@Presea
Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich will versuchen, deine Fragen so aufrichtig wie möglich zu beantworten, auch für mich selbst:
Zitat von Presea: Wie hast du dich gefühlt, als er dir offenbarte, dass er zurück geht? Was kamen da für Emotionen in dir hoch?
Nun, es kam nicht völlig überraschend. Er hat mir schon immer mal gesagt, dass ihn das alles noch nicht loslässt. Dass er noch nicht durch ist damit. Dass er gegenüber seiner Frau ein so schlechtes Gewissen hat. Aber als er wirklich damit rausgerückt ist, dass er sich mit dem Gedanken trägt, wieder zurückzugehen, da hab ich Angst gespürt. Angst, ihn zu verlieren, Angst davor, dass meine Träume von einer Zukunft mit ihm zerplatzen. Und es war, als würde mich eine große Kälte umklammern. Eiskalt wurde mir.
Als ich es ihm dann endgültig aus der Nase gezogen bzw. eine Entscheidung verlangt habe, habe ich eine große Traurigkeit verspürt, Niedergeschlagenheit, ich habe ihn quasi schon vorauseilend vermisst. Die letzten gemeinsamen Tage und Stunden waren trotz unser beiderseitigen Wissens, dass das nun enden wird, waren traurig, aber wiederum auch wunderschön. Es war sehr intensiv, wir haben stundenlang geredet, ich hatte die Möglichkeit, alles, aber auch alles schonungslos zu sagen, was ich ihm sagen wollte, und alle Fragen zu stellen, die ich stellen wollte. Das hat irgendwie gut getan, ich hatte das Gefühl, dass ich alles losgeworden bin, dass nichts ungesagt geblieben ist. Auch die unschönen Dinge.
Als er dann wirklich weg war, die Tür hinter ihm zugefallen ist, war ich erstmal unfassbar traurig. Ich habe viel geweint in den Tagen danach. Und natürlich Enttäuschung. Über seine Schwäche. Über seinen fehlenden Mut. Er war es immer, der davon gesprochen hat, dass er aus dem Gefängnis, in dem er festsitzt, ausbrechen muss, dass er das Laufen neu lernen muss. Und da kam dann auch das Gefühl, dass ich nicht genug war. Nicht gut genug. Das es nicht gereicht hat, ihn mitzunehmen. Dass ich verloren hab, seiner Frau nichts entgegensetzen zu hatte, gegen die 30 Jahre Verbundenheit keine Chance hatte. Das ist übrigens ein Punkt, über den ich sehr viel nachgedacht habe, dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein ist ein Lebensthema bei mir. Ich lerne gerade sehr viel über mich. Diese ganze Geschichte, die Trennung von meinem Mann und von meinem neuen Freund - es ist auch eine große Chance für mich, an mir selbst zu arbeiten und zu wachsen. Insofern hast du nicht ganz unrecht - das sich-Stürzen in eine neue Beziehung, das nicht-Alleinsein-können, das ist auch ein Schutz davor, sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. Dafür habe ich nun tatsächlich ausreichend Zeit und Raum.
Zitat von Presea: Wie hast du dich gefühlt, als du realisiert hast, dass es gut war, ihn noch nicht den Kindern vorzustellen? Und dass, obwohl er so Anteil genommen hat, er sich hat Bilder deiner Kinder zeigen lassen? Wie passt das zu Verantwortung, die er bei seiner Familie plötzlich entdeckt zu haben scheint?
Mein Gefühl, mir mit den Kindern noch Zeit zu lassen, da nichts zu überstürzen, war eben richtig. Ich habe mich bestätigt gefühlt.
Er ist ein Familienmensch und mag Kinder. Darum hat er auch immer nach meinen gefragt. Er hat mich anfangs heimlich beobachtet, wie ich mit meinem Sohn (immer am gleichen Wochentag und zur gleichen Uhrzeit, er wusste das, weil wir uns da mal noch vor Beginn unserer Affäre zufällig getroffen haben) eine Brezel kaufen war. Er hat immer wieder von der Szene erzählt, es hat ihn gerührt. Ich habe auch beobachtet, wie er mal im Supermarkt Anteil genommen hat bei einer Mutter, die ihre Mühe mit ihrem trotzenden Kleinkind hatte. Seine Kinder sind älter und autonomer als meine, aber er hatte immer Verständnis, dafür, dass sie vorgehen und ich da Verpflichtungen und Verantwortung habe. Er hat seine Kinder vermisst, sie haben ja den Kontakt zu ihm abgebrochen. Das hat ihm sehr zugesetzt. Er hatte daher auch Verständnis dafür, dass ich meine Kinder vermisst habe, an den Tagen, an denen sie nicht bei mir waren.
