Liebe Geo54,
ich stieß gestern eher zufällig auf dieses Forum und hatte da schon eine recht lange Antwort auf ein vielleicht schon zu altes Thema geschrieben. Meinen Super-GAU hatte ich in vergleichbar jüngeren Jahren erfahren, obwohl wir "erst" 8 Jahre verheiratet waren, uns davor 7 Jahre aus der Jugendzeit kannten. Bei uns hatte es rückblickend eigentlich nie übereingestimmt - wir hatten uns über längere Zeit einfach etwas vorgemacht. Zumindest ich war der Meinung, dass sich alles im "Laufe des Lebens" ergeben werde. Und das war falsch.
Dafür war meine Einschätzung, "dieser Frau" nach der Trennung aus dem Weg zu gehen, goldrichtig. Jedoch hätte es das Drehbuch zu einem James-Bond-Titel sein können, denn selbst über viele Jahre danach war die Welt für uns beide nicht groß genug. Obwohl SIE es ja eigentlich war, die die Reißleine zog, zeigte sie häufig ein großes Interesse, mir das Leben zur Hölle machen zu wollen, auch wenn sie das für sich gerne anders sah. Hier wirkt sicherlich auch mit, dass ich praktisch zufällig "fließend" meine zweite Frau und große Liebe kennenlernte, auch wenn die ersten Jahre mit teils starken "Einschleifphasen" verbunden waren, da die Altlasten immer mal wieder präsent waren.
Warum erzähle ich das, es geht schließlich um Dich? - Nun, Du wirst es sicherlich gleich verstehen.
Unser Ältester hatte dann etliche Jahre später einen schweren Autounfall... - das volle Programm mit Traumastation und Intensivmedizin. ICH wurde nachts um etwa 2 Uhr aus dem Bett geklingelt (Telefon) und rief meine erste Frau gegen 8 Uhr an. Natürlich war ich mit der Nachricht emotional aufgewühlt, ich schaffe es aber im Regelfall recht gut, meine Gedanken schnell zu ordnen und sachlich ran zu gehen.
Kurzum, am nächsten Nachmittag, dem ersten Besuch in der Klinik (über 300 km entfernt), waren die ersten Worte meiner ersten Frau: "Warum hast Du mich nicht sofort angerufen?" Das sagte sie schnippisch und vorwurfsvoll. Vorweg sollte ich erwähnen, dass sie schon immer bereitwillig annahm, was ihr selbst weniger gute Bekannte ins Ohr flüsterten. Meine Darlegungen hatten bei ihr deshalb stets eine eher kritische Haltung hervorgerufen.
Dennoch konnte ich ihr da vermitteln, dass ich so aus Rücksicht zu ihr verfuhr. Es hatte mich meinen Schlaf und meine vollständige Aufmerksamkeit gekostet. Teils wurde mir erhebliche Geduld abverlangt, da das Ärzteteam fieberhaft nach einer inneren Blutung suchte, während ich auf Infos hoffte. Mir reichte die Aussage: "Kritisch aber zurzeit keine akute Lebensgefahr mehr."
Alle vorgenannten Voraussetzungen hätten meine erste Frau in voller Breitseite erwischt. Ich fragte sie, ob nicht EINE schlaflose Nacht gereicht hatte und was sie hätte tun wollen: 250 km aus einer anderen Richtung anfahren, um dann weitere 3 Stunden vor OP, CT & Co. zu lagern und doch keine konkreten Aussagen zu erhalten, während sie unseren Sohn mit zig Frakturen, auch im geschwollenen Gesicht, im Vorbeifahren in Sedierung hätte sehen können?
Zum ersten Mal, nach so langer Zeit, hatte ich überhaupt den Eindruck, dass sie mir glaubte und vertraute. (Unser Sohn hatte einen wahren Schutzengel an seiner Seite.) So viel hierzu.
LIEBE... - ein Wort das sehr häufig strapaziert wird und die unterschiedlichsten Interpretationen erfährt.
Du machst häufig deutlich, dass "Du ihn (noch) liebst". Das ist normal und gut! Echte Liebe endet nie. Auch Enttäuschungen, Wut und andere Erfahrungen sollten uns davon nicht abhalten, einen Menschen zu lieben. Klar ist das für uns im Leben häufiger mal eher Theorie als Praxis. Aber sie ist das, was uns Menschen in erster Linie zusammenführt und auch zusammenhält - auch wenn es kleiner mit der Sympathie beginnt. Wir distanzieren uns, sind vorsichtig, schwanken in unserer Gefühlswelt hin und her, wollen bei Verletzungen entweder Härte oder Verletzung zeigen...
Dennoch muss das nichts an der Liebe ändern. Wir brauchen uns nicht zu zwingen, einen anderen Menschen nicht mehr lieben zu müssen, weil er mich zutiefst verletzte, mich im Stich lässt - einfach so. (Das Unverhoffte hat aus meiner Erfahrung allerdings schon häufig Vorboten - man blendet sie aber einfach aus.) Man kann und darf weiter lieben, nur eben auf eine andere Weise. Man muss für sich einen Weg finden.
Vergiss diese "Regeln", die man sich häufig aufschwatzen lässt. Mach das und liebe ihn soviel, wie Du willst und es ertragen kannst. Das geht auch mit einer Distanz. Liebe funktioniert nicht wie mit einer Waage - man wirft seine rein und erhält exakt das gleiche Gegengewicht. ...und es ist überhaupt nichts Schlimmes dabei zu lieben (sofern Du keine Stalkerin wirst

).
Ich gönne meiner ersten Frau jeden Erfolg, die guten Dinge im Leben. Es tut mir beispielsweise sehr leid, dass ihre zweite Ehe nicht funktionierte, obwohl ich selbst von ihrem zweiten Mann noch eine Menge in Sachen Geduld hätte lernen können. Ich hoffe und wünsche ihr, dass die nun seit wenigen Jahre dritte Beziehung ihr das Glück bringt, dass jeder Mensch verdient.
Mach Dir keine Vorwürfe, dass Du dies und das hättest anders machen können oder sollen. Du solltest Dich auch künftig nicht verbiegen - sei authentisch.
Auch wenn es mit unserem "Liebesglück" nicht auf Anhieb klappt und wir in langjährigen Beziehungen zunächst oftmals an unsere Grenzen geführt werden und häufig auch nach Jahren der formalen Beendigung der Meinung sind, dass die dunklen Wolken endlich vorbeiziehen sollten - zumindest der Nachgang liegt dann gar nicht mal so selten an uns selbst.
Sieh nach vorn, lass Dich auch mal von Freundinnen und Freunden ein wenig ziehen - aber nicht vor jeden Karren spannen. Wenn Du Dein Selbstvertrauen wieder stärkst, hat das auch positive Auswirkungen auf Dein Umfeld und dadurch vor allem wieder für Dich. Die Erinnerungen kommen immer wieder hoch. Ja und? - Es war real, gehört zu Deinem Leben und es waren auch eine Menge guter dabei, oder?