Es ist schon faszinierend, wie schnell sich immer wieder alles verändert. Ich hab die letzten Tage sehr viel mehr Zeit mit meiner Tochter verbracht, war meist viele Stunden nach der Arbeit da, hatte auch viel Ruhe und Ex hat sich mehr um den Haushalt gekümmert. Sie hat mich auch einmal gefragt, ob sie mir was zu Essen machen soll, aber ich habe abgelehnt. So eng muss es dann nicht sein.
Sie gibt sich sehr stark, aber in manchen Momenten sehe ich ihr an, dass es nicht so ist. Sie hat Schmerzen und versteckt es. Heute hat sie dann plötzlich gefragt, ob ich die Kleine übernächste Woche auch früh nehmen könnte, weil sie zum Arzt geht. Es gibt wohl den Verdacht auf Lipödem, sie hat wohl immer mehr Schmerzen über die letzten Monate, aber nie was gesagt.
Klar nehme ich die Kleine, das ist selbstverständlich für mich, das krieg ich irgendwie unter und wenn nicht, springt mein Vater ein.
Sie wollte wohl immer nie was sagen, weil sie wusste, ich war viel mit der Arbeit beschäftigt während sie schwanger war - stimmt, da war eine Projekt-Hochphase. Wir haben zwar viel in der Zeit über das Kind geredet, aber weniger über uns, das merke ich selbst rückwirkend.
Aber um all das soll es nicht gehen.
Nur ich merke, wie sehr ich meine Tochter abends vermisse, wenn ich sie zuvor lang sehe. Ex hat mir auch mal angeboten, dort zu schlafen für die Kleine, aber ich bin ehrlich: Dann würde ich vermutlich mitbekommen, wie sie im Voicechat hängt und ich habe keine Ahnung, wie gut ich damit umgehen würde. Es ist eine Sache, getrennt zu sein, damit komme ich mittlerweile gut klar, aber direkt mitzubekommen, wie sie mit dem kommuniziert, der daran 50% Mitschuld trägt, ist nochmal was anderes. Da wird sich nie was dran ändern. Könnte ich ihn mit einem Knopfdruck vom Angesicht der Erde tilgen, würde ich es tun. Oder seine Familie, damit er meinen Schmerz spürt.
Aber auch das sind nur Gedanken, die gerade aus dem Schmerz des Vermissens heraus kommen, nichts, was hilft oder echt ist. Es ist einfach nur der Versuch, Kontrolle über Emotionen zu erlangen, in dem man es mit etwas wie Hass überlagert. Es bereichert das Leben so ungemein, ein eigenes Kind im Arm zu haben. Alles macht einfach Sinn, jede Kleinigkeit. Ich habe Angst, so viel zu verpassen.
Naja, ich wollte das ganze einfach mal runter schreiben. Ich danke für alle eure Antworten, ihr habt auch vollkommen recht. Sie hätte das ganze selbst beenden können oder nie so weit kommen lassen können, aber sie wollte es. Und jetzt lebt sie mit ihm so, wie sie es vermutlich immer wollte: In einer toxischen Beziehung, so wie die zu ihrer Mutter in den prägenden Jahren war. Das braucht sie. Das sehe ich heute - wenn es lange harmonisch war, dann hat sie Wege gefunden, es unharmonisch zu machen oder hat sich künstlich kleine Probleme zu riesigen aufgebaut.
Vermutlich war die Vorstellung, eine harmonische, kleine Familie zu sein, viel zu viel. Und jetzt, in der aktuellen Situation, kämpft sie stärker denn je mit ihren Emotionen und ihrer Vergangenheit. Immer wieder versucht sie, über ihre Psyche und ihre Mutter zu reden, weil es so heftig in ihr brodelt. Ich versuche da den gesunden Mittelweg zu finden zwischen zuhören und Abstand. Sonst hält sie ja niemand stabil, die kurzen Dopamin-Schübe durch den Esten zaubern ihre Traurigkeit nicht weg.
Jetzt hab ich doch wieder viel mehr geschrieben als gewollt. Zeit fürs Bett, denke ich.