Zitat von Isnogud: wenn ich jetzt nur wüsste, was ich am besten sagen oder tun sollte, damit er mich mag. Dann wäre es viel einfacher.
Genau dieses Muster habe ich an mir immer und wieder mal festgestellt. Getrieben von Verlustangst, Angst vor Ablehnung und Konfliktscheue habe ich mich immer sehr bedacht ausgedrückt. Worte gewählt oder Erklärungen von mir gegeben, die immer ein wenig Interpretationsspielraum ließen oder mir die Möglichkeit gaben, meine Aussagen relativieren zu können. Das ist furchtbar anstrengend und baut Druck in einem auf.
Interessanterweise fiel mir auf, dass ich dieses Verhalten nur Frauen gegenüber an den Tag legte, die zumindest nach außen "dominanter" schienen. Verbale und geistige Überlegenheit war sicher nicht das Problem. Es ist eher mit Hunden zu vergleichen. Der Schnuffwuff mit kleiner Schnute stellt den großen Rüden mit der Schnauze im Garagentorformat durch sein Wesen an die Wand und macht ihn unterwürfig.
Es scheint also tatsächlich so zu sein, dass diese Frauen Wesenmerkmale zeigen, die meiner Mutter ähneln und mich meine Verhaltenmuster abrufen lassen.
Zitat von Isnogud: Es geht mir gar nicht draum, mich bewusst zu verstellen oder so. Es fühlt sich an, als wäre es für mich völlig okay.
Und da es sich mittlerweile um antrainierte und von Erfolg gekrönte Muster handelt, fühlt es sich vermutlich genau deshalb in diesen Momenten okay an. Bis zu dem Moment, in dem sich die emotionale Nähe zu dieser Person auflöst und man bereit ist, in der Reflektion sein Tun aus der Dritten Person zu begutachten.
Und genau da nimmt das Chaos dann seinen Lauf. Vielleicht nicht bewusst, aber man erkennt, dass man in genau diesen Momenten nicht der Erwachsene gewesen ist sondern sich wie ein kleines Kind verhalten hat und dadurch eine große Schuld mit daran trägt auf Augenhöhe abgerutscht zu sein. In diesen Momenten greifen dann erneut alte Muster der Selbsterniedrigung. Als kleiner Junge habe ich schon dazu geneigt, alles das was ich konnte oder gut machte, herunterzuspielen. "Das ist ja nichts besonderes". In den Momenten, in denen ich traurig, verzweifelt, bitterlich am weinen war weil es daheim Streit gab und meine Mutter zornig mit mir gewesen ist, zerstörte ich Zeichnungen von mir. Riss sie durch um mich zusätzlich meiner Fehler wegen zu bestrafen und zum Anderen der Ungerechtigkeit wegen.
Zitat von Jetti: Meine bisherige Therapie war eine Verhaltenstherapie, sinnvoll zwar, aber setzt eben nur an den Symptomen an.
Gründe bzw. Ursachen zu betrachten, war eher wenig gefragt.
Das ist vermutlich genau das Problem. Ich kann mein Verhalten zwar erkennen aber ich kann ja nicht richtig etwas daran ändern wenn ich den Grund dahinter nicht verstehe und nicht erkennen kann.
Heute noch spielt Harmonie, Gerechtigkeit, sich entschuldigen können eine sehr große Rolle für mich weil diese Themen mich von klein auf negativ begleitet haben. Lange sah ich nicht, dass es mir schwer fiel mich zu entzuschuldigen. Dachte nie darüber nach ob ich unfair anderen gegenüber wäre. In den letzten Jahren hat sich das geändert je mehr ich über mich und meine Vergangenheit nachgedacht habe. Die Fragen "was ist mir widerfahren und möchte ich das so weiterleben?".
Heute achte ich darauf möglichst gerecht zu sein und mich zu entschuldigen. Manchmal vielleicht auch zu sehr. Der Wunsch nach Harmonie aus eben meiner Bedürftigkeit heraus ist nun der nächste Baustein.
Zitat von Jetti: Nur das ich sogar versuche, möglichst Streit oder Unstimmigkeiten zu vermeiden. Inzwischen klappt es etwas besser, oft ärgern mich allgemeine Vorurteile oder Bewertungen. Da gehe ich die Konfrontation dann auch ein.
Unsere persönliche Ebene ist aber nach wie vor schwierig zu besprechen.
