Liebe eventuell noch vorhandene Mitleser,
ich hatte mir vorgenommen, einmal noch zu schreiben an diesem besonderen Datum. Denn heute ist es genau ein Jahr her, dass meine Frau bei mir ausgezogen ist.
Heute vor einem Jahr haben wir als Familie den letzten Tag zusammen in unserer Wohnung verbracht, wenigstens zum Teil, meine Frau war ja oft zu ihrer neuen Wohnung unterwegs, um ihre Sachen dorthin zu schaffen. Aber jedenfalls haben wir noch ein Mal zusammen einen fast unwirklich normalen Abend verbracht, alle drei zusammen gegessen, bis irgendwann sie im Wohnzimmer schlafen gegangen ist, ich bei ihr gesessen habe, ihr Abschiedsfotobuch geschenkt habe, am nächsten Tag war sie dann weg.... Aber das kennt ihr ja alles - oder könnt es hier nachlesen.
Da ich dieses Wochenende zufällig außer Training gestern Vormittag allein verbracht habe, ist die Erinnerung daran gerade sehr gegenwärtig, ich glaube wirklich, ich kann mich an dieses Wochenende fast an jede Minute erinnern, das Wochenende, an dem sich alles für mich von Grund auf änderte....
Wir haben uns ja so friedlich, wie das nur möglich ist, getrennt, aber dennoch war es ja eine Trennung, ein Scheitern, jedenfalls in meinem Verständnis von Familie, auch wenn mir das viele ausreden wollten, aber in meinem Wahrnehmungshorizont ist Familie auch eine Aufgabe, etwas, dass unter dem Duktus des immerwährenden Füreinander-sich-bemühens, des Füreinander-Einstehens sich befindet, wenn man so will, ist das so etwas wie ein relativer Ewigkeitsanspruch, die Familie als Grund, der Boden unter den Füßen in den Unwägbarkeiten des Lebens, den Boden, den man dann verliert, wenn sich plötzlich abzeichnet, dass das zu Ende geht, was nie zu Ende gehen sollte....
Nun kann man leicht einwenden, dass ich einen viel zu hohen Anspruch an die Idee von Familie hatte. Mag sein, das ist so. Ich habe dermaßen viel Literatur gelesen von Familientherapeuten und psychologischen Fachleuten, dass ich weiß, das es wahrscheinlich kein gesunder Anspruch ist.
Insofern war das wohl die Erkenntnis einer Sackgasse, ich habe mich umgedreht und neuangefangen, neuanfangen müssen.
Und natürlich habe ich trotz der großen Erinnerung gerade einen distanzierteren Blick auf diese Zeit.
Es ist ja ne Menge passiert, ich bin auch wieder neu mit jemandem zusammen und mache die Erfahrung, wie es ist, wenn jemand einfach nur freundlich und zugewandt ist und wirklich an mir als Menschen interessiert, sich wirklich herzlich freut, wenn sie mich sieht - all das habe ich jahrelang nicht mehr von meiner Frau gehört.
Dennoch - das sage ich heute und werde es auch in einem oder in fünf Jahren noch sagen - falls ich es dann noch schreibe, wird der Riss in meiner Seele bleiben und das bittere Gefühl, dass entweder das Gefühl, etwas zu haben, was einen durch das ganze Leben tragen kann, einfach falsch war oder dass es wirklich da war (denn meine Frau hatte das auch, ganz gewiß war viele Jahre eine Trennung völlig außerhalb ihres Möglichkeitshorizonts), aber von uns mehr oder weniger leichtfertig verspielt worden ist.
Ich tendiere zu der letzteren Ansicht. Es hat immer mehrer Notausstiegstüren gegeben, die wir nicht gefunden haben, bis dann später das Zerbrechen der Ehe, der "crack" im Sinne Fitzgeralds nicht mehr zu kitten war.
Im ersten halben Jahr war es oft nur der mechanische Zug, aufstehen zu müssen, der Tritt in den eigenen A., ohne Freude, ohne Zuversicht, einfach nur Tage überwinden, so gut es geht, immer wieder. Und letztlich war es manchmal nur mein Sohn, der mein Anker war in dieser Zeit. Wenn er auch schon gerade erwachsen war, so wollte ich ihm doch ein Vater sein, an dem man sieht, dass man am Leben nicht verzweifeln muss, oder wenn doch kurzzeitig, dann zu zeigen, wie man aus einer solchen Krise wieder herauskommt, durch den Morast sich wieder ans Licht kämpft, wenn auch mit Schmutz besudelt.
Das Leben geht weiter. Ja. Eine der schlimmsten möglichen Erfahrungen, die ich mir vorstellen konnte, ist mir nicht erspart geblieben. Diese Bitterkeit wird für immer bleiben bei der Rückschau auf mein Leben. Ansonsten schauen ,was noch möglich ist, was ich noch zu tun habe in diesem Leben, was ich noch schaffen und genießen kann.
Und das ist eine Bestandaufnahme, die weder pessimistisch noch optimistisch ist.
Sie ist nur eins: Sehr ernst.