whynot60
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Wenn man von Ängsten heimgesucht wird, gibt es immer drei Möglichkeiten: verdrängen, verzweifeln oder sich damit konfrontieren.
Wenn ich es richtig verstanden habe, scheint es bei Dir um eine Art von Todesangst zu gehen.
Betrachtet man das einmal ganz nüchtern, so zählt gerade die Todesangst zu den irrationalsten Ängsten überhaupt. Es gibt eine 50 : 50 -Möglichkeit. Entweder alles vorbei oder man existiert in irgendeiner Form weiter. Im ersten Fall ist es ganz müßig, sich mit dem Tod auch nur nebenher zu beschäftigen. Denn so lange man lebt, ist man nicht tot, und ist man tot, weiß man weder, daß man tot ist, noch, daß man je gelebt hat. In dem Fall ist der Tod vollkommen irrelevant, weil er im Leben ja gar nicht vorkommt. Neigt man eher der zweiten Möglichkeit zu, ist es schon etwas komplizierter. Denn dann stellt sich die Frage: was geschieht und warum geschieht es (d. h., hat das, was geschieht, etwas mit dem (dann vergangenen) Leben zu tun)? Ich würde bei dieser Frage sagen: Das, was geschieht, unterscheidet sich kaum von dem, was sonst im Leben geschehen ist. Es ist lediglich eine andere Art des Seins, in dem das Bewußtsein nicht mehr an einen Körper (und damit an Ort und Zeit und Kausalität) gebunden ist, die Welt nicht existiert durch äußere Wahrnehmung, sondern aus diesem Bewußtsein selber heraus (wie im Traum oder wenn Du etwas phantasierst). Daher, glaubt man an eine solche Fortexistenz, wäre es lediglich ratsam, darauf zu achten, was dieses Bewußtsein eigentlich ausmacht. Irgendein rasch aufbrausendes, griesgrämiges Zornpinkerl wird auch dann nicht plötzlich von sich erlöst sein, vielleicht, weil es zunächst durch ein Fegefeuer fährt. Sondern es wird mit denselben Problemen behaftet sein und zu kämpfen haben, wie es auch zu irdischen Lebzeiten war. Auf irgendeine wundersame Erlösung würde zumindest ich nicht vertrauen. Sondern ich würde eher danach trachten, mein Bewußtsein so zu entwickeln, daß ich damit überall leben kann, ohne (letztlich von mir selber) geplagt zu werden.
Was jedenfalls die Todesangst wesentlich ausmacht, ist die Angst vor dem völlig Unbekannten. Es gleicht einem Tor zu einer unbekannten Welt, so wie es jeder auch mit der Geburt durchschreitet. Das heißt, im Grunde ginge es eigentlich darum, die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden.
Ich gebe zu, daß ich mich hier etwas leicht rede, weil mich alles Unbekannte schon immer weit mehr angezogen hat als daß ich mich davor gefürchtet hätte. Als mir meine Mutter, als ich noch ein kleines Kind war, einmal erzählt hat, in einem bestimmten Wald wohne eine böse Hexe (ein steiler Wald mit vielen Felsen, und diese Geschichte sollte mich davon abhalten, in dieser gefährlichen Gegend herumzustreifen), hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als mich auf die Suche nach dieser bösen Hexe zu begeben, die mir bei weitem interessanter erschienen ist als der gewöhnliche Mensch. Das war also ein klassischer nach hinten losgegangener Schuß .
Was ich damit sagen will: Man kann sich ja auch konfrontieren mit dem Unbekannten, sich dafür interessieren, dann fallen die Ängste ganz von selber ab. Denn in aller Regel produzieren wir die Ängste ja selber durch unsere Vorstellungen. Reale (existenzielle) Angstsituationen erleben wir nur äußerst selten.
Was den Tod betrifft, um noch einmal darauf zurückzukommen: Unabhängig, in welche Richtung man hier glaubt - mit dem Tod seinen Frieden zu machen heißt, auch mit dem Leben seinen Frieden zu machen. Dann kommt man auch zu jener Ruhe und Gelassenheit, die nötig ist, um nicht von einem schlechten Gefühl ins andere geworfen zu werden.