Der Wunsch nach Ruhe (...).
Ich versuche mal ein paar Gedanken dazu zu schreiben, die passen können, aber nicht müssen. Und ich möchte auch gleich klarstellen, daß ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe.
Ich kenne diesen Wunsch sehr gut und natürlich ist der in einem ersten Moment super schwammig. Weil er nicht konkret, weil es einfach nichts ist, was man mal ebenso reparieren oder verändern kann, aber darin liegt schon eine ernstzunehmende erste Wahrheit.
Es gibt eben nicht das eine, was man jetzt (schnell) verändern kann und schwupps ist die Ruhe da. Sondern es ist ein ziemliches Wirrwarr aus großer Überforderung (daher der Begriff ich brauche Ruhe), unbewältigten inneren und dann äußeren Konflikten, sich selbst zu lange, zu wenig Ernst genommen zu haben und dem teilweisen oder gänzlichen Verlust des Bezugs zu sich selbst. Auch das ist natürlich für jemanden, der so etwas noch nicht erlebt hat, wenig greifbar.
Wichtig ist zunächst zu verstehen, daß dieser Wunsch, der eigentlich ein immer lauter werdendes inneres Bedürfnis ist, weder mit einer Woche Ferien noch mit materiellen Fragen wirklich etwas zu tun hat. Deiner Frau geht es meinem Dafürhalten nicht zu gut, ganz im Gegenteil Deiner Frau geht es eigentlich gar nicht gut.
Es gibt ein paar Faktoren, die eine solche Situation, die sich dann ich brauche Ruhe nennt, grundsätzlich begünstigen. Ein paar sind genetisch. Daneben gibt es Trauma aus der Kindheit, die, wenn sie eben nicht bearbeitet werden, je älter wir werden, umso deutlicher in Erscheinung treten. In der weiblichen Biographie ist Mutterschaft und der damit absolute physische, hormonelle und emotionale Wechsel in der eigenen Identität von Mädchen/Frau zu eben auch Mutter durchaus dann eine Sollbruchstelle, wenn die eigene ursprüngliche Identität vorher nicht gefestigt war.
Weil hier ja immer die Rede war von, wie kann eine Frau, die "nur" Hausfrau ist, sich denn bitte überfordert mit dem Leben fühlen, neben Burn-out kann es auch ein Bore-out geben, wobei sich die Symptomatik extrem ähnelt.
Was es ganz konkret bei Deiner Frau ist, kann nur diese mit fachlicher Hilfe für sich in einem längeren (!) Prozess heraus finden.
Wenn ich es versuche, für Dich in eine Form von Bild zu packen: Für mich war das ein bißchen so, als hätten alle Menschen um mich herum, einen super aufgeräumten Keller, den sie zum Teil als Waschkeller, Partyraum, Werkstatt oder ähnliches benutzt haben. Ich für meinen Teil, hab nicht mal die Tür zum Keller aufbekommen, weil der bis an die Decke hoch mit irgendwelchen Kisten, Kartons und Krempel vollgestellt war. Zum einen habe ich immer gedacht, daß ich ein schlechter Mensch bin, weil ich es nicht schaffe (!) daraus eine Werkstatt zu machen, obwohl ich nicht mal Verwendung für eine Werkstatt in meinem Leben habe und zum anderen habe ich tatsächlich auch nicht gewußt wie man überhaupt einen Karton öffnet. Ich hatte keine Schere oder Messer, hätte nicht gewußt wie ich wichtiges und unwichtiges trenne und daß es Leute gibt, die einem einen Container vor die Tür stellen, damit man alles, was man eben nicht mehr braucht entsorgt.
Jedes einzelne Mal, wenn ich versucht habe, man muß ja nur wollen, ist doch alles ganz einfach, irgendwie eine solche Kiste zu öffnen, ging das nur unendlich schwer (wie auch ohne Messer oder Schere) und dann wußte ich nicht, was ich dann damit soll. Das hat mich frustriert, mir suggeriert, daß ich total unfähig wäre (andere können es, ich aber nicht) und schließlich und endlich weil die Kisten immer mehr wurden, absolut in die Überforderung getrieben.
Innere Konflikte ziehen (auch wenn man das nicht sieht) unendlich viel Energie ab, die man dann nicht mehr zur Verfügung hat, daß äußere Leben zu bewältigen. Irgendwann wollte ich nur noch Ruhe.
