Hallo Whynot,
Zitat:Meinst Du, jeder läuft (nicht nur in Beziehungen, sondern allgemein) dauernd mit der Wahrheit auf der Zunge herum? (Das wäre der schnellste und sicherste soziale Weltuntergang, der sich überhaupt nur denken läßt.)
Nein, das meine ich nicht aber braucht es denn eine endgültige oder absolute Wahrheit, um seinem Partner zu sagen, dass man lange schon in einer Zweitbeziehung steckt?
Zitat:Meinst Du, jede Wahrheit ist allen zuträglich?
nein, das meine ich nicht aber ich denke nicht dass hier, wie so oft geschwiegen wird weil die Wahrheit nicht zuträglich ist, sondern aus egoistischen Motiven.
Zitat:Meinst Du, jeder kennt überhaupt für sich selber die Wahrheit? Wovon soll er dann reden, wenn er selber zwischen Wahrheit und Unwahrheit nicht unterscheiden kann? Wenn seine "Wahrheiten" täglich oder stündlich wechseln?
Äh...dann dürfte man ja garkeine Aussagen mehr machen denn auch "Ich liebe Dich" kann stündlich wechseln.
Zitat: Wer kennt denn schon "die Wahrheit", jeder hat nichts als seine "Wahrheit"
Die "Wahrheit" ist doch: Ein Beziehungspartner hat noch jemand anderes am Start. Das ist eine momentane Wahrheit. Also wenn mein Mann mich betrügen würde und dann mit dem Argument "Jeder hat seine Wahrheit" daher kommen würde, dann würde ich ihn als unzurechnungsfähig bezeichnen :D
Zitat:und diese dreht sich oft mit dem Wind und wechselt wie eine Mode.
Aha. Wenn dem so ist, dann soll man doch bitte nicht Beziehung spielen. Oder man sagt vorher "Schatz, meine Wahrheiten wechseln wie die Mode..." Man hat ja die freie Entscheidung, sich auf eine monogame Beziehung einzulassen.
Zitat:Was liegt denn eigentlich überhaupt an der "Wahrheit"? Alle wollen die Wahrheit - als wäre Wahrheit immer etwas Vorteilhaftes, Nützliches, Glücks- und Heilbringendes.
Es geht doch um eine konkrete Sache, nicht um eine allgemeine Wahrheit. Man hat eine Zweitbeziehung am Laufen und sollte es dem Partner mitteilen damit dieser für sich selbst entscheidet, ob sie ihm "vorteilhaft" oder "nützlich" ist. Als würden alle Fremdgeher schweigen weil sie den Partner vor Unheil beschützen wollten! :mrgreen:
Zitat: Die Wahrheit ist: der Mensch will belogen, beunwahrheitet sein
:roll: Dialog:
Sie "Warum hast Du mir verschwiegen, dass Du seit...eine andere Frau hast?"
Er "Der Mensch, also Du will beunwahrheitet sein." :mrgreen:
Du fragst, wo es mir bei Dir an Mitgefühl fehlt. Genau an dieser Stelle. Wer so mit dem Partner spricht, der befindet sich auf einer argumentativen Ebene und fühlt nicht mit dem Partner mit.
Zitat:Jedenfalls: man müßte die Wahrheit schon kennen, um von ihr reden zu können
:roll: Die Fakten sind beim Fremdgehen doch klar. Um dies klar mitzuteilen braucht es erstmal keine tieferen Wahrheiten. Wenn mein Mann eine Zweitbeziehung hat, dann möchte ich das wissen und mich interessiert es dann zunächst herzlich wenig, ob diese Zweitbeziehung bei ihm in der Tiefe eine Wahrheit darstellt :D
Zitat:und jedes Reden ist an sich schon nicht mehr Wahrheit, weil es nur eine verfälschte Übersetzung irgendeiner Realität sein kann.
Wenn man solch absolute Wahrheiten sucht, oder nur ihnen Gültigkeit zumisst, bräuchte man den Mund ja garnicht mehr aufmachen. Auch Liebesbekundungen sind dann immer eine verfälschte Übersetzung einer individuellen Realität. Und was das Fremdgehen angeht, so ist es mir Wurscht, ob dies für meinen Partner irgend eine andere, abstruse Realität ist, als meine.
