Als ich mir im April 1997 mein allererstes Auto zulegte, war es als ob man mir eine Kette an der ich irgendwo festgebunden war, gelöst hat.
Ich erinnere mich, wie ich fast täglich nach der Arbeit in unser Stammcafé fuhr, dort meine Freunde traf und meine Zeit dort verbrachte. Eigentlich war es mehr ein Bistro, das morgens als Café und abends als Bar fungierte.
Ich erinnere mich, als ich eines Abends in die Bar kam und zwei meiner Freunde schon da saßen. Nachdem ich sie kurz begrüßt hatte, holte ich mir etwas zu trinken, die Dartpfeile, und ging Richtung Nebenraum.
"Kommt ihr mit oder was…?" fragte ich. Die Jungs nahmen ihre Flaschen und wir machten uns auf.
Der Dartautomat war von drei wirklich hübschen Mädchen besetzt. Aber eine fiel mir sofort auf. Sie war klein, hatte dunkle lockige Haare, eine tolle Figur und sehr lange Wimpern. Sie schien südländischer Herkunft zu sein, sprach aber perfektes deutsch.
"schei. besetzt." sagte mein Kumpel.
"Kriegen wir schon hin," antwortete ich und ging schon auf sie zu.
"Hi," grüßte ich mit einem leichten Grinsen, "dürfen wir mitmachen, so drei gegen drei?"
Sie schauten sich gegenseitig an und wussten nicht ob sie ja sagen sollen, bis die Kleine dann "von mir aus" antwortete.
"Wir können die Teams auch mischen, wäre vielleicht besser, oder fairer auf jeden Fall."
"Ja klar, können wir machen."
"Okay, dann würde ich sagen, wir beide und Johann. Das ist der gutaussehende da vorne."
"Okay, und du bist?"
"Ich bin Herakles, und wie heißt du?"
"Feliz."
"Ah, bist du Türkin Feliz?"
"Ja, und du bist bestimmt Grieche oder?"
"Ja das stimmt. Dann lass uns den mal zeigen, dass Griechen und Türken doch Freunde sein können, zumindest was das Darten angeht."
Wenn ich zurückdenke, was für einen Stuss ich damals gelabert habe, muss ich selbst den kopf schütteln und mir auf die Stirn fassen. Aber, es hat funktioniert. Sie war interessiert.
Die Familie von Feliz war schon sehr lange in Deutschland und modern eingestellt. Aber eine Beziehung mit einem Christen und auch noch einem Griechen, wäre zu viel des Guten. Minirock durfte sie aber tragen.
So hielten wir es geheim für einen Monat, bis eine Freundin von ihr sie verpetzt hatte und wir es dann beendeten. Trotzdem war die Zeit sehr schön mit ihr, auch wenn sie noch so kurz war und ich erinnere mich gerne an sie zurück. Sie war eine tolle Frau.
Ich erinnere mich, dass ich damals sehr schwierig war. Meine Eltern hatten große Probleme im Umgang mit mir.
Meine ständigen Aussetzer, Alk., Dr., und teilweise zwei und drei Tage nicht nach Hause kommen, sich um mich Sorgen machen, dass mir etwas passiert, waren zum Teil unerträglich für sie.
Hinzu kamen die ganzen Schlägereien, die Briefe von der Polizei, die sie oft in Briefkasten fanden, oder ein Mannschaftswagen, der plötzlich vor der Tür stand und nach mir fragte.
Ich erinnere mich an Silvester 1997.
Als ein halbes Jahr zuvor die Gießerei in der mein Vater arbeitete, Insolvenz anmeldete, schaffte ich ihn, eine Stelle bei mir in der Kernmacherei zu beschaffen.
Es war ein Mittwoch und an diesem Tag arbeiteten wir an je zwei Maschinen, die sich gegenüber standen.
Ich weiß nicht mehr worum es ging und wie der Streit aufkam, aber ich erinnere wie mein Vater sagte:
"Wenn ich heute Abend nach Hause komme, möchte ich dich nicht mehr sehen. Du wirst deine Sachen zusammen gepackt haben und verschwunden sein. Hast du mich verstanden?"
Vermutlich eine Zusammenfassung von dem, was ich tat und wie ich damals verhielt, gepaart mit dieser Meinungsverschiedenheit, haben dazu geführt, dass es bei ihm das fass zum Überlaufen gebracht hat.
Ich erinnere mich, wie ich wütend die Maschine ausshaltete, in die Umkleide ging, um mich umzuziehen und dann schnell nach Hause fuhr.
Zuhause angekommen lag meine Schwester, mit der ich mein ganzes Leben ein Zimmer teile, auf ihrem Bett und las ein Buch.
"Hi!"
"Hi, was ist los, was ist passiert?" Fragte sie mich.
"Ich ziehe aus," währenddessen machte ich meinen Kleiderschrank auf und packte meine Klamotten in meine Sporttasche "ich ziehe aus, Papa hat mich gerade rausgeschmissen."
"Was? Ach komm, er beruhigt sich wieder, du baust auch nur Mist in letzter Zeit."
"Nein. Ich bin weg, machst gut Schwesterherz."
Für ein weiteres Mal in meinem dasein, erlebte ich etwas, was ich als Kind schon mal erlebt hatte. Mein ganzes Leben war eingepackt in einen einigen Koffer, oder in diesem Fall eine Sporttasche. Ich ging raus und wusste erstmal nicht wohin.
"Und jetzt?" Ich fragte mich und stieg in mein Auto. Ich machte den Motor an, der Sportauspuff blubbert, ich zünde mir eine Zig. an, mache das Fenster runter, ich spüre, wie die kalte Luft eindringt, die Musikanlage ertönt laut.
"Scheîs drauf," und fuhr los.
Auf zu neuen Ufern!
"Fortsetzung folgt…"