Zitat von Joshu:
Ja, ich weiß auch nicht. Es kommt mir jetzt selbst ziemlich beknackt vor.
Ich fühl mich so hilflos, getrieben von 100 Dingen im Alltag, und es führt doch kein Weg mehr zurück zu meiner Frau.
Was soll ich denn tun? Warten, bis ich ein wunderlicher alter Mann geworden bin?
Hallo Joshu,
der Weg sollte dich auch nicht zu deiner Frau zurückführen. Der Weg sollte zu dir selbst führen.
Ich lese auch bei deinem Strang mit und ich denke, dass die meisten, die in langjährigen Beziehungen leben, große Teile davon nachfühlen können. Ich fühle mit euch beiden mit. Mit deiner Frau und auch mit dir. Das planvolle Vorgehen deiner Frau zeigt, dass es keine Kurzschlussreaktion war, sondern dass sie wahrscheinlich mehrere Jahre mit sich und der Situation gehadert hat. Wahrscheinlich hat sie tausende Male diesen Gedanken der Trennung gedacht, so dass der Gedanke irgendwann seinen großen Schrecken verloren hat und sie ihn, ohne zu hadern schlussendlich umsetzen konnte. Dich bewundere ich dafür, dass du das Ende so aktiv mitgestaltet und zu deinen Gefühlen der Wehmut und Trauer gestanden hast. Ich finde es wunderschön, dass du das Fotoalbum gestaltet und ihr deinen Ring geschenkt hast. Ich glaube, wenn man im Vorhinein wüsste, dass der Partner die Trennung so würdevoll mittragen würde, dann würden sich viel mehr Paare trennen. Die Angst vor einem Rosenkrieg sitzt tief und Negativbeispiele gibt es im Umfeld leider meist zu Genüge.
Natürlich bleibt trotz allem der Schmerz und die Frage nach dem Warum. Diese Frage ist verständlich, aber eigentlich führt sie ins Leere. Du kennst dich und deine Perspektive und siehst so viel, wie man eben mit dem Blick durchs Schlüsselloch sehen kann. Nicht viel. Die Perspektive deiner Frau, ihre Gefühle, ihre Wahrnehmung ist eine völlig andere. Dann kommt erschwerend noch dazu, dass man sich in vielen Dingen nicht einmal selbst versteht. Hier kam das auch schon zur Sprache: wir Menschen, unsere Psyche, unser Wesen, das alles ist so vielschichtig und mehrdimensional. Nicht selten geschieht es, dass man seine Hadlungen und Entscheidungen erst rückblickend versteht. Wenn ich mich selbst oftmals kaum verstehe, wie soll das mein Partner können?
Du fragst, was du nun tun sollst? Ich würde an deiner Stelle genau hier ansetzen. Nämlich bei dir selbst. Du bist sehr reflektiert und du kannst auf ansprechende Art und Weise deinen Gefühle Ausdruck verleihen. Ich nehme dich als reifen Mann wahr, nur eines mag nicht so recht passen und das ist deine fast schon panische Angst vor dem Alleinsein. Wenn du also fragst, was du nun tun sollst, dann würde ich dir genau das raten: Ich würde mich nicht zuballern mit Freizeitaktivitäten, die mich verlässlich ablenken sollen und ich würde auch erstmal keine neue Partnerschaft anstreben, die ja eigentlich auch nur den Sinn erfüllen soll, der Angst auszuweichen. Stelle dich dir selbst, stelle dich dem Gefühl der inneren Leere, fühle dem nach und beobachte mal, was da so hochkommt, wenn du mit dir alleine bist und keine Ablenkung hast. Was erzählt dir deine Seele? Welche Fragen tauchen auf? Welche verschütteten Träume, welche Bedürfnisse, welche Erinnerungen? Verfalle nicht in wilden Aktionismus, sondern nimm dir die Zeit, um all dem nachzuspüren. Diesen Weg würde ich dir empfehlen. Den Weg zu dir.
Grüße