Zitat von Johanna15:Doch, kennst Du das Gilgamesch Epos?
Ja, das kenne ich. Aber bitte frage mich nicht nach Einzelheiten! Es ist schon sehr lange her, dass ich das gelesen habe, und mein Gedächtnis ist so löchrig wie ein Nudelsieb, durch das auch Nudeln locker hindurchpassen

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Nein, ich idealisiere und euphemisiere das Dämonische nicht, sondern vielmehr stehe ich ihm gelassen gegenüber, wie allem, dessen Herkunft der Sprache und eines sprachlichen Konstrukts bedarf.
Aber dazu mehr in meiner Antwort auf Ysa
Zitat von YsaTyto:Einfach aus Prinzip alles gewissenlos zu genießen, was Sünde ist, macht ja nur demjenigen Spaß, der gezielt Freude daran hat, sündig zu sein.
So war das aber durchaus nicht gemeint. Sondern es geht um etwas ganz anderes. Gewissenlosigkeit setzt ja zunächst die Vermutung der Existenz eines Gewissens voraus. Woher aber stammt nun dieses Gewissen? Gewissen bedarf eines Überbaus, der wiederum eine differenzierte Sprache zur Grundlage hat. Man könnte sagen: Als der Affe zu reden begonnen hat, hat er auch schon angefangen zu lügen und hat es darüber bis zum Affen gebracht, der sich für einen Menschen hält.
Ich möchte das aber gar nicht theoretisch abhandeln, sondern besser an einigen Beispielen:
Ohne nun zu privat werden zu wollen, aber ich nehme an, Du bist nicht verheiratet und warst es vermutlich auch nie, und dennoch wirst Du, wie ich ebenfalls vermute, keine Jungfrau mehr sein. Ich nehme an, Du wirst diese aus einer bestimmten Sicht, gelinde gesagt, unlauteren Aktivitäten mit irgendeinem Gewissen aber gar nicht in Zusammenhang gebracht haben, hattest keine Gewissensempfindungen, weder gute noch schlechte, weil der entsprechende Überbau schon vor einiger Zeit zusammengebrochen ist. Zwar nicht überall und bei jedem - es gibt auch heute noch Leute, in diesem Zusammenhang patriarchatsgemäß vor allem Frauen, die schier daran verzweifeln, krank werden daran, den Versuchungen des Teufels nicht widerstanden zu haben -, aber im Allgemeinen. Auch nur auf die abwegige Idee zu kommen, etwas wie GV könnte "Sünde" sein, Verlockung des Teufels, bedarf unerlässlich eines entsprechenden Konstrukts, das das Gewissen hierzu erst einmal eintreibt. Das hat durchaus gar nichts mit Spiegelneuronen zu tun, die in diesem Fall ja sogar auf ganz andere Dinge kommen könnten als auf ein schlechtes Gewissen und eines gschamiges Gefühl. Was aber nach wie vor der Fall ist, ist, dass GV
unter bestimmten Umständen ein Vergehen ist, ein "Betrug", eine Schandtat, die zumindest als Sünde empfunden werden kann (das ganze Forum hier ist voll davon) - weil hier die entsprechenden Überbauten eben noch existieren und der Natürlichkeit noch lange nicht gewichen sind.
Oder etwas anderes, gewissermaßen das Umgekehrte: Wer heute mit dem Flugzeug fliegt, kann durchaus auch ein schlechtes Gewissen bekommen. Was vor einigen Jahren oder gar Jahrzehnten aber ganz und gar nicht der Fall war. Woher also nun das schlechte Gewissen? Als Sünde, als etwas Dämonisches gilt es zwar noch nicht, aber auch dazu könnte es noch kommen, wenn die Emotionen die Grenzen der Moralwerdung überschreiten. Auch hier scheint mir kein einziges Spiegelneuron im Spiel zu sein (bei denen es wohl eher um die Fähigkeit des Empfindens vermuteter Empfindungen von Außenstehendem aus sich selbst heraus geht, um gefühlsmäßig mitempfundene Analogieschlüsse, und nicht um ein Gewissen).
Das Dämonische wiederum ist ja nichts anderes als das Jenseits der Sündgrenzen, der Verbots- und Tabugrenzen, die sich wiederum aus sprachlichen Konstruktionen und ihrer Etablierung und Vererbung ergeben. Dem Kriechenden ist alles Aufrechte dämonisch, dem Kranken alles Gesunde, dem Unnatürlichen alles Natürliche usw. (umgekehrt funktioniert dies übrigens kaum, was dem Negativfall das Dämonische ist, ist dem Positivfall höchstens lächerlich oder erbarmungswürdig.)
Solltest Du vielleicht einmal in der Gegend unterwegs sein, dann gehe einmal in das Viertel in Jerusalem, wo die Ultraorthodoxen leben (wobei auch hier sich etwas vollends Durchgeknalltes paradoxerweise in etwas "Orthodoxes", also gerade ins Gegenteil der Wahrheit, verwandelt hat, sprachlich allerdings nur, außersprachlich erscheint es mit all der Lächerlichkeit, die es nun einmal ist). Kein Mann wird Dich ansehen, selbst dann nicht, wenn Du mit ihm reden solltest, so das überhaupt einer wagt, so es Dir gelänge - und zwar, weil Du, als Frau, das Dämonische
bist.
Oder was ist der böse, der dämonische Blick? Es ist nichts anderes als der durchschauende Blick, jener Blick, von dem man zumindest fürchtet, er könne hinabsehen bis auf das Pandämonium, das man selber in sich trägt als das Abgewiesene und Verbannte seine erbversündigten Natur.
Wenn nun jemand meint, das Dämonische sei das Ausgeartete (etwa, empfindet jemand Lust, andere zu quälen), so ist das ein falsches Verständnis. Denn das ist nicht dämonisch, sondern krank, seinerseits widernatürlich wie insgleichen alle spracherfundene Moral, woher immer diese Erkranktheit stammen mag (übrigens: keine Krankheit, zu der es keine Gegenkrankheit gäbe). Das Dämonische ist nichts anderes als das im Verlauf des durchaus irrwitzigen Zivilisations- und Kultivierungsprozesses abgespaltene und vertriebene Natürliche, dem man halt auch, der abschreckenden Wirkung wegen, die schlimmsten Fratzen und teuflischsten Gestalten gemacht hat. Es sind die aus durchaus schlechten und miesen, kranken und blödsinnigen Gründen verdammten und verhöllten Anteile der ganz unschuldigen menschlichen Natur.
Zuletzt: Warum ist ausgerechnet der Lichtbringer (der Erkenntnisbringer) Luzifer zum Teufel geworden? Hat da ein Gott solchen Unsinn geredet und gelogen, geoffenbart vielmehr (in Sprache wohlgemerkt; als die Menschen zu reden lernten, lernten das auch die Götter) aus seiner Lavahöhle heraus, dass er es um jeden Preis verhindern wollte (und musste, um Gott zu bleiben), dass die Menschen, von seiner eifersüchtigen Herrschaft heimgesucht, Erkenntnis gewinnen über eben diesen wütenden und widernatürlichen Unsinn, der dem Leben seine Natur ausgetrieben hat, um sich selber einnisten zu können?