Zitat von Haeschen: Krümel, was du erzählst stimmt so nicht.
Meine Oma war Landwirtin, im Westen, sie hat die Frucht zwischen ihren Händen zerrieben und befand wir fahren ein und werden gut ernten, das nur am Rand.
Haeschen, ich habe von MEINER Familie erzählt. Natürlich gab und gibt es in jeder Generation starke, selbstständige Frauen, die sich nicht von irgendwelchen Rollenbildern einfangen ließen. Gott sei Dank gab es die, denn sonst wären wir in Sachen Frauenrechte wohl immer noch in der Steinzeit. In meiner Familie und in der Familie meines Mannes gab es diese Frauen aber eben nicht. Unsere Mütter waren eher angepasste Wesen, die sich dem Diktat ihrer Männer unterordneten. Meine Mutter hätte meinem Vater niemals widersprochen und hat jede seiner Entscheidungen mitgetragen. Auch die, mich zu Gunsten meiner Geschwister zu enterben. Und auch die, mich nach der Geburt meines ersten Kindes nicht im Krankenhaus zu besuchen.
Zitat von E-Claire: Es ist anderen gelungen und zunächst auch Dir, Du hast studiert und Dich versucht in einer Männerdomäne zu behaupten und dies gegen den Willen Deiner Familie.
Ja, tatsächlich habe ich entgegen dem Willen meines Vaters studiert. Und das in einem technischen Beruf, der heute noch eine Männerdomäne ist. Aber eigentlich war das keine bewusste Wahl - wie so vieles in meinem Leben - sondern eine Flucht nach vorne. Ich durfte ja den eigentlich von mir gewünschten Beruf nicht erlernen, weil meine Eltern mir das dafür notwendige Schulgeld nicht zahlen wollten. Deshalb suchte ich mir eine betriebliche Ausbildung, die mich finanziell unabhängig machte, die ich aber von Anfang an hasste. Trotzdem habe ich in diesem Berufsfeld noch studiert, um mir damit andere Möglichkeiten zu eröffnen und vielleicht doch noch eine soziale und somit für mich sinnvolle Komponente hinzufügen zu können. Leider aber ist mir das nicht gelungen. Ich landete nach dem Studium wieder bei der selben Firma, da andere Bewerbungen erfolglos blieben. Diesmal aber wurde es sogar noch schlimmer, denn ich wurde im Vertrieb eingesetzt. Ein Arbeitsbereich, der von Äußerlichkeiten und unerträglichem Macho-Gehabe geprägt war. In dieses Arbeitsumfeld passte ich überhaupt nicht.
Meine weiblichen Kolleginnen, allesamt Bürokauffrauen, punkteten mit Miniröckchen und weiblichen Reizen, die ich nicht zu bieten hatte. Um mich dennoch zu behaupten, fehlten mir die Ellbogen. So blieb ich die graue Maus im Hintergrund, die für die technisch komplizierteren Kundenanfragen zuständig war. Mangels detaillierterer Kenntnisse der Produkte, konnte ich aber die wenigsten selbst beantworten, sondern brauchte die Unterstützung der Anwendungstechniker. Für die war ich aber die doofe Vertriebstussi und somit ebenfalls nicht auf Augenhöhe.
Ich bin heilfroh, diesen Beruf nicht mehr ausüben zu müssen. Jetzt arbeite ich in der Pflege und finde darin endlich den Sinn, den ich in meinem ursprünglichen Beruf vermisst habe. Auch bekomme ich die Dankbarkeit der Bewohner und die Anerkennung durch Kollegen und Vorgesetzte, die ich so zuvor so nie erhalten habe. Ich liebe darum diesen meinen zweiten Beruf sehr und wünschte, ich hätte ihn von Anfang an ergriffen. Das wäre aber undenkbar gewesen, denn ich weiß genau, was meine Eltern davon gehalten hätten. Alten Leuten den Hintern abwischen, wäre sicher nicht das gewesen, was sie von ihrer Tochter erwartet hätten. Soviel Standesdünkel hatten sie dann doch.