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Der lange Weg des Scheiterns - Lernen durch Schmerz

Jetti

Jetti


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Mascha Kaleko
Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

aus: Verse für Zeitgenossen

17.09.2021 07:41 • x 2 #1066


Bumich

Bumich


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Zitat von Jetti:
Traue mich auch nicht, direkt zu fragen, wie es Dir nach dem Gespräch heute geht. Weil ich Dir auch nicht zu nahe treten möchte.

Da wolltr ich eh noch etwas zu schreiben. Mutter ist gestern auch entlassen worden. Ist jetzt bei meiner Schwester zur Pflege. Wieder aufpeppeln...Sie ist klapprig auf den Beinen. Ärzte sagen, niemand weiss wie lange sie noch hat. Kann paar Wochen oder paar Jahre sein. Aber sie braucht dann keinen Schmerz leiden. Paliativmedizin pumpt einen mit Dro. voll, damit man davon nichts mehr mitbekommt. Kann sie entweder im Hospitz oder Zuhause mit Paliativbegleitung. In 4-6 Wochen soll sie wieder zur Untersuchung, um zu gucken, wie und ob es sich weiter entwickelt hat. Wir Kinder stehen in ihrer Patientenverfügung und haben dann das sagen, wenn sie selbst es nicht mehr können sollte. Sie will keine OP mehr. Keine Chemo mehr. Sie will, dass wir dann alles abschalten, sie gehen lassen. Was wir dann auch umgehend veranlassen werden. Schwester, Mutter und ich sind uns alle einig. Mutter lebt von Tag zu Tag. Von Minute zu Minute und wartet ab was weiter passiert. Was will man auch anderes machen....

17.09.2021 09:45 • x 3 #1067



Der lange Weg des Scheiterns - Lernen durch Schmerz

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Bumich

Bumich


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Zitat von Jetti:
Irgendwann war das hier im Thread ja auch schon mal Thema. Dass man einerseits um den Menschen trauert, der gehen musste. Obwohl er gern noch gelebt hätte. Und andererseits weint man um sich selbst, um den ganz persönlichen Verlust.
Und auch da bleibt nichts anderes übrig, als mitten durch die Trauer hindurchzugehen.

Ganz Recht. Ich hatte das iwann mal gesagt. Und genau, durch die Trauer hindurch gehen. Bewusst durch jeder der 4 Trauerphasen. Jeder hat da seine eigene Taktik und Bewältigungsstrategie.

Zitat von Jetti:
Ich dachte, die Welt müsse doch aufhören sich zu drehen. Warum tat sie das nicht? Es war aber nur meine Welt, die stehen blieb und fortan eine andere wurde. Ich weiß auch noch ganz genau, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals wieder zu lachen.


Genau das ist es, was es so bizzar und unwirklich macht. Diese enorme Diskrepanz zwischen der aüßeren Welt und der inneren Welt. Die innere Welt bleibt abrupt stehen und die äußere Welt dreht sich normal weiter. Als wäre nie etwas gewesen. Das ewige Zusammenspiel der Dualitäten.

17.09.2021 10:16 • x 2 #1068


Bumich

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Zitat von Jetti:
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Für wahr. FÜr jemanden oder etwas zu Sterben, ist sehr leicht. Nur eine Sekunde und es ist vollbracht. Aber für jemanden oder etwas zu Leben, nichts ist schwerer als das.

17.09.2021 10:19 • x 1 #1069


Bumich

Bumich


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Zitat von leskine:

In jedem Schicksal, liegt eine Schönheit inne. Mann muss sie nur sehen können, und wollen. Sie verbirgt sich, hinter dem Schmerz. Durch den muss man zuvor durch und die Stärke dazu, steckt in jedem!

Das hast du schön gesagt. Geht doch.

17.09.2021 10:24 • x 1 #1070


Jetti

Jetti


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Zitat von Bumich:
Was will man auch anderes machen....