Nur dass eben Ruhe alleine so lange nichts bringt, wie man nicht langsam und cm für cm heraus findet, was das eigentlich für ein Keller ist, woher die ganzen Kisten kommen und welche Werkzeuge es benötigt, um diese auszupacken und einzuordnen. Und natürlich auch, warum ich glaube unbedingt eine Werkstatt zu brauchen.
Vielleicht kannst Du ja mit diesem Bild ein bißchen etwas anfangen.
Zitat von Papamensch: Sie möchte zur Ruhe kommen (siehe oben), um zu erkennen was Sie wirklich will. Auf der einen Seite sagt Sie, es fehlt das partnerchaftliche und Sie das Gefühl hat nicht gesehen zu werden, glücklich sein, aber aktuell etwas machen soll ich auch nicht.
Für mich hat das total Sinn
Partnerschaften im allgemeinen und je zeitiger wir sie eingehen im besonderen sind Identitätsstiftend. Das ist auch an sich nicht das Problem. Es wird allerdings dann zu einem, wenn die eigene Identität nur aus dem gesehen werden durch den Partner besteht, also wenn man sich selbst überhaupt nicht (mehr) sieht. Sichtbar wird das natürlich zumeist erst dann, wenn das gesehen werden weniger wird, weil der Partner Stress hat, Kinder hinzukommen etc oder so gar ganz aufhört im Falle von Trennungen oder wenn der Partner stirbt.
Aber auch da fängt das ganze deutlich früher an: Wir alle, jeder einzelne von uns hat ein inneres Bedürfnis aus sich selbst (aus unserer Existenz selbst) heraus nach Identität. Auch damit ist etwas durchaus sehr Komplexes gemeint, aber hier können wir das darauf herunter brechen, daß jeder von uns nicht nur der Partner von (Mutter/Vater von oder Sohn/Tochter von) sein möchte.
Das sieht man immer wieder gut bei erwachsenen Kindern von besonders erfolgreichen Leuten, wo es eine hohe Korrelation von Schwierigkeiten die eigene Rolle zu finden gibt.
Um also auf Dein Zitat einzugehen: Dadurch daß Deine Frau sich nicht mehr von Dir gesehen gefühlt hat, ist ihr um so deutlicher "bewusst" geworden (besser ist vermutlich diffus stark gespürt), daß sie sich selbst eben auch nicht sieht.
Bleiben wir also weiter bei Kartons und Kisten: So lange du mich siehst, weiß ich das ich als Karton existiere. Siehst Du mich nicht mehr, versuche ich den Karton aufzumachen und stelle fest, dieser ist leer. Bin ich dann eigentlich ein Karton? bin ich überhaupt?
Die schlechte Nachricht also ist, daß Deine Frau eine längeren oder sehr langen Weg vor sich hat, welcher mit viel Arbeit einhergeht.
Die gute Nachricht ist, daß, Du selbst mit Veilchen und ein paar mal mehr sehen, den Karton hättest nicht füllen können und das ist fast noch wichtiger, wenn Deine Frau Fortschritte macht, was ihren Karton angeht, alles was Eure Ehe und den Fortbestand dieser angeht sehr offen ist.
So alles gut und schön, aber was machst Du jetzt damit

?
Du fängst an, mal in Deinen Karton zu schauen. Denn ein voller Karton (zu dem Deine Frau vermutlich werden möchte) der in einem aufgeräumten Keller steht, mag nur andere volle Kartons.
Deine Frau hat die Trennung an- und ausgesprochen. Das gilt es zu akzeptieren. Also faktische Probleme wie Arbeitsaufteilung und Kinderbetreuung etc in Ruhe und mit Respekt klären und sich daran halten.
Je nach Schwere dessen, was Deine Frau zu bearbeiten hat, könntest Du dich bereit erklären, die Kinderbetreuung zu übernehmen (wenn ihr komplett getrennt seid, müßt ihr beides es ja auch einzeln stemmen) für den Fall, daß sie eine Kur beantragen möchte oder eine Tagesklinik in Betracht zieht.
Schließlich brauchst Du eine Bewältigungsstrategie, die nicht darauf gerichtet sein kann, daß alles wieder gut wird. Denn das was war, war irgendwann jedenfalls nicht mehr gut. Vielleicht nur für Deine Frau, aber auch dann ist es ratsam, daß Du Dir überlegst, was Du denn möchtest und wie Dein Leben ausschauen soll, im Zweifel eben auch ohne sie als Partnerin. (und damit meine ich nicht daten, das kommt ganz, ganz zum Schluß).
Vielleicht ist das ja ein bißchen etwas für Dich dabei. Und nochmal, es ist nur meine Perspektive auf mehr Ruhe brauchen.