Zitat von acre:Ich glaube, du bist noch lange nicht so klar, wie du gern wärst. Und es sind verschiedene Baustellen, die du alle schon erkannt hast. Zum einen war die Trennung absolut gefühlsgeleitet und zum anderen hast du es um der Kinder willen lange abgewogen? Du hast die Trennung noch nicht verarbeitet, stehst mit einem ...
Doch, was meine Entscheidung, mich von meinem Mann zu trennen, angeht, bin ich sehr klar. Ich höre jeden Tag in mich rein, denn ich bin selbst überrascht von meiner Entscheidungskraft, hätte mir das vor einem Jahr noch niemals zugetraut, mein Leben alleine zu meistern. Aber ich will nicht zu diesem Mann zurück. Das fängt schon beim Körperlichen an, ich kann mir nicht vorstellen, ihn jemals wieder anzufassen, geschweige denn, ihn zu küssen oder gar mit ihm zu schlafen. Ich kann ihn nicht mehr riechen. Ich war vor ein paar Wochen nochmal im Schlafzimmer, um ein paar restliche Klamotten abzuholen, es roch fremd und unangenehm für mich. Es ist einfach vorbei.
Und ich möchte auch emotional nicht mehr in diese Beziehung zurück. Ich will dir gerne näher erklären, wie das war in den letzten Jahren: ich habe zunehmend gespürt, wie die Beziehung zwischen uns kälter wurde. Eigentlich, seit wir Kinder haben. Es gab immer weniger körperliche, aber auch emotionale Nähe und Zuwendung - von seiner Seite aus. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann er mir das letzte Mal gesagt hat, dass er mich liebt, oder mir ein Kompliment gemacht oder sonst irgendwas nettes gesagt hat. Meine Arbeit und alles was damit zusammenhing, hat er als Störfaktor empfunden. Er war genervt, wenn ich davon erzählt habe, hat auch nie von sich aus gefragt, wie mein Tag war. Gleiches galt für meine Interessen und Freizeitaktivitäten, sofern sie nicht mit seinen übereinstimmten. Er hat aber auch nie von sich erzählt, was ihn bewegt. Ich habe mich aber nie getraut, das alles wirklich anzusprechen. Ich hatte Angst, dass ich damit an etwas rühre, dass er dann zugibt, dass er nichts mehr für mich empfindet und mich verlassen will. Ich habe das nichtmal vor mir selbst zugelassen. Ich habe alles verdrängt, mit niemandem darüber gesprochen, nichtmal mit meinen besten Freundinnen. Mit ihm konnte ich sowieso gar nichts besprechen, es gab keine Auseinandersetzungen, wir haben ja nichtmal gestritten. Hat ihm was nicht gepasst, hat er geschwiegen bzw. mich ignoriert, so dass ich es mir irgendwie zusammenreimen musste. Wenn ich mich über irgendetwas beschwert habe, kam auch nur schweigen. Ich habe ihn ja aber geliebt und lange gedacht, dass es halt so ist in einer langjährigen Beziehung und ich mich damit abfinden müsste. Ich habe auch manchmal gehofft, dass es wieder besser würde, etwa wenn die Kinder größer sind. Der Gedanke an Trennung blitzte manchmal auf, ich hab ihn aber sofort zurückgedrängt, es durfte nicht sein, nicht in meinem perfekten Leben und nicht mit drei Kindern. Jedenfalls nicht, solange sie noch so jung sind.
Ich habe meine Gefühle und große Teile meiner selbst in mir vergraben und unterdrückt, bis es nicht mehr ging. Bis die Gefühle für meinen Mann langsam gestorben sind. Es ging mir schlecht. Ich fing an, dem auf den Grund zu gehen, an mir zu arbeiten. Bis etwas aufgebrochen ist in mir, bis ich mich plötzlich getraut habe, hinzusehen, diese ganzen Gedanken zuzulassen - und da ist auch der andere Mann in mein Leben getreten, was den ganzen Prozess zusätzlich beschleunigt hat. Und ja, die Entscheidung, meinen Mann zu verlassen, war nicht rational, sie ist allein emotional bedingt. Ich will nicht mehr in einer lieblosen, erkalteten, distanzierten Beziehung leben, egal, welche Konsequenzen ich dafür tragen muss. Ich möchte frei sein und wenigstens die Chance auf echte Nähe und Verbundenheit haben. Und natürlich waren meine Kinder und die Konsequenzen, die sie tragen müssten, mein erster Gedanke, und sie stehen an erster Stelle. Und natürlich habe ich immer wieder überlegt, ob ich ihnen zuliebe noch weiter aushalten sollte, und noch heute frage ich mich manchmal, ob ich ihnen zuliebe nicht doch zurückgehen sollte (wenn mein Mann mich überhaupt noch nehmen würde).
Und natürlich habe ich die Trennung von meinem Mann noch nicht verarbeitet und hirne noch darüber und versuche, die Ursachen des Scheiterns zu ergründen, das ist doch nach einer so langen Beziehung normal! Und er ist mein Mann, solange wir nicht geschieden sind, wir sind ja noch verheiratet. Und natürlich ist er auch noch dabei, zu verarbeiten, wird aber mitnichten von mir warmgehalten. Ich war immer völlig klar, was meine Entscheidung betrifft, es gab für mich immer nur den einen Weg geradeaus, nie hab ich ihm etwas anderes signalisiert, auch jetzt nicht, nachdem sich mein Freund von mir getrennt hat. Die Entscheidung, weiter als Eltern eng zusammenzuhalten, geht von uns beiden, und ganz explizit auch von ihm aus. Er besteht auf gemeinsamen Familienfeiern und dem wöchentlichen gemeinsamen Essen. Er hätte am liebsten unser Haus in zwei Wohnungen umgebaut, da hab ich dann abgeblockt und dafür gesorgt, dass ich zumindest in der Nähe eine eigene Wohnung finde, was glücklicherweise auch geklappt hat.
Zitat von acre: Tja, er schläft wahrscheinlich wieder mit seiner Ex und du schmeißt ihn nicht hochkant raus.
Das verstehe ich nicht. Keine Ahnung, ob er wieder mit ihr schläft, ich will das gar nicht genau wissen. Es gibt nichts rauszuschmeißen, unsere Beziehung ist bereits beendet. Er ist wieder zu ihr zurück, also kann er doch auch mit ihr schlafen. Zwischen uns läuft nichts mehr. Es gibt lediglich Kontaktversuche von ihm, per Whats App und zweimal hat er mich bei der Arbeit aufgesucht. Nochmal: ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, ihn wieder zu seiner Frau zurückzuschicken. Da muss er schon selber hingehen.
Ja, es ist viel, das auf mich zurollt. Vielen Dank, dass du mich nochmal darauf hinweist. Aber es liegt auch schon vieles hinter mir, das ich bereits geschafft habe, und ich werde auch den Rest noch schaffen, und ich bin mir auch immer noch sicher, dass es das wert war. Ich habe eine große innere Zuversicht, dass am Ende alles für jeden von uns irgendwie gut werden kann, wenn er das zulässt. Für mich, meinen Mann (der ja nun auch die Chance hat, eine Frau zu finden, die besser zu ihm passt als ich und ihn glücklicher macht), für meinen Exfreund und auch für seine Frau, wie auch immer diese ganze Sache letztlich ausgeht.