Ja, das geschehen lassen, was geschehen wird. Sicher nicht einfach, aber eben richtig.
Du machst so viel für Deine Mutter, und Deine Schwester tut das ebenfalls, Schön, dass sie Eure Mutter jetzt zu sich nimmt. Das wird ihr gut tun. Euch allen. Eben durch die Gewissheit füreinander da zu sein und den Weg, der unausweichlich ist, miteinander zu gehen. Wichtig auch, dass all Fragen geklärt sind und Ihr dadurch sicher seid, in ihrem Sinne zu handeln.
So kann die verbleibende Zeit ausschließlich dafür da sein, um für das Wohlbefinden Eurer Mutter zu sorgen.

Bewundernswert.

17.09.2021 10:26 • x 3 #1071


Bumich

Bumich


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In dem tibetischen Totenbuch spricht seine Heiligkeit, der xiv. Dalai Lama, in seinem einführenden Kommentar, von 5 physio-psychischen Aggregaten.

Zitat:

....Nach Ansicht der klassischen buddhistischen Literatur besitzt eine Person fünf wechselseitig verbundene Anhäufung (oder Gruppen) , für die der Fachausdruck >> fünf Psycho-physische Aggregate<< geprägt wurde.
Diese sind das Aggregat des Bewusstseins, das Aggregat der Form ( das unseren physischen Körper und die Sinne umfasst), das Aggregat der Empfindung, das Aggregat der Unterscheidung oder Wahrnehmung und das Aggregat der motivierenden Neigungen oder psychischen Formkräfte. Das heißt, dass es unseren Körper, die physische Welt und unsere 5 Sinne gibt, sowie die verschiedenen Prozesse mentaler oder geistiger Aktivität, unsere neugunge, unser Unterscheiden und benennen der Objekte, unsere Gefühle und das zugrunde liegende Gewahrsein oder Bewusstsein.....

....Nach Ansicht des Buddhismus muss man das Ich/Selbst oder die Person in Begriffen einer dynamisch wechselwirkenden Beziehung zwischen den körperlichen und geistigen Attributen verstehen- also zwischen den psych-physischen bestandteilen, aus denen die Person besteht.

Das heißt: Wenn man es genauer untersucht, findet man, dass unsere Ich- Empfindung ein komplexer Fluss von mentalen und physischen Ereignissen ist, die zu klar unterscheidbaren Mustern zusammengeballt sind, zu denen unsere körperlichen merkmale, Instinkte, Emotionen, Einstellungen und so weiter gehören, die ein Kontinuilität in der Zeit besitzen. nach Ansicht der Präsangika-Madhyamaka- Philosophie, die zu einer der vorherrschenden philosophischen Anschauung im tibetischen Buddhismus geworden ist, ist diese Ich- Empfindung einfach ein mentales Konstukt, eine bloße Bezeichnung, mit der wir diese Anhäufung von in Abhängigkeit entstehenden mentalen und physischen Ereignissen in Hinsicht auf ihre Kontinuilität benennen.

Betrachten wir diese wechselseitige Abhängigkeit oder Interdependenz mentaler und physischer Bestandteile aus der Sicht des " Höchsten Yogatantra", dann gibt es 2 Konzepte einer Person. Da haben wir einmal die zeitweilige Person oder das Ich, dass so ist, wie wir im Augenblick existieren und dieses wird auf Grundlage unseres groben physischen Körpers und konditionierten Geistes benannt. Gleichzeitig gibt es aber auch noch eine subtile Person oder ein subtiles Ich, das in Abhängigkeit vom subtilen Körper und subtilen Geist benannt wird. Dieser subtile Körper und subtiler Geist gelten als eine einzige Entität mit zwei Facetten. Der Aspekt , der die Eigenschaft des gewahrseins besitzt, der nachdenken kann und über die Kraft des Erkennens verfügt, ist der subtile Geist. Gleichzeitig gibt es dessen Energie, die Kraft, die den Geist in Hinsicht auf sein Objekt aktiviert, und das ist der subtile Körper oder subtiler Wind. Diese beiden untrennbar miteinander verbundenen Eigenschaften werden im Höchsten Yogatantra als die Entgültige Natur einer person angesehen undd als Buddha- Natur identifiziert, die essenzielle Natur oder Wahre Wirklichkeit des Geistes.
....
Zitat Ende.

