@stjärna
Zitat:es geht um gesundheitliche Einschränkungen, um schwindende Kräfte, um die Attraktivität und um die beruflichen (Nicht-)Qualifikationen. Der Zug ist abgefahren. Ich habe soviel verpasst in meinem Leben. Das kann ich nie und nimmer nachholen. Und selbst wenn ich jetzt durchstarten wollte: Ich kann nicht. Ich bin gebunden. Es wird mich noch Jahre und Kraft kosten, bis ich könnte. Und dann bin ich vielleicht zu gar nichts mehr in der Lage. Ich frage jetzt mal mein neues Orakel. Weil ich ganz kirre bin jetzt. Übrigens habe ich in meinem Leben nur zwei Männer geküsst: den, den ich geheiratet habe, und den, den ich geliebt habe. Ich glaube, ich könnte erst jemanden küssen, in den ich verliebt bin. Ein Kuss von einem mir nicht vertrauten Mann würde mir vermutlich nicht schmecken.
Zitat:DAS verstehe ich. DAS sehe ich als Lebensaufgabe aller Menschen an.
ABER es ist doch zugegebener Maßen eine verdammt schwere Aufgabe, wenn da ein Menschlein zeitlebens hungrig gewesen ist, im letzten Lebensdrittel einmal das Glück erleben darf, zu höchsten Genüssen zu kommen und richtig satt zu werden, anschließend wieder dem Hunger ausgesetzt ist und nun bitte schön wieder Frieden mit der Entbehrung machen soll. Natürlich gibt es keinen Anspruch auf Sättigung und Glück. Ist es aber nicht zutiefst menschlich, sich danach zu sehnen?
also zunächst einmal denke ich, dass es vielen Menschen so geht, dass sie sich für einen Weg entschieden haben und somit zugleich auf anderes verzichtet haben.
Ich begegne z.B. immer mal wieder einer Frau in meinem Alter, die mich nicht befragt, sondern mich als Bild für ihre ungelebten Seiten nimmt. Dabei geht es mir umgekehrt ja auch so: sie lebt Dinge, auf die ich, auch nicht immer ohne Schmerz, verzichte. Sie beneidet mich um meine Freiheiten, ich ersehne manchmal ihre familiäre Eingebundenheit.
Damit gilt es wohl, seinen Frieden zu machen, sonst bleibt man in einer Spirale des Bedauerns und nichts ändert sich.
Jeder von uns kennt Menschen, die verbissen an etwas festhalten, was nicht festzuhalten ist. So z.B. die ehemalige Schönheit, die noch mit Siebzig mittels Schönheits-OP`s und Co versucht, ihr altes Leben fortzuführen.
Oder die Mutter, die ihr Leben lang nur für die Kinder lebte und diese Rolle auch lange nachdem die Kinder aus dem Haus sind, nicht loslassen will.
Ja, das ist natürlich und verständlich, aber nicht weise.
Man muss sich doch immer wieder im Leben umorientieren und den Lebensphasen und Umständen anpassen. Das kann z.B. auch durch eine schwere Krankheit geschehen, die einem einen Strich durch die bisherige Lebensrechnung macht.
Dass das schwer und schmerzhaft ist, leugnet wohl niemand. Aber es ist auch immer zugleich die Chance, zu wachsen und ganz neue, auch innere, Erfahrungen zu machen, die man wahrscheinlich nicht machen würde, wäre man durch die Umstände nicht dazu gezwungen.
Keinen dieser Menschen wird es weiter bringen, wenn sie kindlich drauf beharren, etwas, das nun einmal nicht mehr ist, doch haben, sein zu wollen.
Das mag pathetisch klingen, aber manches Mal im Leben werden wir so richtig in die Knie gezwungen, sträuben uns wie verrückt und wenn es dann gelingt, die Situation doch anzunehmen, kann man von diesem Standpunkt aus, mit einem mal doch neues in sich, für sich entdecken.
Und es kann auch helfen, sich einmal bewusst zu machen, warum man diesen Lebensweg oder ein bestimmtes Lebensmodell wählte, welche Vorteile es einem brachte. Ohne den Verzicht auf der anderen Seite zu beschönigen.
Es gibt so viele Menschen, die im mittleren Alter ihr bisheriges Leben in Frage stellen.
So lebten sie vielleicht immer für die Familie, die aber nun zerbrochen ist; oder sie gaben alles für einen Beruf, in dem sie nun plötzlich gar keinen Sinn mehr sehen.
Ja das tut erstmal weh und macht orientierungslos.
Manchmal zwingt es einen aber auch, ganz neue Seiten des Lebens kennenzulernen.
Mir ist gestern aufgefallen, dass ich oft auf 32. geschätzt werde. Ich bin aber 4O. Nach einigem drüber brüten, kam mir in den Sinn, dass meine ehemalige Liebesbeziehung genau acht Jahre lang gut funktionierte. In diesen acht Jahren wählte ich unbewusst den Traum und drückte mich vor der Realität. Ich hätte in dieser Zeit auch z.B. eine Familie gründen oder an meinen beruflichen Qualifikationen arbeiten können. Ich entschied mich aber damals für den Traum und trage heute dafür die schönen Früchte, aber verzichte auch auf diejenigen Früchte, die erst gar nicht gewachsen sind. Ja und so dachte ich, dass ich in gewisser Weise acht Jahre lang schlief, nicht richtig am Leben teilnahm und man es mir sogar ansieht.
Bei Dir kommt aber vermutlich noch hinzu, dass Du Dich JETZT nach Leben sehnst und in Deinem Alter wäre es mMn reichlich verfrüht, zu resignieren, die Umstände einfach nur hinzunehmen oder gar ganz seine Wünsche fahren zu lassen. Wünsche, Sehnsucht, kann ja ein wunderbarer Antrieb und Wegweiser sein.
Ich denke, dass es wichtig wäre, im Rahmen Deiner Möglichkeiten die Komfortzone zu verlassen und wirklich mehr zu leben. Offenbar symbolisiert dieser eine Mann das Leben für Dich, Deine Sehnsucht. Und ja, das ist verständlich. Aber wenn er nicht will, muss man das Leben woanders suchen. Nur durch einen Menschen richtig leben zu wollen, ist sowieso waghalsig und macht abhängig. Sinnvoller wäre es, nach Alternativen für mehr Lebensigkeit zu suchen, statt verbissen an dem, was man wieder haben möchte, festzuhalten.
Weil Du von Hunger schriebst, hier ein kleiner Textauszug, der für einige vielleicht etwas befremdlich klingen mag:
C hat seelische Krankheit als ein Mangelsyndrom beschrieben. Für ihn waren Symptome Ausdruck dieses Mangelzustandes im Sinne von Hunger und Durst. Dieser Mangel bedeutet das Fehlen des dreifachen Bondings. . .Mit dem dreifachen Bonding sind wir seelisch und spirituell wieder satt geworden, haben eine neue Ausrichtung bekommen, um wieder Zugang zu uns selber, zu anderen und zum Leben zu finden.
Ich denke, dass z.B. das Bedürfnis nach s Leidenschaft das natürlichste der Welt ist und durchaus gelebt werden sollte. Wenn es aber zentral wird, man sich drauf fixiert, sozusagen als einzige Erlösung, dann kann es sein, dass es etwas anderes ersetzen soll. So z.B. tiefe menschliche Nähe oder Kontakt zu sich selbst. Je weniger man sich mit sich selbst und allem um sich herum verbunden fühlt, desto brennender wünscht man sich vielleicht Verschmelzung mit einem bestimmten Menschen.