Ich zwinge mich fast schon dazu genau dieses eben nicht mehr zu machen. Natürlich möchte ich aus Mücken keine Elefanten machen aber wenn ich merke, dass mich etwas stört, dass ich verletzt bin dann nehme ich meinen Mut zusammen, denke mir, dass ich eben nicht mehr das kleine Kind bin sondern als Erwachsener meine Rechte habe und es mir zusteht meine Meinung zu vertreten und gehe in den Konflikt. Aber anders als meine Mutter mich das mit Beschimpfungen und laut werden lehrte.
Sachlich. Ruhig. Es funktioniert zuweilen ganz gut. Bis auf die Angst die es noch abzuschalten gilt. Das Gespräch mit meiner Mutter zu führen und ihr meine Erinnerungen mitgeteilt zu haben war ein guter Schritt.
Er war auch mutig weil es nicht das erste sondern bereits das zweite Mal gewesen ist, mit ihr darüber zu sprechen.
Zitat von Jetti: Wie hat Deine Mutter darauf reagiert? Du erwähntest mal, dass Dein Vater Dir sehr nahestand. Wie präsent war er in Deiner Kindheit?
Das erste Mal Jahre zuvor war es sehr emotional und nach anfänglicher Verständnis ihrerseits folgten Tage später ein Herunterspielen und Vorwürfe. Letztes Jahr war ich sehr ruhig. Nutzte keine Aggressionen. Ich machte ihr keine Vorwürfe und teilte ihr mit, dass ich ihr deswegen nicht böse sei weil sie selbst eine sehr junge, teilweise überforderte Mutter fernab ihrer Heimat gewesen ist und aus einem Haushalt kam, in dem es laut zuging und die Hand auch mal ausrutschte.
Ich wollte keine Entschuldigungen von ihr weil ich mir diese selber ja schon gesucht hatte. Ich wollte nur ihr Ohr um es an der richtigen Stelle loszuwerden. Sie gestand mir gegenüber tatsächlich ein, vielleicht Fehler gemacht zu haben. Fehler, die einem selber nicht bewusst waren. Fehler, die man beging weil man seine eigene Erfahrung aus der Kindheit mit sich nimmt.
Ich wechselte im Anschluss das Thema auf etwas Lustiges und wir sprachen nie wieder darüber. Das tat gut. Es war, als fiele mir etwas vom Herzen was schon Jahrzehnte da drauf drückte.
Vielleicht lag ihre "sanfte" Reaktion an der neuen Tatsache Witwe gewesen zu sein und sie ebenfalls deshalb aus Angst vor dem Alleinsein harmoniebestrebt war. Ich weiß es nicht. Für mich selber möchte ich mir das auch nicht kaputtdenken.
Durch die typische Rollenverteilung in den Siebzigern/Achtzigern war mein Vater nie so präsent unter der Woche. Er las meiner Schwester und mir noch aus Büchern vor während wir im Bett lagen. Unternahm Dinge mit uns am Wochenende. Schwimmbad, Radfahren und so weiter. Meine Mutter war oftmals nicht dabei. Bei manchen kann ich mich auch nicht mehr erinnern ob sie zugegen war. Ihr Gesicht sehe ich in meinen Erinnerungen fast nie. Ist eher mit einem Grauschleier belegt.
Wenn es zuhause tagsüber Senge und Motze gab, wurde man anschließend in sein Zimmer abkommandiert mit der Androhung "warte ab bis dein Vater nach Hause kommt, dann kannst du nochmal was erleben!". Klar saß man mit Angst in seinem Zimmer und wartete auf sein Unheil. Das trat aber nie ein weil mein Vater, selbst übel verprügelt in seiner Kindheit, dies seinen Kindern nie antun wollte und es auch nicht tat.
Auch wenn es mir gerade echt schwer fällt darüber zu schreiben, würde ich trotzdem gerne ein wenig ausholen. Vielleicht passt es hier rein. Vielleicht tut es gerade auch einfach nur gut, dass loszuwerden auch wenn da gerade die Tränen rollen.
Zwischen meinen Eltern und mir gab es einst einen großen Knacks während ich mich in meiner längsten Beziehung befand. Wir distanzierten uns sehr von einander. Ganz unschuldig war ich daran nicht. Ich zog von heute auf morgen aus und bei meiner Ex ein und begab mich von einer Abhängigkeit in die nächste.
Mein Vater erlitt Jahre später ein Aneurysma im Kopf, wurde berufsunfähig, rappelte sich zum Glück auf, blieb aber körperlich und geistig ein klein wenig gehandicapt. Das Geld wurde knapp und das EFH umgebaut um das OG vermieten zu können. Er tat dies alles alleine. Mich bat er selten um Hilfe und wenn er es tat, verweigerte ich diese mit teilweise dummen Ausreden.
