Ein Mensch ohne einschlägige Erfahrung kann sich durchaus mit einem Menschen mit ausgeprägter und unbehandelter psychischer Störung verwickeln ohne selbst vorher einen großen Sprung in der Schüssel zu haben. Unerfahrenen Therapeuten geht es ja auch so.
Zum Thema Eigenanteile, mal ein Vergleich. Angenommen es passiert ein Verbrechen, z.B. ein Überfall, ein Einbruch, eine Vergewaltigung.
In solchen Situationen wird es immer möglich sein, Fehler beim Opfer zu finden. Der Überfallene oder das Vergewaltigungsopfer hätten nicht in dieser Gegend allein herumlaufen sollen, oder die Einbruchsopfer hätten ihr Haus mit Alarmanlage sichern sollen etc. Niemand macht
alles richtig.
Nun mag das faktisch korrekt sein, aber ist es wirklich der Situation angemessen ausgerechnet auf
kleine Versäumnisse des Opfers zu fokussieren?
Klar, man kann nur sich selbst ändern. Aber viele Menschen haben erstmal das Bedürfnis zu verstehen was eigentlich abging, bevor sie loslassen können - auch um zu vermeiden, dass sie den Fehler wiederholen. Zum Verarbeiten gehört auch fair anzuerkennen, wie viel destruktives Verhalten von welcher Seite kam.
Wenn es jemand gar nicht schafft sich zu lösen, auch nachdem er/sie erkannt hat dass eine Beziehung keine Zukunft hat, oder wenn jemand immer wieder eine Beziehung mit Menschen mit ausgeprägter, unbehandelter Persönlichkeitsstörung oder Sucht anfängt, ist die Frage nach Eigenanteilen sinnvoller.
Gleich "Co-Narzissmus" zu rufen wenn jemand gerade einmal in eine destruktive Beziehung geraten ist find ich übertrieben.
Übrigens, bei Borderline gibt es eine große Bandbreite, von hochreflektiert zu völlig unreflektiert. Es sind nur die weitgehend unreflektierten die bei Beziehungen eine Schneise der Zerstörung hinter sich herziehen. Sich 100% fern halten ist nicht die einzige Lösung, alternativ kann man auch lernen, die hoffnungslosen unreflektierten Exemplare von den nicht hoffnungslosen reflektierten zu unterscheiden. Das muss jeder selbst wissen.
