Zitat von Jetti: Ich weiß, dass ich die Verantwortung trage, für all das, was ich heute bin. Nicht die Umstände, nicht meine Erziehung, nicht das Leben, kein anderer Mensch. Mögen sie auch teilweise miserabel gewesen sein, ich war ihnen nicht unentrinnbar ausgeliefert. Für eine gewisse Zeit vielleicht, aber wie ich später damit umgegangen bin, das lag an mir. Ich selbst habe kostbare Lebenszeit weggeworfen, mit dieser unsinnigen Schuld-Thematik. Das habe ich begriffen, und sich das einzugestehen, war und ist immer noch ziemlich heftig.
Liebe Jetti, das sehe ich nicht ganz so, aber wahrscheinlich meinen wir trotzdem das Gleiche.
Natürlich tragen auch die Umstände und Fehler anderer Menschen dazu bei, wer wir heute sind. Gerade in der Kindheit, sind durchaus andere für uns verantwortlich und prägen uns unentwegt. Und ja, andere Menschen können sich an uns schuldig machen.
Das muss man erst einmal durchschauen und für sich anerkennen - ggf. den anderen Menschen vergeben. Aber erst nach diesem Schritt - der Anerkennung wer wir sind und weshalb - können wir wirklich damit anfangen uns selbst zu hinterfragen und dann in Eigenverantwortung unser Leben von diesem Punkt an selbst zu gestalten. Dann können wir es Ablegen, die "Schuld" auf die anderen zu übertragen. Das heißt aber nicht, dass wir deswegen selbst die "Schuld" auf uns nehmen müssen.
Schuld ist generell wirklich ein blödes, fieses Wort...
Du bist jetzt an diesem Punkt angelangt, durch die Krise, die du jetzt durchlebst. Viele Menschen kommen nie an diesen Punkt.
Daher, sei nicht zu hart zu dir! Ärgere dich nicht über dich, dass du erst jetzt damit anfängst, im Prozess der neu gewonnenen Wahrnehmung deiner Eigenverantwortung dein Leben neu zu gestalten.
Manchmal denke ich, dieser neue Bewusstseinszustand ist ein Geschenk und ein Fluch zugleich. Es ist so harte Arbeit und man kann sich nicht sicher sein, was dabei herauskommt. Es tut weh. Wahrscheinlich tut es mehr weh, als einfach stumpf ein vorgegebenes Leben ohne diese Reflexion zu leben.
Aber wenn man einmal "mit dem Nachdenken" angefangen hat, kann man es wohl auch nicht mehr abstellen. Und das ist sicher gut.
Ich lese gerade "Der unendliche Augenblick" von Nathalie Knapp - warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind. Es geht eigentlich gar nicht um Liebeskummer, eher vom Umgang mit Lebens-Übergängen, Katastrophen und anderen Scheidewegen, an denen Menschen wachsen und sich weiterentwickeln.
Sie schreibt:
Die meisten Menschen, die einen posttraumatischen Wachstumsprozess erlebt haben, berichten davon, dass sie tiefere und sinnerfülltere Beziehungen führen. Ihre Fähigkeit zu lieben hat sich erweitert, und das eigene Glück ist nicht mehr das Zentrum ihres Strebens.Der von einem Trauma geheilte Mensch ist kein Stehaufmännchen, sondern wie ein Baum, der im Sturm beschädigt wurde und der seine Wunde geheilt hat, indem er in eine neue Richtung weitergewachsen ist. Doch der Baum wird nie wieder derselbe sein.Das hat mich sehr berührt. Die Jahre davor sind nicht verloren oder weggeworfen gewesen. Sie waren notwendig, damit wir jetzt an dem Punkt stehen können, an dem wir stehen. Alles davon ist unser Leben und Teil unseres eigenen Prozesses der "Menschwerdung".
Du hast ja vorher nicht "falsch" gefühlt, gelebt, geliebt; sondern eben so, wie es dir den Umständen entsprechend möglich war. Und währenddessen hast du Entwicklungen gemacht und Potentiale gesammelt, die dich jetzt entscheidend weiterbringen können.
Mir kommt dabei so ein Bild, als würde man vor einer Tür stehen und nach dem passenden Schlüssel suchen. Jeder trägt den Schlüssel mit sich. Manche suchen nach ihm in ihren Taschen, manche ärgern sich nur über die verschlossene Tür und kommen gar nicht auf die Idee, dass sie den Schlüssel selbst bei sich tragen. Und andere wissen nicht mal, dass die Tür existiert...
Also ist es doch, bei allem Schmerz, auch ganz großartig, dass wir zumindest wissen, dass der Schlüssel existiert und wir "nur noch" in die richtige Tasche greifen müssen
❤☀