17.09.2021 11:38 • x 1 #1072


Jetti

Jetti


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Ohne Dich

Bitte geh
aus meinem Denken.
Nimm die Gefühle fort,
die mich so quälen.
Doch bitte bleib,
nur kurz, nur für ein Leben.

Du hörtest zu.
Und meine Worte verklingen nun,
hallen wider im Dunkel.
Du gabst mir Kraft.
Doch ich zerstöre mich,
unfähig loszulassen.
Du konntest mich verstehen.
Nur ich erkenn mich nicht,
und gehe fort im Kreis.
Du sahst mich.
Doch ich verschließ die Augen,
will nicht sein, wer ich bin.
Du bist noch immer da.
Und ich muss weg von hier,
ertrinke sonst im Tränenmeer.
Dir gehört mein Herz.
Doch ich zerbreche es beständig,
auch wenn es für mich schlägt.

Unsagbar müde bin ich,
und muss doch leben.
Jeden neuen Tag.

Ohne Dich.

(aufgeschrieben am 21. September)

22.09.2021 08:43 • x 3 #1073


Bumich

Bumich


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@Jetti Klingt nach sehr viel Drama. Sollten wir uns Sorgen um dich machen?

22.09.2021 21:33 • x 1 #1074


Isnogud

Isnogud


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Zitat von Jetti:
Doch bitte bleib,
nur kurz, nur für ein Leben.

Diesen Teil finde ich sehr schön.

Ich finde toll, wie du nach Ausdrucksformen für dich suchst und das jetzt auch mit uns teilst. Danke dafür!

22.09.2021 22:11 • x 1 #1075


Jetti

Jetti


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Erschöpfung, Resignation, Mutlosigkeit, Überforderung
.....Ich bin einfach vollkommen fertig. Soviel Zeit ist vergangen und so wenig bin ich vorwärts gekommen. Und die Auseinandersetzung mit mir selbst zieht mich eher runter, als dass es mir hilft, mich besser zu erkennen und anzunehmen.
Überall tun sich Baustellen auf, sei es auf Arbeit, sei es, dass sich die Situation meiner Eltern zuspitzt. Kämpfe an ganz unterschiedlichen Fronten, obwohl mir schon Kraft und Wille fehlen für meinen stärksten Gegner.
Und dann dieses ewige Denken an IHN, es ist immer da, parallel zu allem anderen. Das Erwachen am Morgen ist nach wie vor das Schwerste. Nicht mehr wie anfangs dieses jähe Bewusstsein, das direkt körperlich schmerzte. Jetzt eher der unmittelbare Gedanke, und die Gewissheit, dies wird den ganzen Tag nicht aufhören. Lähmende Schwere noch vor dem Aufstehen. Ich habe einfach riesige Angst, dass das nie aufhört.
Da nehme ich nun schon Medikamente und verzweifle trotzdem. Eigentlich wollte ich mal wegkommen davon, doch das scheint aussichtslos. Nur gut, das sie mich nicht abstumpfen lassen, mich nicht gefühllos machen. Ja, ich habe viel geheult, und die Tränen kommen auch jetzt noch ganz oft hoch. Zwar laugen sie mich aus, aber sie spülen eben auch die Anspannung des Augenblicks fort.
Schlafen möchte ich, und erst im nächsten Jahr wieder aufwachen. Oder eben gar nicht mehr.
Aber da ich selbst erleben musste, was dies anrichtet, darf das keine Option sein.
Insofern.....
Ich weiß, ich muss durchgehen durch den Schmerz, es gibt keine Abkürzung. Aber ich bin in diesen nun fast 48 Jahren schon durch so viel durch, es reicht langsam. Klar, da ist auch jede Menge Selbstmitleid dabei. Dazu gehört ebenso der Gedanke, dass ER besser dran ist ohne mich. Ganz realistisch. Es gibt ja auch genügend Threads hier, wo es darum geht, einen Menschen mit psychischen Problemen an seiner Seite zu haben. Also war letztendlich alles genau richtig, so wie es gekommen ist. Für IHN.
Denn es gibt Frauen, die LEBEN einfach. Das ist ganz positiv gemeint und sehr bewundernswert. Und eine dieser Frauen bereichert jetzt sein Leben. Die Bilder vermischen sich, ich schiebe sie nicht mehr weg, versuche nicht mehr sie aufzulösen. Das Lesen habe ich ebenso eingestellt, außer hier im Forum. Vielleicht ist es ein Aufgeben. Gut möglich.
Mir ist mehr als bewusst, wie falsch und abhängig es ist, nur DURCH IHN gelebt zu haben im letzten Jahr. Vielleicht hätte ich dann auch nur FÜR IHN gelebt. Sehr wahrscheinlich sogar. Die Theorie verstehe ich, allein die Praxis gelingt mir nicht.

