Zitat von leskine:Inwiefern, ich meine das aus Interesse, auch für mich. Bin da vielleicht auf dem Holzweg oder nehme das verzerrt wahr, deswegen frage ich dich.
Vorweg: ich habe vorhin so zwischen Tür und Angel relativ spontan geschrieben, ohne das Thema wirklich von allen Seiten zu beleuchten. Daher bringen mich eure Antworten und Fragen evtl. jetzt schon dazu umzuschwenken und einzugestehen, dass ich wohl zu oberflächlich an der Thematik gekratzt habe. Evtl. widerspreche ich mir daher also jetzt auch. Ich versuche aber trotzdem, jetzt mal meinen Gedankenfaden fortzuführen und bin selbst gespannt, was sich beim Schreiben dann ergibt.
Vielleicht sind meine eigenen Traumata nicht schlimm genug gewesen, um das mit der falsch-entwickelten Identität wirklich nachvollziehen zu können...
Für mich bin ICH immer ICH, auch dann, wenn ich ein schlechtes Selbstbild habe..
Kurzes Beispiel: ich bin chaotisch - das ist erst mal ohne Wertung einfach nur eine Aussage über mich.
Früher (auf Grund negativer Glaubenssätze): oh Mist, wieder den Termin beim Zahnarzt vergessen, der ärgert sich jetzt, dass er mich extra anrufen muss. Ich schaffe es einfach nicht, das alles gut zu organisieren - ich bin eine schlechte Mutter, die unseren Alltag nicht gebacken bekommt. Oben drauf dann noch die Aussage von meinem Ex, dass er sich wohl um ALLES kümmern muss, da ich ja NIX auf die Reihe kriege und mich in seinen Augen nicht mal anstrenge das zu ändern (egal, dass ich vorher anstandslos 10 Termine eingehalten habe, dieses eine Versagen zählt).
Heute: oh Mist, wieder Termin beim Zahnarzt vergessen. Zum Glück hat er angerufen und wir konnten noch fix kommen und mussten nicht extra einen neuen Termin machen. Nächstes mal bitte ich, mich einen Tag vorher anzurufen. Fertig. Keine Selbstvorwürfe, kein "ich bin so schlecht" mehr.
Die Identität hat sich nicht verändert, Ich war und bin authentisch Ich. Aber das Mindset ist ein anderes, und führt dazu dass ich mich wohlwollend bewerte und das ausstrahle.
Ich kann gar nicht so sehr an mir arbeiten, dass ich eine andere werde. Aber ich kann an meinem eigenen Blick auf mich arbeiten und mir Menschen suchen, die ebenfalls wohlwollend und liebevoll auf mich blicken. Dann bin ich nicht mehr "fehlerhaft" oder "falsch".
Das war auch eine der Übungen, die ich in der Krisenintervention gemacht habe - Mich nicht-wertend zu beschreiben. Fand ich gar nicht so einfach, aber ich habe tatsächlich gelernt, dass viele Begriffe wie "chaotisch, strukturiert, schüchtern, egozentrisch" aus verschiedenen Blickwinkeln und durch verschiedene Interpretationen ganz unterschiedliche positive oder negative Zuordnungen haben können.
Und da sehe ich Identität als großes Puzzle oder Mosaik mit ganz vielen kleinen Steinchen und Teilen. Vielleicht verabschiede ich mich mit der Zeit von dem einen oder anderen. Entwickle mich weiter und denke dann: "so bin ich eigentlich gar nicht mehr" oder "diese Zuschreibung von außen hat eigentlich nie auf mich zugetroffen". Und vielleicht verändert sich das Mosaik-Bild mit der Zeit, wenn immer wieder Steinchen ausgetauscht, entfernt, hinzugefügt werden. Trotzdem bin ICH das Mosaik, das große Ganze...
Ich kann nicht einfach alles anzünden und von vorn mit dem Legen beginnen. Dann wäre es Auslöschung.