Durch einen strahlend schönen Oktobernachmittag bin ich nach Hause geradelt und habe heute eigentlich jede Menge Grund zur Freude. Und trotzdem saß ich schon auf Arbeit mit Tränen in den Augen da, die gerade eben auf dem Nachhauseweg nicht mehr aufzuhalten waren. Es ist mein Geburtstag und da sind einfach viel zu viele Emotionen und widerstreitende Gefühle in mir. Dankbarkeit, Verzweiflung, Freude, Traurigkeit, Zuversicht, Angst......gerade mischt sich alles und ich werde es geschehen lassen. Zumindest für diesen Tag.
Auf Arbeit gab es ein großes "Hallo" mit vielen Wünschen, einem kleinen Geburtstagsfrühstück und somit einem guten Start in die Arbeitswoche. Ich ahnte, dass auch er mir schreiben wird, und trotzdem ging es nicht spurlos an mir vorüber. Da konnte ich mich wappnen, wie ich wollte, die Tränen ließen sich davon nicht beeindrucken. Klar, es war auch Freude dabei, schließlich hat er an mich gedacht. Und dennoch bin ich wieder traurig geworden.
Zum Glück kommen heute keine Gäste, denn die habe ich erst fürs Wochenende eingeladen. Ich werde mir jetzt die Tränen abwischen und es mal mit einem Lächeln versuchen. Gehe dann gleich noch zu meiner Schwester, wo ihre große Familie und auch unsere gemeinsame Familie am Abend den Zwillingsgeburtstag feiert. Es ist ein Geschenk, sie in meinem Leben zu haben, obwohl dieses Zwillingssein durchaus auch negative Seiten hatte, die nicht unbedeutend waren. Jedoch wird unsere Beziehung, je älter wir werden, auch immer tiefer. Meine Schwester ist der Mensch, der mich in meinem Leben wohl am längsten begleiten wird. Ausgehend vom "normalen" Lauf der Dinge, ist es für die meisten Menschen so, dass die Eltern dieses Dasein vor uns verlassen, während Partner und Kinder erst später ins Leben kommen.
Diese Zeilen habe ich nicht geschrieben, um auf meinen Geburtstag hinzuweisen. Vielmehr, weil es hier ein Ort ist, um loszuwerden, was die Seele bedrückt. Wenigstens ein bisschen davon. Denn die Allerwenigsten in meinem direkten Umfeld könnten nachvollziehen, dass das für mich auch an diesem Tag sehr intensiv spürbar ist. Ihr versteht das, dafür bin ich dankbar. Und danke auch für die Glückwünsche, die ich direkt bekommen habe.
Wenn ich Wünsche für mich selber habe, dann ist das zunächst ein konkreter für die nähere Zukunft, sowie etwas, das ich mir längerfristig wünsche. Zuerst einmal möchte ich mein Denken und Fühlen von ihm abkoppeln. Ihm einfach neutral begegnen können, denn das lässt sich auf Dauer nicht vermeiden. Nicht, dass es mich dauerhaft immer und immer wieder zurückwirft. Ich wünsche mir Frieden zu finden, in all dem was ihn betrifft. Das ist mein allergrößter Wunsch.
Und ein längerfristiger Wunsch wäre, irgendwann sagen zu können, dass ich gern lebe. Trotz unerfüllter Träume und Sehnsüchte, auch mit all den Lasten der Vergangenheit, trotz des Kampfes mit mir selbst, wünsche ich mir einmal den Punkt zu erreichen, wo ich aufrichtige Freude an diesem Leben spüre. Bedingungslose Freude. Und mir dies dann bewahren oder nach einem Tiefschlag wieder hervorbringen zu können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Dazu gibt es ein schönes Gedicht von Mascha Kaléko:
Sozusagen grundlos vergnügt
Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.
Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
Weil er sich selber liebt den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, daß ich . . . Daß ich mich freu.
Aus: Mascha Kaléko: In meinen Träumen läutet es Sturm.
1977 dtv Verlagsgesellschaft, München.