Als es zur Trennung nach 13 Jahren kam, standen meine Eltern mir zur Seite. Ich kaufte mir ein Reihenhaus, baute über zwei Jahre mit der täglichen Unterstützung meines Vaters um während ich bei ihnen im Keller unterkam. Beiden bin ich heute dafür sehr dankbar. Er und ich aber kamen uns dadurch wieder sehr nahe. Mein Vater war Handwerker und half mir in den folgenden Jahren immer wieder bei Umbauten. Für ihn war es selbstverständlich. Auf mich hielt er immer große Stücke seit diesen Tagen weil ich mich in seinen Augen sehr zum positiven verändert hätte, ihm nun auch bereitwillig und sehr gerne half und sehr viel von ihm gelernt hätte. Ich tat diese Worte immer ab. So sehr stand ich nicht hinter mir und hielt mich immer nur für seinen Handlanger.
Das letzte Mal sahen wir uns an einem Samstag und ich bin glücklich, dass wir nicht wie die Wochen zuvor nur gemeinsam in meinem Garten gearbeitet haben, sondern im Garten saßen und gemeinsam Eis aßen und uns unterhielten. Ich nahm ihn in den Arm und bedankte mich für alles. Brachte ihn nach Hause. Montag morgen ging er fort.
In den Monaten danach brachte ich die Beerdigung trocken hinter mich, tröstete alle anderen aus seiner großen Familie, stand meiner Mutter zur Seite ohne jemals eine Träne vor ihr zu verlieren, setzte mich der Trauer alleine zuhause aus, brachte Arbeiten isoliert zuhause alleine zu Ende und versuchte mich handwerklich an Neuem und sah, dass er mit vielem Recht hatte über mich. Ich kann stark sein und habe viel gelernt. Ich bedaure es heute noch, seine Worte immer abgetan zu haben weil ich weiß, dass es ihn immer ein wenig verletzt hat und fühle mich heute noch schuldig ihm nach seiner Krankheit nie so geholfen zu haben wie er mir immer selbstverständlicherweise half.
Wie manch andere Dinge auch in meinem Leben konnte ich etwas nicht wieder gut machen. So ist meine Denke.
Zitat von Isnogud: Auf 10 erinnernswerte Vorfälle bringe ich es wohl noch nicht. Es sind tatsächlich auch nie Vorfälle gewesen, die besonders bedeutsam waren und die anderen Beteiligten erinnern sich bestimmt nicht daran.
Auf zehn Dinge komme ich wohl auch nicht aber eins dieser Dinge ist das eben Geschriebene. Ich bin hart und unfair mir selbst gegenüber und hab Schwierigkeiten mir mein Verhalten ihm gegenüber zu verzeihen.
Zitat von Isnogud: Sich selbst nicht zu hinterfragen birgt in meinen Augen die Gefahr, die Verantwortung für negative Ereignisse komplett auf die Umwelt abzuwälzen und dadurch zu verbittern. Weil ALLE böse oder schuld sind und man irgendwann nur noch ein verbittertes Opfer ist.
Da hast du recht. Andererseits bin ich ein Mensch der dadurch verbittern kann weil er sich selber viel zu viel die Schuhe anzieht und zu sehr hart mit sich ins Gericht geht. Ich plediere hier immer dafür, die anderen mögen milde mit sich selbst sein. Wenn ich mir aber an die eigene Nase fassen möchte scheinen die Arme oftmals zu kurz zu sein. Wobei ich auf einem guten Weg, das weiß ich für mich schon und es tut gut und darum möchte ich auch an deiner Aussage für mich selber feshalten:
Zitat von Isnogud: Zufriedenheit dank/trotz Reflektion wäre doch ein gutes Ziel
Jedem guten Freund würde man ja auch raten, denke über dich nach, sei milde und verständnisvoll zu dir und mit jedem Reflektieren wird eine Isno mit einem tollen weiteren Upgrade was sie zufriedener machen wird entstehen.
Zitat von Jetti: Mit mir als Jetti, die mit 13 Jahren aufhörte zu essen, schaffe ich das noch nicht. Kann mir nicht mehr erklären, was damals mit mir los war, finde keinen Zugang.
Das stelle ich mir auch schwierig vor. Mit 13 gerät die Welt ja so schon völlig aus den Fugen und man versteht sich selbst ja kaum. Man rebelliert und sucht gleichzeitig Anerkennung. Will Erwachsen und gleichzeitig Kind sein. Wenn dir dann das Urvertrauen zu deinen Eltern gefehlt haben sollte, äußert sich Protest vielleicht durch die Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Das Aufzulösen ist sicher nicht leicht.