Zitat:Man kann natürlich die Dinge so ganz banal (also moralisch-empfindlich) sehen, wie Du sie siehst - nur sind sie das leider nicht, sondern sie sind sehr komplex und können nicht einfach auf gut (nützlich) und böse (schädlich) reduziert werden (in diesem Sinne entsprechen also auch Deine Aussagen bzw. Ansichten nicht der Wahrheit, vielleicht ist, in diesem Fall, die Wahrheit eine hormonelle Ausnahmesituation - was dann?, wie dann verurteilen?
Du redest um den heißen Brei herum. Ich unterscheide nicht so primitiv in gut oder böse wie Du annimmst. Aber auch wenn eine über monate anhaltende Zweitbeziehung eine hormonelle Anwandlung sein sollte, so möchte ich doch davon wissen weil die Beziehung, die ich annehme zu führen, sonst nur noch Fake ist.
Ja, menschliche Beziehungen sind komplex aber seinem Partner mitzuteilen, was Sache ist, ist simpel. Danach kann sich jeder für sich oder beide miteinander über die Komplexität unterhalten. Es geht mir nicht um das Verurteilen des Fremdgehens, ich finde es ungerecht, es zu verheimlichen und dem Partner seine Wahrnehmung noch abzusprechen.
Zitat:... es bleibt nichts, als sich eine Wahrheit zusammenzuzimmern, die das Verurteilen ermöglicht
Ich zimmere mir keine Wahrheit zurecht. Es geht doch um etwas ganz einfaches: ein Mensch hat noch jemanden am Start. Das ist ein Faktum, die tieferen Wahrheiten dürfen gerne daneben bestehen :wink:
Zitat:um das es in Wahrheit ja geht, um das Verurteilen aus einer (scheinbar) moralischen Entrüstung heraus, wobei man selber natürlich unweigerlich immer auf dem festen Boden des Guten und Richtigen und Anständigen steht ...)
Liebe wird hier sehr oft sehr eng verstanden. Was ist mit der Selbstliebe? Was ist mit der Liebe zu Freunden? Ich glaube, wenn man wirklich in einem tiefen Kontakt zu seinen Freunden steht, dann ist es fast nicht möglich, sich mit dem Partner einer Freundin zu vergnügen. Das hat weniger mit Moral, sondern mit tiefen Gefühlen zu tun. Die Schranke, mich nicht in den Partner einer Freundin zu vergucken ist ähnlich der Schranke, mich nicht in meinen Vater zu vergucken. Da spielen viele Dinge zusammen...auch die Liebe zur Mutter. Mir scheint, für Dich hat die Liebe zum anderen Geschlecht einen höheren Wahrheitsanspruch als die Liebe zum gleichen Geschlecht? Und ich denke, dass eine große Zufriedenheit mit sich selbst, ein in sich ruhen, dazu führt, dass man nicht erst große moralische Gefühle in sich bemühen muss, um nicht fremdzugehen...sondern, dass man dann einfach nicht so bedürftig ist. Und es geht doch immer um das Wie. Natürlich halte ich es für möglich, dass man sich in einen vergebenen Menschen verliebt- vielleicht nur für einen Augenblick, ihn begehrt aber wenn man über Monate hinweg auf diese Weise eine Beziehung führt...die Partnerin daneben...Dann hat das m.E. sehr wenig mit Liebe zu tun denn Liebe ist für mich umfassender. Wenn man sich selbst liebt, die Freunde liebt, dann hat ein kurzes Begehren nicht solch Gewicht. Oder sagen wir so: da sind zwei Gewichte, zwei starke Gefühle: auf der einen Seite das Begehren, auf der anderen die Bindung zu einer Freundin. Wieso nimmst Du an, dass die "Treue" gegenüber einer Freundin lediglich ein moralisches Gefühl ist? :roll: Für mich ist es eine Art Liebesgefühl, das dem Begehren gegenüber steht und bisher stärker war, als mein Begehren gegenüber einem Mann. Man genießt es aber fixiert sich nicht drauf. Das ist für mich ein psychologischer Meschnismus, keine moralische Beherrschung. Es wäre mir emotional absolut unmöglich, eine Freundschaft fortzuführen wenn ich mit dem Partner einer Freundin unter einer Decke stecken würde. Mit Moral hat das herzlich wenig zu tun, es ist ein Gefühl. Mag auch daran liegen, dass ich eine Frau bin.
