Bekannte
Gast
Vielen Dank, dass Du uns an Deiner Geschichte, und vor allen an Deiner Gefühlswelt, teilhaben lässt. Ich denke, dass dadurch viele Selbstzweifel und "Mythen" bei Betrogenen gelindert werden können, mehr Verständnis für die Dynamik dieser komplexen Situation entsteht. Und es erklärt ja auch in Teilen des TEs Eingangsfrage nach der Definition von Liebe.
Eine Frage von mir an Dich:
Wie gehst Du damit um, jetzt eine Annäherung an Deinen Mann zu versuchen, ohne auf Augenhöhe mit ihm zu sein? Das ist etwas, was ich bei den "leisen Rückkehrern" nicht verstehe bzw. was in meinem persönlichen Universum unmöglich erscheint.
Wenn ich mich wieder an jemanden annähern möchte, also mehr Nähe herstellen, mit ihm im Gleichklang schwingen, dann ist so eine krasse Verschiebung des Machtverhältnisse, so ein Wissensungleichgewicht doch (aus meiner Sicht) total kontraproduktiv. Das steht doch dann wie ein rostiger Nagel dazwischen, oder empfindest Du das anders?
Hast Du den Eindruck, dass sich Stärke- und Schwächezuwachs aus der Affäre die Waage halten, dass Du Deinem Mann derzeit also nicht "überlegen" bist? Verdrängst Du diese Problematik, weil ein "auf Augenhöhe kommen" gleichzeitig Deinen Mann sichtbar verletzen und eure Beziehung erst Recht in Frage stellen würde? Oder siehst Du das ganz anders?
Meine 5 Cents zur Definition der Liebe: Ich denke, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, für die Liebe ein ganzheitlicher, "unbefleckte" Zustand ist, der mit dem Verlieben entsteht, zu Liebe wächst und dann bestehen bleibt, erhalten werden muss. Geborgenheit, Vertrauen, Lust, etc. sind Gefühle, die aus der Liebe entspringen und ohne die die Liebe nicht existiert. Und nach so einem Riss in der Liebe (Affäre) kann sie nie wieder heil werden.
Es ist eine Art statisches "Alles oder Nichts"-Prinzip, das dann eben jede andere Liebe ausschließt.
Und eine andere Gruppe (u.a. auch ich) sehen Liebe dynamischer. Es ist eine Ansammlung von Wohlgefühlen (Verliebtheit, Bestätigung, Angenommensein, Faszination, Geborgenheit, Vertrauen, Lust, etc.), die einen erfüllt, stabilisiert und beflügelt. Dieser Ballon an "Glibbermasse Wohlgefühl" nennt sich Liebe, kann austrocknen, anwachsen, sich inhaltlich verschieben (Verliebtheit wird mit der Zeit weniger, Vertrauen dafür mehr), wird durch Stress belastet, kann über Durststrecken gestreckt werden, konzentriert sich im besten Fall auf eine Person und splittet sich bei Affären auf mehrere Personen auf. Manche der Gefühle in dem Ballon sind "edlerer Natur", andere füttern das Ego. Alle haben ihre Berechtigung. Und in verschiedenen Lebensphasen haben die Gefühle im Ballon unterschiedliche Bedeutung (kommt ein Kind, bei Krankheit oder Jobverlust ist Vertrauen und Geborgenheit wichtiger - in Zeiten der Stärke und Stabilität werden Lust und Faszination wichtiger).
Aus meiner Sicht ist eine Ehe eine gute Ehe, wenn das Zusammensein die verschiedenen Aspekte des Ballons so "füttert", dass für alle Lebenslagen noch genug "Polster" übrig ist. Lässt man Lust oder Faszination verkommen, kann die Verbindung durch einen Dritten in Frage gestellt werden. Ebenso wenn man Geborgenheit oder Anerkennung nicht genug vermittelt. Und was "genug" ist, kann nur der Empfänger bestimmen. Braucht der Partner mehr Anerkennung als man ihm selbst zollen kann, dann passt man offensichtlich nicht zusammen. Ob nun der eine zu bedürftig ist oder der andere nicht genug gibt, ist im Ergebnis egal. Das Defizit zu empfinden führt zu Unzufriedenheit und zu (je nach Charakter oder Möglichkeit) A) warmem Wechsel, Affäre, B) Trennung oder C) erkaltete Nörgelbeziehungen/Frustration.
Früher, als sich die Paare noch "zusammen rauften", bestand nur die Möglichkeit C. Vor allem für Frauen. Scheidung war geächtet, Frauen verdienten kein eigenes Geld und Männer konnten keinen Haushalt führen. Man musste sich in dem Einrichten, was war. Alk. half häufig. Eigene Träume wurden an die Kinder weiter gereicht. Man "begnügte" sich, richtete sich ein, hatte es ja nicht nur schlecht, "opferte" sich für die Familie, etc.
Heute sind nur noch wenige auf die eine Beziehung, Ehe elementar angewiesen. Der Anspruch an das eigene Glück (und auch das Glück der Kinder) ist gewachsen. Dafür aber auch die Bereitschaft, etwas dafür zu tun, gewachsen.
Der kleinste gemeinsame Nenner reicht nicht mehr. "Er hat mich nie geschlagen und es ging uns immer gut" käme heute keiner Frau mehr ernsthaft als Argument pro Ehe über die Lippen, ebensowenig wie Männer mit "Sie hat sich immer prima um die Kinder gekümmert, hat gut gekocht und war sehr ordentlich und sparsam" eine Frau loben würden.
Ich glaube, dass langjährige Ehen nicht mehr vorkommen werden, wenn sich nicht beide jedes Jahr an Sylvester vornehmen, den anderen im Neuen Jahr nochmal neu kennen lernen zu wollen und ihn/sie bei der Erfüllung eines Wunsches zu unterstützen. Jedes Jahr. Anstrengender als früher. Aber auch schöner, finde ich.
Grüße
Bekannte
