Zitat von JuicedWater:Man liest hier immer, dass es die große Liebe ist und man wie füreinander bestimmt ist etc. etc. etc.
Ich weiß nicht, wo Du liest - ich für mein Teil lese das nicht "immer". Viele Affairen werden aus purer Abenteuerlust eingegangen. Für Menschen mit Nähe-Distanz-Problem oder auch solche, deren Leben stark mit Beruf oder anderweitigem Engagement ausgefüllt ist, ist die Affaire in all ihrer Unverbindlichkeit als Konstellation durchaus attraktiv: Der verheiratete Part wird sicher nicht meckern, wenn man am Wochenende arbeitet oder seinen Interessen nachgeht, da ist er ja bei seiner Familie.
Es braucht schon bei Festbeziehungen seine Zeit, bis die Schmetterling-flieg-Phase vorüber ist und man überhaupt einigermaßen einordnen kann, ob die
Verliebtheit in eine alltagsfähige, tiefe
Liebe übergegangen ist oder nicht. Bei Affairen hingegen ist zeitlich gesehen Push & Pull angesagt; hinzu kommt, daß man einander nur in bewußt ausgewählten Situationen erlebt. Manche Affairenführer erzählen zwar durchaus auch von ihrer Ehe und Familie auf eine Weise, daß die Affaire sich schließlich sogar einbildet, deren Leben zu "kennen". Doch die Wahrheit ist, daß sie nur zu wissen glauben, was er sie wissen läßt. Spätestens am Krankenbett oder auch bei der Beerdigung zeigt sich dann, wie weit es mit der gelebten "Liebe" in Wirklichkeit her war, wenn dort der Festpartner vorgelassen wird, während die Affaire im Schatten bleiben muß. So manche Affaire kann dann nicht mal mehr in Erfahrung bringen, woran ihr Geliebter erkrankt ist oder wo er seine letzte Ruhestätte gefunden hat.
Tiefe Liebe drückt sich nämlich
auch in
tätiger (Für-)sorge aus - wobei ich an dieser Stelle nicht unterschlagen möchte, daß es Affairenführer gibt, die tatsächlich mitdenken und etwa heimlich die Geliebte als Begünstigte in ihre Lebensversicherung eintragen oder anonyme Nummernkonten für ihre außerehelich gezeugten Kinder führen, von denen die Erstfamilie nicht mal ahnt. Da dies allerdings auch gewisse Möglichkeiten voraussetzt, dürfte es aber eher die Ausnahme als die Regel sein.
Zitat von JuicedWater:Aber habt ihr euch nie die Frage gestellt was passieren würde, wenn sich dieser Mann tatsächlich von seiner Ehefrau trennen sollte und mit euch eine offizielle Beziehung eingeht? Wieso glaubt ihr, dass er euch nie betrügen würde?
Das ist der berühmte "Affairen-Kokon", der in diversen Threads dieses Forums neulich mehrfach zur Sprache kam. Man sieht, was man sehen will, man fühlt, was man fühlen will, man glaubt, was man glauben will. Alles andere wird ausgeblendet. "Das Schicksal" hat es ja nicht anders gewollt: Ganz großes (künstliches) Kinodrama.
Zitat von JuicedWater:Wie könnt ihr es vor euch verantworten, dass ihr praktisch in eine Beziehung einbrecht und der Ehefrau des Mannes unheimlich viel Schmerz zufügt?
Das ist wie mit dem Atomkraftwerk, das noch nicht explodiert ist - und hoffentlich auch nie hochgehen wird:
Zum einen sind viele Ehefrauen unwissend, was die Affaire betrifft - also tut ihnen
de facto auch nichts weh. Das ist natürlich weder eine Rechtfertigung für ihre Männer, sie einfach zu betrügen oder für Affairenfrauen, sich als Mittel für diesen Betrug herzugeben. Aber solange die Affairenführer noch auf dem Vulkan herumtanzen, ist er nicht ausgebrochen. Also tanzen sie. Sie tun es, weil es ihnen möglich ist, ohne eben u.a. solche Konsequenzen zu haben. Das Risiko bleibt natürlich.
Zum anderen genügt schon ein Blick auf einschlägige Kontaktforen um zu erkennen, daß
unheimlich viele Männer
aktiv nach einer Affaire suchen. Sie brechen also
vorsätzlich geplant aus ihrer Festbeziehung aus. Natürlich hätten all diese Männer keine Chance auf eine Affaire, fänden sie niemand, der sich darauf einläßt - geschenkt. Insofern ist auch jede Affaire ein Stück weit
mitverantwortlich dafür, daß nahezu die Hälfte aller Menschen im Land fremdgehen.
