Lieber Snipes,
Zitat von Snipes:Am Donnerstag war ich bei meinem Arzt und habe ihm die ganze(n) Geschichte(n) mal erzählt.
da kommt ja wirklich vieles zusammen gerade bei dir. Es ist wie ich finde völlig nachvollziehbar, dass dich dieser Gesamtzustand in besonderem Maße schwächt und ich finde es sehr klug und umsichtig von dir, dir Hilfe zu holen. Ich könnte mir vorstellen, dass dein Arzt vielleicht eine Anpassungsstörung diagnostiziert hat.
Zitat von Snipes:Aktuell geht es mir noch sehr viel schlechter als vorher, weil ich natürlich noch nur die Nebenwirkungen spüre.
Diesen Effekt kenne ich auch, aber ich habe auch erlebt dass sich das legt wenn man die Anfangszeit durchhält. Es ist bei mir irgendwann so gewesen als würde sich ein schützender Schleier von "Egal" über mich legen. Das hat langfristig auch einige Nachteile, aber es geht ja jetzt erstmal darum, durch die Krise zu kommen und da finde ich das ganz gut dass dein Hausarzt da gar nicht lange gefackelt hat.
Was mich interessiert, gibt es in deinem "echten" Leben weitere greifbare Ansprechpartner für dich? Eltern, Geschwister oder enge Freunde, die dir etwas emotionalen Halt und Rückendeckung geben können? Oft hilft es schon, zu wissen, dass man in seiner Not nicht so ganz allein da steht.
Falls es solche Menschen nicht gibt, oder sie derzeit nicht greifbar sind, wäre es vielleicht denkbar dir eine therapeutische Begleitung für diese Krisenzeit zu suchen. Die Wartelisten sind vielerorts lang, aber es gibt manchmal Möglichkeiten bei sehr akutem Bedarf und wenn man nachweisen kann bereits auf einigen Wartelisten zu stehen (die genaue Anzahl kann dir deine Krankenkasse sagen) auch Stunden bei nicht krankenkassenzugelassenen Therapeuten zu bekommen, die dann trotzdem von der Krankenkasse bezahlt werden. Es kann sehr entlastend sein, einfach jemanden an seiner Seite und ansprechbar zu wissen. Wenn sowas für dich in Frage kommt, würde ich dir raten mit deiner Krankenkasse darüber zu sprechen, wie du am besten vorgehen kannst. Leider ist es sehr schwer, in so einer Situation noch die Kraft aufzubringen irgendwas zu regeln, aber man kann es in kleine Schrittchen unterteilen und nach und nach etwas für sich erreichen.
Zitat von Snipes:Das zweite ist meine private Situation bzw. die meiner Firma, die bedingt durch die Corona-Maßnahmen faktisch insolvent ist.
Das tut mir sehr leid. Es ist ja nicht nur das Finanzielle, sondern auch das Lebenswerk, das nun durch äußere Umstände, höhere Gewalt zerstört wurde. Doch die Trauer darüber musst du noch aufschieben. Jetzt geht es gerade darum die Existenz zu sichern und weiteren Schaden zu verhindern.
Zitat von Snipes:Ich habe mich heute mal schlau gemacht und alle Unterlagen zur Beantragung der Grundsicherung angefordert bzw. ausgefüllt. Wenn alles komplett ist, reiche ich sie dann ein und bin zumindest erstmal das Problem der Mietzahlung los.
Das ist schon mal sehr gut, dass du da in die Aktion gekommen bist. Wie versiert bist du mit den rechtlichen und organisatorischen Dingen bezüglich der bevorstehenden Insolvenz? Wirst du da gut beraten? Wer könnte dich in diesem Bereich noch womit unterstützen, damit du keinen weiteren Schaden aufgrund dieser Angelegenheit nimmst? (du musst das nicht hier im Forum beantworten, ich will nur versuchen dir mit solchen Fragen zu helfen deine Ressourcen zu erkennen, zu bündeln und dann auch zu nutzen)
Zitat von Snipes:Wenn die Maßnahme abgebrochen wird, wird er hier bei mir zu Hause rumsitzen, rumpöbeln, mich beleidigen und sich um absolut gar nichts kümmern. Die Vorstellung alleine macht mich krank.
Das klingt tatsächlich nach einem ziemlich kniffligen Problem. Zumal der junge Mann mit 17 kurz vor der Volljährigkeit steht was es nochmal schwieriger machen dürfte, da Hilfe zu bekommen. Ob seine Mutter da als Ansprechpartnerin in Frage kommt, brauche ich hier wahrscheinlich gar nicht erst zu fragen, denn dann hättest du das sicher schon getan bzw. das Problem wäre nicht in dieser Form vorhanden. Ich würde dir raten, dich mit dieser Situation ans Jugendamt zu wenden, falls dein Junge die Maßnahme wieder platzen lässt. Wenn eine gemeinsame Wohnsituation für dich mit ihm unerträglich ist weil ihr so heftige Konflikte miteinander habt - und so liest sich das ja ein wenig - käme vielleicht eine Wohngruppe oder sogar schon ein betreutes Wohnen für deinen Sohn in Frage. Ob es da Möglichkeiten gibt, könntest du mit den Fachkräften im Amt abklären.
Zitat von Snipes:In - oder genau wegen - dieser Situation hat sich meine Ex dann ja auch noch von mir gertrennt und lässt mich mit allem alleine, obwohl ich ihr immer bei jedem ihrer Probleme geholfen habe.
Ja, das schmerzt doppelt. Aber, und das hat vielleicht auch etwas Gutes, solche Erkenntnisse können dir recht gut dabei helfen, den Trennungsschmerz abzukürzen.
Zitat von Snipes:Mir macht das ganze und meine Situation wirklich Angst und diese lähmt mich komplett. Ich kann wirklich nicht mehr und kenne mich so nicht. Wo ist all meine Kraft und meine Stärke hin?
Du kriegst es gerade knüppeldick vom Schicksal übergebraten und wunderst dich, dass dies all deine Kraft und Stärke verbraucht. Ich halte das für völlig logisch... schau, dass du jetzt besonders gut auf dich achtest. Möglichst gesund essen, frische Luft und täglich etwas Bewegung wenn du es schaffst. Ich weiß, dass jede Kleinigkeit ein Vielfaches an Kraft kosten kann, im Gegensatz zu normalen oder guten Zeiten. Erwarte nicht zu viel von dir und sei stolz auf kleine Schrittchen, die bringen dich nämlich auch alle weiter.
Ich kenne einige Menschen (including me) die ganz heftige Lebenskrisen bewältigen mussten. Die gute Nachricht ist: die meisten von uns gehen daraus verändert, gereift und in manchem auch gestärkt hervor. Die schlechte Nachricht ist, dass man durch diese Sche*ße durch muss... in besagten kleinen, stetigen Schritten.
Ich gebe dir für heute noch einen Satz mit, den ich so simpel wie wahr finde: If you're going through hell - keep going.