@whynot60
Zitat:Dazu kann ich nur sagen: Ich habe ja noch die therapielosen Zeiten erlebt. Und ich müßte schon einen gewaltigen Wahrnehmungsfehler haben, wenn es ein Irrtum wäre, daß es zu diesen damaligen und noch früheren Zeiten nicht wesentlich mehr an der sogenannten "Resilienz" gegeben hätte und sich in den Menschen nicht eigene Strategien im Umgang mit leidvollen Erfahrungen herausgebildetet hätten. Wegen Liebeskummer eine Therapie zu machen wäre ja nicht einmal den tatsächlich vollends Übergeschnappten eingefallen, und ebenso ist kaum jemand wegen eines Trauerfalls in monatelange, schon gar nicht jahrelange Depressionen verfallen.
Ernsthafte Störungen hat es natürlich schon immer gegeben und dazu auch Therapieversuche. Aber dieser Therapiewahnsinn ist für mich ganz eindeutig eine sehr neuzeitliche Erscheinung. Nicht allein, was die psychischen Leiden betrifft, sondern auch die körperlichen. Jeden Nieser führt ja schon zur Alarmierung des Notarztes.
Und wenn da nicht der Wurm mit der Birne durchgegangen ist, dann weiß ich auch nicht.
ja, aber waren die Menschen damals wirklich resilienter, oder mussten sie einfach nur mehr ertragen?
Und was genau bedeutet Resilienz? Hab`s gerade mal gegoogelt "psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen."
Die Frage ist ja, ob die Leute damals mehrheitlich das Schwere ohne Beeinträchtigung überstanden haben, oder ob sie nicht auch verhärtet, bitter usw. wurden.
Einfach nur mehr zu ertragen, vielleicht mit üblen Folgen, ist für mich persönlich jetzt kein Maßstab für ein irgendwie gelungenes Leben.
Ich kenne ja die ganzen älteren Leute, die erzählen, dass es früher keine psychologische Beratung gab. Meine jetzt gar nicht nur Therapie. Denke an die ganzen Erzählungen der Leutchen im Alten-und Krankenpflegejob. Weiß nicht, ob ich die als resilienter bezeichnen würde. Oft noch nach 4O. Jahren etwas nicht verarbeitet. Ob Liebeskummer, Kriegserlebnisse usw. Es wurde halt einfach nur ausgehalten.
Meine Großmutter war als blutjunges Mädchen unehelich schwanger und das bedeutete so eine Schande, dass sie sich in eine fremde Stadt flüchtete. Klar psychologische Beratung für diese Frauen gab es nicht und viele boxten sich irgendwie durch. Aber diese Resilienz bedeutete nicht selten Härte, Grausamkeit usw., auch für die Kinder. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Da es keine psychologische Hilfe oder anderweitige Unterstützung gab, war ein soziales Umfeld, meistens die Familie, umso wichtiger, was wiederum andere Zwänge bedeutete. Man blieb, fast egal, was geschah.
Ich werde nie die Ü neunzig jährige Dame vergessen, die mich im Kaufhaus ansprach weil sie nie darüber hinweg gekommen ist, dass sie im Krieg von mehreren Soldaten vergewatigt wurde. Sie war vollkommen klar im Kopf. Sie sagte, dass es damals keinerlei Hilfe für Frauen gegeben hätte und heute sei es zu spät. Außerdem sagte sie noch etwas wie "Tja und so spreche ich eine fremde Frau im Kaufhaus an weil es doch kein Schwein mehr interessiert, was mir damals geschah."
Auch sie war "resilient", denn damals hatte man einfach nicht zu klagen.
Aber das ist natürlich nur ein Aspekt des ganzen Themas. Auch ich finde, dass dieses psychologisieren ein sehr einseitiger Umgang mit Schwierigkeiten ist.
@megan
Zitat:es ist völlig in ordnung in den tag hinein zu leben
jedoch finde ich es zb nicht sinnvoll mit 44, nachdem frau vom langjährigen lebensgefährten ohne kinderwunsch, getrennt ist (sei es weil der fremdging oder man/frau sich auseinander gelebt hat), zu resümieren er sei schuld, dass der eigene lebenstraum, kinder zu haben, unerfüllt bleibt
was ich sagen möchte ist, dass ein unterschied besteht, ob man/frau in den pausen zwischen stress und verpflichtungen abhängt und das für meditation hält, oder das abschalten als eine wichtige übung begreift, die regelmässig getan werden muss, wenn man/frau die weichen für den verlauf des lebens richtig stellen möchte
denn das abhängen, wenn einem danach ist, ist nicht für langfristige weichenstellungen geeignet
vielmehr sind genau diese übungen es, die das bestehende system, dass grundbedürfnisse schnell, leicht, einfach und ohne anstrengung erfüllbar sind, befeuern
das einzige, was in wahrheit leicht ist, sind gute beziehungen zu anderen
man/frau braucht sich dafür nur entsprechend zu verhalten
wohingegen die dinge, die die werbung uns vorgaukelt wir bräuchten sie und sie wären leicht erfüllbar, dies in wahrheit nicht sind
setze für Meditation z.B. malen, singen, dichten, Sterne gucken etc. ein. Das bedeutet nicht automatisch, abzuhängen.
@Helli
Zitat:Ja. Und ich habe übrigens den Eindruck, daß damit die enorme Therapiequote zusammenhängt.
In unserer Gesellschaft gibt es eine tiefsitzende Scham vor allem Nichts-Tun, was letztlich nicht das bloße Nichts-Tun bedeutet, sondern heißt, ich mache etwas nicht-produktives. Das ist auch bei allen kreativen Tätigkeiten der Fall; natürlich kommt dabei ein Produkt raus, aber eben nichts von Wert (jedenfalls nicht unbedingt). Daher wird es mit Rechtfertigungen oder irgendwelchen, auch weit hergeholten ökonomischen Gesichtspunkten aufgeladen, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, man habe sich jetzt einfach dem Lustprinzip ausgeliefert, und das auch noch freiwillig! Wenn ich stundenlang einer kreativen Tätigkeit nachgehe ist die erste Frage: Und was bringt Dir das? Ich bleibe bei meiner These, daß sich der Kapitalismus überall reingewanzt hat, in den Menschen, zwischen die Menschen.
ja, sehr gut beschrieben. Mir fallen nie Rechtfertigungen ein, wenn ich nach dem Nutzen meiner Tätigkeit gefragt werde

und dann wird das Gespräch oft holprig. z.B. wenn ich erwähne, dass ich meine Träume ins Tagebuch geschrieben habe. Zählt für mich zum Tagesablauf.
Ich habe den Eindruck, dass das eigentliche Nichtstun kaum noch existiert. Also z.B. Abends einfach nur vor der Haustüre sitzen und in den Himmel schauen oder ein Eichhörnchen beobachten. Das haben die Leutchen früher sehr viel gemacht.
Wurde mir sehr oft erzählt. Da gab es nicht diesen Druck der Produktivität.
Aber das, was wir heute so treiben in unserer Freizeit, ist ja nun viel "unproduktiver", als in den Himmel zu gucken. Im Netz surfen, shoppen, permanent Nachrichten verschicken. . .
Gute Nacht***