Lieber @Träne71
auch von mir ein trauriges "Willkommen" hier. Wie du ja schon gesehen hast, bist du nicht alleine hier. Ich bin seit Ende letzten Jahres dabei und kann dir sagen das der Austausch hier wirklich helfen kann (auch wenn da manchmal wahrheiten kommen die mn(n) eher nicht lesen wollen würde).
Zitat von Träne71: Wenn ich eben hier den Text schreibe das fällt mir sehr schwer dabei heule ich auch sehr stark. Aber danach ist es ein kleines Stück besser, immer wenn man geheult hat. Ich dachte eben mein ganzes Leben ich bin ein richtig starker Mann den nichts erschüttern kann. Aber so kann man sich auch in sich selber täuschen. Ich habe eben ein Stück weit den Glauben in mich selbst verloren. Ich versuche mich viel zu bewegen, aber selbst da kriege ich die Gedanken nicht immer frei.
Was bedeutet für dich "starker Mann"? Ich habe das Gefühl das hier ein fehlerhaftes Selbstbild mitspielt denn Mann sein bedeutet nicht immer stark sein zu müssen, nicht weinen zu dürfen oder ähnliches. Leider haben die Generationen über die Jahre immer weiter den Zugang zu ihren Gefühlen "verloren" so dass es viele Männer gibt die weder gelernt haben "ordentlich" mit Gefühlen umzugehen (ich gehöre dazu) und teilweise noch nicht mal die unterschiedlichen Gefühle zu differenzieren. Es ist vollkommen Ok mal nicht weiter zu wissen, es ist vollkommen ok ne ganze Packung Taschentücher vollzuheulen und auch wenn man beim Sport/Bewegung den Kopf nicht ganz frei bekommt. All das macht dich nicht zu einem schlechten Mann oder Menschen.
Zitat von Träne71: Alles was ihr hier schreibt rührt mich tiefst zuTräne . Ich war der Meinung momentan dass ich der einzige Mensch auf Erden bin der zu so etwas verdammt ist. Ich möchte mich ganz herzlich bei der Community bedanken. Dass ihr mich so gut auf fangt, hätte ich nie erwartet. Ich wünsche allen Menschen den es auch so geht alles Gute und nur das Beste auf ihrem Weg.
Genau deshalb ist der Austausch mit anderen so wichtig. Ich habe, genau wie du, hier im Forum exakt diesen Zuspruch gefunden. Ich habe auch in meiner Firma mit offenen Karten gespielt und "öffentlich" gesagt das ich depressionen habe und das mir die Trennung zu schaffen macht. Plötzlich kamen von überall Kolleginnen und Kollegen die mir gesagt haben das es ihnen ähnlich gegangen sein, das auch sie gerade herausforderungen haben usw. Wir sind soziale Wesen und ich möchte dir dringend ans Herz legen dich mit Freunden und Familie zu "umgeben" damit du einen festen Anker im Leben hast. Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.... du bist nicht der erste der da durch muss, du bist nicht der einzige der da gerade drin steckt und du wirst nicht der letzte sein der das durchmachen muss. Dieser Gedanken hat mir immer ein wenig geholfen in solche Situationen.
Zitat von Träne71: Es hat mich ins Herz getroffen. Ich kann eben nur noch heulen. Ich glaub ich brauche professionelle Hilfe. Ich komme nicht mehr mit mein Leben klar.Meine Firma hat mir heute gesagt dass ich nicht unter den Umständen arbeiten darf! Weil mir das ansieht das ich momentan krank bin, sie hätten eine Fürsorge Pflicht haben sie gesagt.
Professionelle Hilfe ist nie verkehrt. Die Aussage "Ich komme nicht mehr mit meinem Leben klar" passt nicht zu der Aussage das deine Hausärztin keine Depression sieht. also entweder hast du starke Schwankungen (zwischen ich bekomme das alles geregelt und ich kann nicht mehr) oder da ist etwas das verhindert das deine Ärztin wahrnimmt wie schlecht es dir geht. Ich muss dir allerdings sagen das eine Krankschreibung und dann viel alleine sein nicht immer hilfreich ist. Ich habe mich tatsächlich dazu entschieden nicht mehr im Homeoffice zu arbeiten und fast jeden Tag ins Büro zu fahren, einfach damit ich zu Hause nicht alleine rumhänge. DAS hilft ungemein.
