frau als auch meine Tochter viel zu sehr vernachlässigt.
Schau mal, das ist für mich ein vollkommen normaler Tagesablauf, Du gehst arbeiten und sie blieb zu Hause. Das ist bis heute ein gängiges Modell für Paare. Sie hat auch keine Karriere aufgegeben oder dergleichen. Und dass Arbeitszeiten schwanken, ist keinen Vorwurf der "Vernachlässigung" wert.
Mir fällt sehr stark die Widersprüchlichkeit Deiner Frau ins Auge. Einerseits schreibst Du von "Langeweile" und "stricken", auf der anderen Seite, schafft sie es nicht einmal aufzuräumen und zu putzen?
Kannst Du nachvollziehen, dass das nicht zusammen passt?
Auch ist Deine Frau erwachsen, wenn ihr langweilig ist, wird sie sich beschäftigen müssen, Du bist doch nicht ihr Unterhaltungsfrosch, das ist schlicht nicht normal und ehrlich gesagt, mein Mann würde mich nur verdutzt anststarren, wenn er alle paar Tage meinen Saustall mit aufräumen musste Jahre lang und ich dann allen Ernstes komme und sage "adieu mein Mann und leb wohl mein Kind, aber ich will nicht mehr und langweilig ist es auch".
Hast Du nie daran gedacht, eine Haushaltshilfe zu bekommen? Ihr habt doch eine Tochter, was sind denn das für Verhältnisse da bei Euch? Du schreibst ja auch, sie ist sehr in sich gekehrt und hat kein enges Verhältnis zur Mutter. Wie erklärst Du Dir das? Wie kannst Du da davon ausgehen, Du seist das "Problem"? Das erschließt sich mir nicht.
Selbstverständlich, hast Du Deine Anteile, sonst wäre es nicht soweit gekommen, ohne Frage, aber Du hattest doch offenbar selbst genug Päckchen zu tragen, mit Arbeit, Krebs etc.pp.
Weitere Widersprüche sehe ich bei den Erzählungen zum Schlafen. Sie hat Angst nicht wieder aufzuwachen, aber nimmt starke Schlafmittel? Das ist doch nicht zielführend, findest Du nicht? Ohne Medikamente ist das Risiko, nicht wieder aufzuwachen, doch deutlich geringer? Es wären daher wohl eher Angst lösende Medikamente angebracht gewesen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Das ist alles sehr verworren, wie ich finde und es wundert mich nicht, dass sie die Pillen irgendwann "missbraucht" hat, ebenso wie sie sich selbst "missbraucht" gefühlt hat und zwar von sich selbst. "Was stimmt nicht mit mir, warum schaffe ich das alles nicht, warum bin ich nicht in der Lage, Normalität zu leben, für meine Tochter eine liebevolle Umgebung zu erhalten, eine emotionale Bindung zu haben zu ihr, warum ist mir entweder alles gleichgültig oder aber zuviel, etc.".
Zitat von HerrArgh:sie will nicht, dass ich mir Hoffnungen mache, die sie nicht erfüllen kann.
Das ist für mich der Satz, der alles aussagt. Sie ist in ihren Augen ein Versager, sie hat alle enttäuscht, Dich, Eure Tochter und sich selbst. Sie ist der Meinung, ihr seid ohne sie besser dran, sie hat "Schuld" auf sich geladen und verachtet sich selbst.
Ich kann und will keine Ferndiagnose stellen, das ist unseriös. Ich kann aber sagen, dass ich hier ganz viele Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung in Verbindung mit den Folgen des Jahre langen Medikamenten Abusus sehe. Das muss selbstverständlich nicht stimmen, dennoch kann ich Dir sagen, dass Menschen mit dieser Problematik nichts positives fühlen und es daher nicht ungewöhnlich ist, wenn Deine Frau sagt, sie empfindet nichts mehr. Das ist erstmal wahr. Diese Gefühle sind jedoch nur "eingegraben" und das spüren die Betroffenen auch, daher blockieren sie sehr vehement, wenn es Nachfragen gibt.
Ich kann Dir nur raten, Dich einmal zu erklären, sachlich und nüchtern, zwar deutlich zu machen, dass Du sie nach wie vor liebst und immer für sie da bist, wenn sie Dich braucht, aber sie sich schon selbst einbringen muss, wenn sie Kontakt zu Dir oder der Tochter haben möchte. Auch würde ich deutlich sagen, dass Du zu einem Gespräch mit der Therapeutin mitkommen möchtest, damit Du die Möglichkeit hast Dich mit der bestehenden Problematik auseinander zu setzen. Natürlich muss sie das auch wollen, aber alles andere ist unfair und nicht hinnehmbar. Bei allem Verständnis für Probleme und dergleichen, sie ist erwachsen und Du kannst nicht wie ein blinder Vogel um sie herum flattern, wenn Du nicht weisst, was eigentlich Tango ist.
Solange Du ihr das immer wieder durchgehen lässt, bleibt sie weiterhin eine Erwachsene, die sich wie ein Kind verhält und sich dann beschwert, dass keiner sie versteht.
Das geht so niemals gut.
Ich wünsche Dir viel Kraft und Stärke, endlich eine Grenze zu ziehen, auch für Eure Tochter, diese chaotischen Zustände haben ja bereits genug Spuren hinterlassen. Ich rate auch dringend dazu, eine Therapie mit Deiner Tochter zu machen, das muss alles dringend aufgearbeitet werden, sonst wiederholt sich das ganze Spiel, wenn Deine Tochter eines Tages eine Familie gegründet hat. Was man zu Hause vorgelebt bekommt, ist maßgeblich für die eigene Bindungs - und Beziehungsfähigkeit später, auch den eigenen Kindern gegenüber.
Darüber solltest Du Dir dringend Gedanken machen, nicht in erster Linie über Deine Frau.
Jetzt nicht mehr, auch wenn Du sie vermisst, Dir einen Neustart wünscht, jetzt ist der Fokus weder bei Deiner Frau zielführend plaziert, noch bei Dir selbst.
Liebe Grüße
Simply