Ich kann nicht aufhören, über "Frauen" nachzudenken. Also genau den Teil meines Lebens, von dem ich am wenigsten Ahnung habe. Ich habe sie beobachtet, mit ihnen gesprochen, sie angelächelt, im Stillen wegen ihnen geweint (vor ihnen Tränen immer runter geschluckt). Ich wollte Freundinnen haben, weil alle eine hatten. Ich wollte mit ihnen schlafen, weil alle anderen das ab einem bestimmten Alter auch so machen. Doch diese Logik und meine Gefühle wollten im Grunde dasselbe, waren aber praktisch immer meilenweit voneinander entfernt. Nur wo beide mal im Einklang waren, da habe ich meine stärksten Tiefschläge hinnehmen müssen. Das ist das diffuse Bild, das in meinem Kopf umherspaziert. Genauer hinschauen birgt ja die Gefahr, dass ich doch nicht mehr so sehr im Selbstmitleid baden kann oder andere Erlebnisse weit schlimmer waren als ich sie bis jetzt überhaupt verstanden habe. Nur eine bittere Erkenntnis steht fest: Bis auf eine Ausnahme fehlte immer das Bedürfnis sie an meiner Seite haben zu wollen, weil ich es spüre - und nicht weil die Logik oder irgendwelche Beziehungsregeln das so wollen. Verrückt!
Eigentlich wollte ich doch gerade wieder in Romantik versinken, über Dampfloks schreiben und über mein Alter sinnieren. Aber da das hier das Trennungsschmerzen-Forum ist, muss ich ja irgendeine tränendrüsenreiche Story über mein Liebesleben - welches denn? - schreiben. Auf der anderen Seite ist es auch wieder bemerkenswert mit welchen Methoden ich mich vor schmerzhaften Themen drücke und statt dessen lieber der Fantasie freien Raum gebe. Aber was soll ich sagen: Es ist doch nun mal so schön in der kindlichen Vergangenheit zu schwelgen, noch einmal die Welt zu entdecken, die ich schon vergessen hatte.
Ein Moment ereignet sich an einem Bahnübergang. Die langen, weiß-roten Schranken mit einem Gitter unten dran sind geschlossen. Ohne Bäume, die Schatten spenden, kochen die wartenenden Radfahrer und Autos vor sich hin. Bis weit ins Dorf haben sie sich gestaut. Damals waren die Schranken schon mal ne Viertelstunde runter, obwohl kein Zug kam. Sie fuhren nicht so schnell. Das registrierte ich halbe Portion auf meinem kleinen Fahrrad als ich mit großen Augen und offen stehendem Mund auf das mächtige, schwarze Stahlross mit riesigen, roten Rädern sah. Es schnaubte tiefschwarzen Dampf aus. Schwerfällig rollte die Dampfliok an und zog die grünen Personenwagen hinter sich her. Heute würde man das ganz normal als einen Regionalzug bezeichnen. Doch ich fragte mich nur, warum ne D-Zug-Lok für unsere kleine Bimmelbahn fuhr. Verwirrt sah ich hinterher bis die Dampfwolke am Horiziont in einer Kurve verschwand.
Ein halbes Jahr später erreichte ich den Bahnhof eines Vororts der Hauptstadt. An diesem Knotenpunkt begegneten sich Fernzüge, Regionalzüge, S-Bahnen und Busse sowie die Reisenden aus und in alle Himmelsrichtungen. Im Strom mit ihnen lief ich eine steile, abgelatschte Treppe hinauf. Die Brücke führte über die Gleise. Bevor mein Zug kam, hatte ich noch etwas Zeit also beschloss ich mal runterzuschauen - auf die Züge und die Loks. War gar nicht so einfach. Das Geländer bestand hier aus einer massiven Bretterwand und ich musste mich mit meinen Pudding-Armen hochziehen. Mühsam bekam ich meinen Kopf über den Rand vom Geländer und blickte mich um. Hinter mir kam ein Zug mit einer Dampflok. Ich freute mich endlich konnte ich mal so ein Lok von oben sehen. So fuhr der Zug unter der Brücke durch und ich blickte runter. Was soll schon passiert sein? Eine tiefschwarze Russschicht legte ich auf mein Gesicht, die Augen tränten. Und mir fiel der schwarze Dampf ein, der ja irgendwo hin muss - nämlich nach oben, in dem Fall zu mir in mein Gesicht. Nein, eine Genieleistung war das wirklich nicht. Aber heute muss ich drüber schmunzeln, dass ich ein pures Klischee - normalerweise nur für Komödien bestimmt - aus Uniwssenheit einmal leibhaftig miterlebte.
Tja, bald endete diese Zeit. Hubschrauber kamen geflogen und setzten der Reihe nach Strommasten an der Bahntrasse entlang. Die Elektrifizierung hielt Einzug. Von da an gab es neue Abenteuer. Bei jedem Zug hoffte ich auf andere, neue Loks. Manchmal machte ich heimlich auch ein Ratespiel, um welche Loks es sich handeln könnte, als ich in der Entfernung nur ihre Umrisse sah. Vielfach zogen Dieselloks - lange weiß-rote oder weinrote, kurze weinrote - die Regionalzüge. Oft hängte ich meinen Kopf raus aus dem Fenster und hatte jedesmal einen feinen Dieselgeruch in der Nase und den kühlen Fahrtwind.
In den Wagen herrschte eine komische Stimmung, ein eigenartiges Schweigen. Selbst wenn die voll waren, kamen nur wenige Gespräche oder auch nur Worte an mein Ohr. Abends gab es oft viele leere Sitze. Ich hörte das Rauschen der Räder, das Klappern der Achsen und Verbindungsplatten zwischen den Wagen oder das Öffnen und Schließen der Schiebetüren. Doch das hielt mich trotzdem nicht davon ab, die Scheibefenster runterzuziehen und meinen Kopf rauszuhängen und abends auch mal in die Nacht zu blicken. Manchmal mache ich das noch heute, wenn ich einen Zug mit älteren Wagen und Schiebefenstern erwische. Aber ich achte schon noch drauf, dass mich keiner bei diesem jugendlichen Unsinn erwischt.

Mir fällt gerade ein, dass ich auf all diesen Zugfahrten fast nie ein schönes Mädchen sah Wahrscheinlich deswegen sind mir diese Reisen deshalb in guter Erinnerung geblieben....