Und seine Frau und seine Kinder haben zu ihm immer gesagt, wenn er sich für mich entscheiden würde, würde er sich auch für meine Familie entscheiden, und damit gegen seine. Auch das hat ihn sehr zugesetzt, und es war am Ende mit ein Grund für ihn, wieder zurückzugehen.
Ich wüsste nicht, warum das alles nicht zusammenpassen sollte.
Zitat von Presea: Was hast du gefühlt, als er sagte, er liebe zwei Frauen?
Unverständnis. Ich kann akzeptieren, dass es das zu geben scheint, aber ich selbst habe das noch nie erlebt. Ich kann mich da deshalb nicht hineinfühlen.
Zitat von Presea: Versuch die andere Seite zu sehen und zu fühlen, die auch da ist und zwar jenseits der schönen Momente, deiner Erklärungen, deinem Verständnis, deiner Liebe, seiner Worte: Seine Taten. Seine Entscheidungen (gerne im Kontext, mehr aber nicht). DEINE (negativen) Gefühle.
Was siehst du dann? Was ist die andere Seite (auch von deinem Ex)?
Seine Taten - welche meinst du? Da gibt es viele. Sein Betrug gegenüber seiner Frau, seine Lügen. Die Offenlegung der Affäre, freiwillig, ohne dass es aufgeflogen oder er danach gefragt worden wäre. Die Trennung, der Auszug zu Hause. Das Bekenntnis zu mir, gegenüber seinen Kindern und seinem gesamten Umfeld. Der Kontakt zu seiner Frau, den er weiterhin gehalten hat. Der Anruf bei ihr, als es seiner Mutter schlechtging. Die Entscheidung, doch wieder zurückzugehen, mich zu verlassen. Den Kontakt, den er nun weiterhin zu mir hält. Da sind Taten, die waren falsch und schlecht. Solche, die überraschend und mutig waren. Solche, die von Angst und Mutlosigkeit getragen sind. Manche haben mich beeindruckt, manche enttäuscht, manchen stehe ich neutral oder verständnisvoll gegenüber. Ich sehe ihn nicht nur idealisiert, keineswegs. Er ist ein Mensch mit Stärken und mit Schwächen, und genau so hat er sich auch mir gegenüber von Anfang an gezeigt.
Zitat von Presea: Wie fühlst du dich, wenn du ihm sagst, er solle sich nicht mehr melden? Was löst es in dir aus, wenn jemand - vielleicht aus der größten Liebe heraus - diese zarte Grenze überschreitet? Wie respektiert fühlst du dich von ihm? Wie passt das zu deiner Vorstellung von"Liebe"? Lässt Liebe nicht vielleicht auch los, wenn sie wahrhaftig ist? Akzeptiert (Selbst-)Liebe nicht auch Grenzen?
Ich fühle mich übergangen und manipuliert. Er weiß genau, was er da bei mir auslöst, und er will das auslösen. Er will nicht loslassen, und er will, dass ich das auch nicht kann. Sollte seine Ehe doch endgültig Scheitern, käme er dann doch zu mir zurück. Ich fühle mich als 2. Wahl, und die bin ich ja gerade auch, seine Frau hat Priorität, für sie hat er sich entschieden, ich bin allenfalls Nummer 2. Ich fühle auch Unverständnis - wie kann er seiner Frau das antun? Er hat mir heute gesagt (er hat mich angerufen, weil er mich immer noch treffen will), dass seine Frau ihm die Hölle heiß machen würde, wenn sie das wüsste. Wie kann er für sie etwas empfinden, sich zu ihr bekennen, sich für sie entscheiden, und sie im selben Moment schon wieder hintergehen? Ich empfinde dabei auch Verachtung für ihn. Er ist schwach, kann sich schon wieder nicht klar entscheiden, sich nicht bekennen.
Und ja, ich stimme dir zu, Liebe bedeutet auch Loslassen. Absolut. Und genau das möchte ich auch tun. Ich möchte ihn loslassen, dort hin, wo es ihn hinzieht, zurück zu seiner Familie und seiner Frau. Das habe ich ihm auch gesagt, auch, dass ich nicht an ihm ziehen und zerren werde, da bin ich anders als sie. Nur, wenn ich ihn loslasse, hat er die Chance, sich wirklich darüber klar zu werden, was er will. Letztlich muss er die Entscheidung, ob er in dieser Ehe wirklich bleiben will, unabhängig von mir treffen. Nur dann kann sie wahrhaftig und frei sein.