Liebe Betula,
vielen Dank für deine Beitrag und Gedanken. Ich musste abwechselnd lachen und auch weinen.
Zunächst fühle du dich auch gedrückt, dass du da auch durch musstest und manchmal auch noch nach drei Jahren manchmal damit zu kämpfen hast.
Zitat von Betula:Unmenge an Büchern gelesen Fachbücher und Ratgeber, gute und schlechte, esoterische, spirituelle und psychologische. Ich trage keine gebatikten Baumwollklamotten, habe keine Dreadlocks und gehöre keiner Religionsgemeinschaft an.
Ich kann nicht mehr vor lachen! Da erkenne ich mich auch wieder. Eine ganze Reihe im Bücherregal (und auch auf meinem eReader) ziert unsere Wohnung mit Trennungsratgebern, Affärenbüchern, buddhistischen Büchern und auch was zu meinem inneren Kind. Aber wie auch du, habe ich keine Dreadlocks, aber trage dafür grade im Moment meinen einzigen Batikrock
Zitat von Betula:Trotzdem habe ich aus allen Büchern, auch aus den schlechten, etwas mitgenommen. Manchmal ist mir schlichtweg ein Licht aufgegangen, manchmal konnte ich durch sie meine Perspektive ändern oder habe einfach etwas Qualifiziertes dazu gelernt.
Neben dem Forum hier, hilft mir das Lesen sehr. Insbesondere auch die Bücher über Affären, weil sie mir die Beweggründe von allen Seiten wertfrei erklären. Das hilft mir ungemein dabei, die ganzen Entwicklungen zu verstehen und das ganze nicht zu persönlich zu nehmen. Ich bin eine Sicherheitsfanatikerin und brauche möglichst viele Informationen, damit ich danach ruhiger werden kann. Es gibt mir das Gefühl, dass ich mein möglichstes zum Verstehen getan habe. Steht mir aber auch anderseits im Weg, da ich mich da schon manchmal echt häufig im Kreis drehen kann, weil ich manchmal auch zu viel verstehen möchte, was aber nicht immer geht und auch nicht sinnvoll ist. Außerdem zeigen mir manche Bücher auch, dass ich das ein oder andere bereits so erkannt habe und ich mit meinem Weg nicht ganz so falsch liegen kann.
Zitat von Betula:Diese ganzen Aussprachen zwischen euch führen zu nichts.
Da stimme ich dir zum Teil zu. Manche Gespräche haben sich spontan ergeben. Das Gespräch über meine Anteile war "geplant". Einerseits hat es mir gezeigt, dass er - wie von mir vermutet - nicht wirklich reflektiert und auch nicht verarbeitet. So konnte ich zumindest dieses Karusell für mich stoppen, weil meine Vermutungen bestätigt wurden. Auch haben zwei seiner Aussagen (Ich bin nicht gut für dich; Wir hätten "seine" Störthemen an mir vor einem Jahr relativ einfach klären können, vor einigen Wochen sei das aber bereits zu spät gewesen) etwas in mir ausgelöst. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es mich bei der Verarbeitung schneller voranbringt. Auch kann ich so mit seinem widersprüchlichen Verhalten seither besser umgehen (er sagt mir ständig, wie gut ich aussehe und wie attraktiv ich sei; er schickte mir einige Tage später per WA einen Herz-Kuss-Smiley; er teilte mir mit, dass er derzeit sehr vernebelt sei; Anrufe und Nachrichten, die sich nicht immer auf unser Kind beziehen, sondern wo es nur um mich geht). Ich versuche bei den Anrufen und Nachrichten mich möglichst nur auf unser Kind bzw. auf meine Tagesaktivitäten mit unserem Kind zu beziehen und nicht auf meine persönlichen Dinge (gelingt mir in den meisten Fällen, aber nicht immer.
Anderseits haben sich natürlich auch noch weitere Fragen nach dem Gespräch entwickelt. ABER ich verspüre nicht mehr so den starken Drang, diese Fragen auch noch "besprechen" zu müssen. Suma sumarum hat mich das Anteilsgespräch definitiv weitergebracht und war gut, zumindest mittel- bis langfristig.
Zitat von Betula:Ich wünschte, ich selbst hätte entscheiden können, was ich möchte. Das hätte meinem Selbstwertgefühl sehr geholfen und das Gefühl der Zurückweisung wäre sicher geringer gewesen. Darin liegt dein großer Vorteil. Du hast eine Entscheidung getroffen.
Das ist wirklich brutal, wenn man wirklich überhaupt kein "Mitspracherecht" hatte. Auch wenn ich die Trennung ausgesprochen habe, so war es aber indirekt die Entscheidung meines NM. Er hat mich rückblickend so lange bewusst zermürbt und fertig gemacht, bis ich nicht mehr weitermachen wollte. Mein Selbstwertgefühl leidet darunter immens. Ich habe immer wieder Phasen, in denen mir die Fragen "Warum wurde ich einfach so ausgetauscht? Bin ich so leicht austauschbar? Warum bin ich seiner Liebe nicht wert? Warum war ich es nicht wert, für unsere Ehe zu kämpfen". Auch wenn ich nicht wirklich religios bin, so hat die Ehe für mich aber einen sehr hohen Stellenwert in meinem persönlichen Wertesystem. Das hatte sie schon immer für mich. Die Ehe ist mir heilig und das macht es mir sehr schwer, zu akzeptieren, dass mein Ex eben nicht die gleichen Wertvorstellungen hat, wie ich.