Zitat:Du beklagst meine mangelnde Empathie. Mit wem soll ich das Mitgefühl haben? Mit Miccala? Oder mit der Freundin? Oder mit dem Mann?
Ich bezog mich auf Deine Argumentation: Was ist schon Wahrheit?...Wenn mir mein Mann, nachdem er fremdgegangen ist, mit solchen Argumenten daher käme, dann würde es mir an Empathie fehlen und das gewaltig. Selbst wenn die Beziehung bereits lange Zeit tot sein mag, so würde man doch den Schmerz mitfühlen können, den man beim anderen anrichtet...ihn in den Arm nehmen...statt mit solchen Erklärungen daher kommen. Auch das ist Liebe. Tief mit einem Menschen fühlen, den man lange nicht mehr begehrt, der sich vielleicht an Illusionen geklammert hat...
Zitat:Und noch etwas, weil Du schreibst, es sei "extrem schmerzhaft für den, der betrogen wird". Abgesehen davon, daß ich das Wort "Betrug" in diesem Zusammenhang nicht mehr hören kann (wer wird denn um was betrogen, außer vielleicht um seine eigenen Illusionen und Naivitäten?) -
Wenn es Deiner Ansicht nach eine Illusion ist, an das längerfristige Bestehen einer Liebe zu glauben, dann sollte man sich doch garnicht erst auf eine derartige Beziehung einlassen bzw. sie weiter führen. Oder man lebt polygam und macht das auch dem Partner klar. Es ist doch total widersprüchlich, selbst an einer solchen monogamen Beziehung festzuhalten, aber dem Partner andererseits vorzuhalten, er habe an einer Illusion festgehalten oder sei naiv. Da passt doch Verhalten und Gedanke/"Wahrheit" nicht zusammen. Und schließlich fördert man doch die Illusionen/Naivitäten des Partners wenn man ihm weiterhin eine heile Welt vorgaukelt.
Zitat: die Schmerzhaftigkeit, auch die extreme, liegt immer an der eigenen Schmerzempfindlichkeit.
Das ist schon klar.
Zitat:Auch eine Wahrheit übrigens, die man wohl kaum bestreiten kann. Und wer das Leben, seine Realität, nicht aushält, sollte sich eben besser davon fernhalten. Nicht umsonst gibt es Rückzugsmöglichkeiten für solche, die das auch erkannt oder zumindest erfühlt haben.
Würdest Du derartiges zu Deiner Partnerin sagen, nachdem Du sie betrogen hast und sie leidet? :roll:
Erst muss man doch die sogenannte Realität kennen um sich von ihr fernzuhalten aber das will meistens auch der "Betrüger" nicht. Er will doch, dass der Partner bleibt...Das ist doch alles völlig unausgegoren. Man spielt selbst eine Realität vor, die so nicht mehr existiert und sagt dann dem verletzen Partner "Es ist DEINE Schmerzempfindlichkeit. Und wenn Du mit der Realität (die ich Dir nach besten Kräften vorenthalten habe) nicht zurecht kommst, dann zieh Dich doch bitte aus dem Leben zurück." :roll: Der "Fremdgeher" und die Affäre werden bei Dir ja geradezu als der große Philosoph dargestellt, der verstanden hat, dass es keine Wahrheit gibt, der frei ist von allen moralischen Schranken. Aber auch sie unterliegen doch den gleichen psychologischen Gesetzen wie alle anderen verliebten. Denn genau so, wie die Ehefrau tief verletzt ist, wenn sie die traurige Wahrheit erfährt, so ist auch die Affäre verletzt, wenn sie nun doch nicht die Auserwählte ist...es stattdessen neben ihr etwa noch eine andere, weitere Geliebte gibt. Mit einem Mal wird auch bei ihr das moralische Rüstzeug aktiviert :wink:
Und sieht denn derjenige, der betrügt und auf heile Beziehungswelt macht, der Realität ins Auge? Sieht denn die Affäre der Realität ins Auge? Dass nämlich die "Wahrheit" auch vor dieser geheimen Liebe keinen Halt macht?
LG