Es kann vorkommen, daß eine Frau vom Typ "freibeuterische Sirene" sich eiskalt vornimmt, den Mann anzumachen und ihn gezielt seiner Hauptpartnerin auszuspannen. Erinnert verhaltenstechnisch an zwanghafte Diebinnen, die es förmlich anmacht, der Hauptbeziehung da was wegzuschnappen. Dahinter können handfeste Persönlichkeitsstörungen stehen; da ich sowas unter "Ausnahme" verorte, vertiefe ich es hier jetzt nicht weiter. Doch in diesem Fall sehe auch ich einen erhöhten Grad an Mitverantwortung dafür, wenn die Hauptbeziehung es nicht überstehen sollte.
(Exkurs: In früheren Zeiten und unter anderen Umständen hätten Personen solchen Schlages mit denunziatorischen Mitteln dafür gesorgt, daß die Ehefrau als "Hexe" auf dem Scheiterhaufen landet und sich dann an deren Mann rangewanzt. Man sollte sich lieber nichts darüber vormachen, wozu dieser Menschentypus fähig ist, wenn man ihn läßt. Er ist aus gutem Grund so gründlich verhasst.)
Nichtsdestotrotz:
Partnerschaftliche Verpflichtungen gegenüber der Hauptbeziehung hat ausschließlich derjenige, der sie führt. Und das ist nicht die Geliebte - die hat allenfalls eine soziale Mitverantwortung unsere gesellschaftliche Ordnung zu erhalten. Wobei diese Mitverantwortung gerichtlich nicht einklagbar und somit auch nicht erzwingbar ist - also hierzulande jedenfalls nicht.
Rein partnerschaftlich gesehen haben Betrogene und Geliebte also absolut nichts miteinander zu schaffen oder auch nur zu bereden. Auch rein rechtlich gesehen gibt es da nix zu wollen. Um es auf die Spitze zu treiben: So wie die Geliebte nichts im Haus der Betrogenen verloren hat (Filmtipp: "Eine verhängnisvolle Affaire"), so kann auch die rachsüchtige Betrogene polizeilich belangt werden, sollte sie die Geliebte stalken - und das meines Erachtens auch völlig zu Recht: Die einzige Meldeadresse für Beschwerden bezüglich der Affaire ist für Betrogene der Ehemann, sonst niemand.
(Exkurs: Wenn Geliebte und Betrogene einander aus anderen Gründen kennen, ist das natürlich ein völlig anderer Kaffee. "Eigene Schwester hat mit meinem Mann geschlafen" ist ein Supergau, der auch mich an der Menschheit ernsthaft zweifeln läßt. Exkurs beendet.)
Liebe ist ein großes Gefühl und wir leben in einem Umfeld, wo uns ständig suggeriert wird, daß man nicht wirklich
gelebt habe, wenn man es nie gekannt und ausgekostet hat. Wir haben aber nur dieses eine Leben und Amors Pfeil trifft uns darin in
dieser Form nur selten. Tatsächlich erleben viele Zeitgenossen nie eine wahrhaft große Liebe, sondern geben sich mit kleinen zufrieden oder bleiben allein. Manche werden sogar zynisch darüber und sprechen ihr die Existenz ab.
Verliebtheit kann sich in der Schmetterlingsphase überaus ähnlich anfühlen. Hat jemand dann auch noch die Tendenz, Drama zu brauchen (die Gründe dafür sind so vielfältig, daß ich hierauf jetzt nicht näher eingehen mag), so bieten Affairen den Reiz der verbotenen bzw. "vom Schicksal" verhinderten, "großen Liebe". Hinzu kommen mitunter Gefühle von heimlicher Macht ("ich weiß was, was die Ehefrau nicht weiß", "
ich lebe
anders als die anderen Durchschnittsmenschen =
ich bin was Besonderes") - auch wenn diese sich natürlich mit Ohnmachtsemotionen (oder gar hilfloser Wut) abwechseln, etwa wenn Monsieur dumm genug ist seiner Geliebten davon zu berichten,
wie sehr er den letzten Familienurlaub genossen hat, aus dem er gerade sonnengebrannt und gutgelaunt zurückgekehrt ist. In solchen Momenten offenbart sich dann eben doch, daß sie für ihn nur das Pünktchen auf dem i ist, mehr nicht.
Es kann auch übers Affairenende hinaus noch Jahre dauern, bis Ex-Geliebte erkennen, daß es nicht um die Person des Affairenmannes ging, sondern um
sie selbst und um
ihre Sehnsüchte, die sie auf ihn
projiziert haben. Ein Gegenmittel kann die Begegnung mit einem neuen Mann sein, aber am erfolgversprechendsten ist, wenn man sich auf die Reise ins innere Ich begibt und dabei auch professionelle Hilfe beansprucht - sei es, daß man sich in einschlägige Literatur einliest, sei es, daß man sich in therapeutische Hände begibt - oder alles zusammen.