Ich habe von meiner Therapeutin damals auch zu hören bekommen das dies ja eine normale Lebenssituation ist und habe mich aufgrund dieser Aussage auch erstmal schlecht gefühlt. Ich habe für mich aber erkannt das es egal ist ob etwas "normal" ist oder nicht. Wichtig ist was es mit uns macht. Ich hatte nie gelernt "gesund" mit Gefühlen umzugehen und deshalb fühlte es sich für mich existenzbedrohend an. Lass dir deine Gefühle nicht absprechen, pass aber auch auf das du nicht anfängst dich in einer Opferrolle zu "suhlen". Du darfst dich entscheiden davon nicht unterkriegen zu lassen und stärker als vorher aus dieser Situation herauszugehen!
Zitat von Träne71: Ich bin eigentlich kein besonders religiöser Mensch. Aber in meiner größten Verzweiflung habe ich Gott gefragt, warum mir das passiert und warum ich so bestraft werde. Mein Sohn hat darauf etwas gesagt, das mich sehr berührt hat: „Du wirst nicht bestraft, du wirst geprüft. Und nur die Würdigen werden geprüft.“
In unserer größten Not klammern wir uns an jeden Strohhalm der sich uns bietet und auch da bist du nicht der durch eine Lebenskrise zu Gott gefunden hat. Ich selbst bin nicht sehr gläubig aber generell ist Gott und Glaube in der "Männerarbeit" sehr häufig zu finden. Ich wünsche dir das du dadurch die Kraft bekommst die du brauchst.
Zitat von Träne71: Gleichzeitig verändert sich gerade sehr viel. Ich habe meine jetzige Wohnung gekündigt und werde bald in eine neue ziehen. Hier halte ich es emotional nicht mehr aus – zu viele Erinnerungen, sogar Gerüche, die alles wieder hochholen. Ich werde vieles weggeben oder entsorgen, auch wenn es eigentlich schade ist. Aber im Moment schaffe ich es nicht, mich damit auseinanderzusetzen.
Mega. Du kannst echt stolz auf dich sein das du trotzdem es dir nicht gut geht schon solche zielführenden Schritte unternommen hast. Ich hatte meine Frau ausgezahlt und bin im gemeinsamen Haus geblieben. Das war, insbesondere am Anfang, teilweise hart und ich hätte mir gewünscht das ding doch verkauft zu haben. Viele Menschen mit denen ich gesprochen habe, haben gesagt das die neue Wohnung auch ein Neuanfang gewesen ist und wie glücklich sie darüber sind.
Zum Abschluss möchte ich dir gerne noch ein paar allgemeine Empfehlungen mitgeben, die ich Männern mit auf den Weg weil ich das Gefühl habe das wir nach all den Jahren "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" und "Echte Männer weinen nicht" einfach so indoktriniert wurden das wir uns teilweise für unsere eigenen Gefühle schämen.
Der Austausch mit "neutralen" Männern kann dir helfen. Das kann ein Stammtisch sein oder eine Männergruppe (über das Selbsthilfenetzwerk findet man ggfs. solche Gruppen). Mir hat der Austausch mit Männern verschiedenen Alters und unterschiedlichem Background bei vielen Fragen sehr geholfen.
Nachdem was du beschrieben hast, insbesondere über deine Gefühlswelt, möchte ich dir ausserdem das Buch "Männerseelen" von Björn Süfke ans Herz legen. Süfke beschreibt wie Männer oft den Bezug zu den eigenen Gefühlen verloren haben und wie sich dies teilweise auf die Partnerschaft ausgewirkt hat. Für mich war es ein Augenöffner weshalb ich es jedem Mann gerne empfehle.
Zu guter letzt.... es wird Tage geben an denen du das Gefühl hast das die Welt über dir zusammenbricht. Wenn es ganz schlimm ist und niemand für dich da ist, ruf die Telefonseelsorge an. Ich habe das 2 oder 3 mal gemacht in den vergangenen Monaten und es hat geholfen. Die Menschen dort sind wirklich fantastisch und es ist keine Schande zuzugeben wenn man Hilfe braucht. Im Gegenteil, in meinen Augen ist es ein Zeichen von Stärke und Selbstreflektion wenn man die Verantwortung für sich selbst übernimmt um sich hilfe zu suchen.