Zitat von Betula:Und dein Mann hat ja offensichtlich ein paar Charakterschwächen, die nicht von heute auf morgen verschwinden werden. Willst du das wirklich?
Ja, er hat ein paar Charakterschwächen. Diese hat ja irgendwo jeder. Entscheidend ist aber, dass man daran immer was ändern kann, wenn man es für sich selbst möchte. Aber auch meine Schwiegermutter sagte mir, dass er einfach nicht der Typ ist, der sich Gefühlen aussetzen möchte, weil es ihm zu anstrengend ist. So war er schon immer. Er kann mit negativen Gefühlen nur sehr schwer umgehen. Daher ist er so darauf fokussiert, Leichtigkeit im Leben zu haben, denn das verheißt ja nur positive Gefühle, die sich gut anfühlen. Daher sieht sie einen Neuanfang auch nicht als realistisch, da dies umso mehr Arbeit bedeutet und eine lange Zeit mit vielen negativen Gefühlen bedeutet, mit denen man sich auseinandersetzen müsste. Sie sieht bei ihm nicht das nötige Durchhaltevermögen.
Daher vermute ich auch, seine Ausbruchsgründe zu verstehen, auch wenn diese ihm wahrscheinlich nicht bewusst sind. Wir hatten in den letzten sechs Jahren sieben Fehlgeburten zu verkraften, wobei sechs davon in den letzen vier Jahren waren. Drei seiner Großeltern sind in den vergangen zwei Jahren verstorben und die Depression meiner Mutter hat uns auch sehr belastet, da meine Mutter gerne gegen ihn "geschossen" hat und er das dann auch gemacht hat. Das hat sich insbesondere seit der Geburt unseres Sohnes zugespitzt. Dann war unser Sohn noch ein Frühchen, dass uns in den ersten 1,5 Jahren wirklich viel abverlangt hat. Er konnte erst mit 9 Monaten sich von einer auf die andere Seite drehen, mit14 Monaten sitzen (normal ist um die 6 Monate). So hatten wir auch einfach in der ersten Zeit viel Sorge, ob er auch "im Kopf klar ist" und welche Schwierigkeiten uns und insbesondere unseren Sohn wegen der Frühgeburt noch erwarten. Heute wissen wir glücklicherweise, dass er ganz normal ist, aber eben in den ersten Jahren sehr lang für alles gebraucht hat.
Für meinen Mann, der ein Gefühlsflüchtiger ist, ist das natürlich auch eine immense Last gewesen, weil diese Themen aufgrund der Rücksichtnahme auf den jeweils anderen (wir Idioten!) totgeschwiegen wurden.
Die Next und ihr Freundeskreis sind allesamt ungebunden. Natürlich ist das alles unbeschwerlich, weil keine wirklich "schwierigen" Alltagsthemen vorhanden sind. Denn außer zur Arbeit zu gehen, um Miete und Lebensunterhalt aufzubringen, gibt es keine weiteren Verspflichtungen. Daher kann ich ihn ja schon irgendwie verstehen, dass er einfach nur noch weg wollte. Nicht, dass ich das entschuldige oder gutheiße, aber ich kann es aus seiner Perspektive nachvollziehen. Aber ob das vorher geschriebene wirklich so ist, weiß ich nicht. Das ist meine subjektive Wahrnehmung bzw. Vermutung.
Zitat von Betula:Manchmal stelle ich mir vor, wie mein Ex-Mann sich morgens der neuen Partnerin zuwendet und ihr durch seine Atemmaske (er leidet unter starker Schlafapnoe) ein liebevolles Guten Morgen entgegenzischt. Ich nehme mich und das Leben oft nicht so bitterernst. Vielleicht gelingt dir das ja auch ein wenig.

Made my day! Ich hoffe, ich kann diesen Humor irgendwann auch mal aufbringen
Zitat von Betula:Versuche die persönliche Ebene zu verlassen und nur noch Formalien zu klären. Es geht nicht darum, deinen Mann zu bestrafen oder ihm seinen Verlust vor Augen zu führen. Das funktioniert sowieso nicht.
Ich bemühe mich darum (s.o.), bis ich das aber ganz hinbekomme, wird es gewiss noch dauern. Zumal er auch immer wieder betont, dass er mich als Freundin möchte. Das Beste aus zwei Welten geht aber nunmal nicht und das ist nicht die Ebene, die ich mir in diesem Augenblick wünsche. Ich wollte bzw. will ihn ja als Partner und nicht als Freundin, bei der man sich ausheulen kann. Vielleicht ist das in ein paar Jahren möglich, ist im Moment aber für mich nicht erstrebenswert. Da zählt nur die Elternebene. Und nein, den Verlust kann ich ihm nicht vor Augen führen. Das Gras ist für ihn im Nachbarsgarten nunmal grüner...
Zitat von Betula:Dein Mann hat sich von einer "vermeintlichen" Zwangsjacke direkt in die nächste begeben.
Ja, das hat er. Und eigentlich belustigt mich das ein bisschen. Einfach weil ich denke, dass er einfach alles wiederholen wird, nur eben mit seiner Next an der Seite. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er es diesmal alles besser macht (vielleicht die ein oder andere Kleinigkeit; er möchte aber mit mir auch noch sein Anteilsgespräch führen). Diese Möglichkeit der Weiterentwicklung hat er sich genommen, da er direkt zur Next gezogen ist, obwohl ich ihm dazu riet, erstmal ein paar Wochen alleine zu wohnen, damit er sich sortieren und abschließen kann. Er wird einfach unsere Beziehung verdrängen. Aber nun gut, das ist etwas, was er mit sich selbst ausmachen muss.