ER fehlt mit einfach so sehr.
Noch immer.

23.09.2021 08:48 • x 1 #1076


Wasabix

Wasabix


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Zitat von Bumich:
In dem tibetischen Totenbuch spricht seine Heiligkeit, der xiv. Dalai Lama, in seinem einführenden Kommentar, von 5 physio-psychischen Aggregaten. ...


Vielen Dank dafür!
Man muss es öfter lesen und immer wieder wirken lassen, so versteht man es irgendwann.

23.09.2021 09:58 • #1077


leskine

leskine


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Zitat von Jetti:
Ich weiß, ich muss durchgehen durch den Schmerz, es gibt keine Abkürzung. Aber ich bin in diesen nun fast 48 Jahren schon durch so viel durch, es reicht langsam.

Und genau das macht dich stark. Weil du durch den Schmerz, gehst so lange, so viel Leid dir auferlegt hast. Niemand wird dir nehmen können was du dir erarbeitest. So lange hast du gekämpft wie eine Kriegerin, die in dir steckt. Nun lass sie frei, die Kriegerin, und belohne dich für den Kampf und das Leid das zu fühlst.
Du, bist es, Dir, selbst wert!

23.09.2021 10:01 • x 2 #1078


Bumich

Bumich


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Ach Mensch @Jetti. Wie kann man denn da helfen... Ich kann dich, deine Gefühle und Gedanken gut verstehen. So wie du, durfte und darf auch ich durch meine Hölle maschieren. Daher weiss ich auch, dass Außenstehende da wenig helfen können. Wenn man selbst nicht zu sich vordringen kann, wie soll es dann ein anderer schaffen.

Vielleicht magst du dir hier mal Luft machen.

https://www.telefonseelsorge.de/kontakt/

Vielleicht, wenn du magst und jemanden zum Ausheulen, Ablenken und Klönen suchst, können wir auch mal telefonieren.
Auf jeden Fall kann das so nicht weiter gehen mit dir.

23.09.2021 10:34 • x 2 #1079


Jetti

Jetti


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Zitat von leskine:
Du, bist es, Dir, selbst wert!

Es ist nicht da, dieses Gefühl.

Zitat von Bumich:
Wenn man selbst nicht zu sich vordringen kann, wie soll es dann ein anderer schaffen.

Ja. Letztens habe ich das auch zu meiner Schwester gesagt, als sie mir hilflos gegenüberstand.
Ich sah deutlich, dass ich damit auch sie traurig mache, und das tut mir weh. Aber sie gibt mich nicht auf,
ist immer da. Mehr geht nicht.

Und so ist auch hier im Forum. Ihr hört mir zu, auch wenn es immer und immer wieder dasselbe ist, was ich schreibe.
Zu wissen, ich bin nicht allein, das hilft mir. Ich kann ehrlich sein, muss keine Maske tragen. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Euer Zuspruch ist soviel wert. Aber sowohl Lösungen als auch Ursachen liegen nur in mir selbst.

In den nächsten Tagen werde ich nicht schreiben, meine kleine Nichte kommt übers Wochenende. Ich war kurz davor, alles abzusagen, aber sie wird nun auch eine Zeit bei meiner Mutter sein. Die unbekümmerte Freude dieses 5jährigen Mädchens vermag mein Herz zu berühren und zu wärmen. Daher tun mir diese Tage vielleicht auch gut.

@Bumich: Danke für das Angebot, zu telefonieren. Mal schauen, wie es in der nächsten Zeit weitergeht. Da ich keine umgehende Änderung zum Besseren erwarte, komme ich möglicherweise darauf zurück.

23.09.2021 11:48 • x 2 #1080



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