@leilani1801
Ich fand nicht, daß Du in Selbstmitleid gebadet hast. Ich fand eigentlich, daß Du sehr gut beschrieben hast, wie frustrierend, schmerzhaft und einsam sich das Leben auch anfühlen kann. Ich denke hier gibt es einige die mitlesen und denken, ja genau, so fühlt sich das an.
Zitat von leilani1801:Die meisten Menschen in meinem Freundes-Familien oder Kollegenkreis haben sicherlich auch ihre Probleme, aber die sind doch etwas alltäglicherer Natur.
Ähnlich wie @TinTin1980 und @KBR sehe ich das nicht so und insbesondere KBR hat sehr schöne Beispiele vorgebracht. Ich glaube, es ist verführerisch einen vermeintlich objektiven Maßstab, des Besser oder Schlechter brauchbar zu machen, ich glaube auch, daß es in uns zum Teil angelegt ist, gerade auf die zu schauen, die haben, was man sich selbst doch so sehr wünscht.
Leidensdruck, das Leiden selbst sowie Lebensqualität sind aber objektiven Maßstäben nicht wirklich zugänglich. Was für den einen das Schlimmste ist, kann für den anderen deutlich erträglicher sein und nur weil ein anderer etwas als höchstes Glück empfindet, muß es nicht das sein, was einen selbst zufrieden machen würde.
Das Festhalten aber an diesem Glauben, führt zur Isolation.
Zitat von leilani1801:Was ich damit sagen will: mich nervt es oft wenn Leute sagen "piens nicht rum, jeder hat sein Päckchen zu tragen". Das sehe ich einfach nicht so. Oder sagen wir es so: jeder hat seins zu tragen, aber beim einen ist es leichter und beim anderen schwerer.
So wollte ich meinen Beitrag nicht verstanden wissen. Noch mal, der persönliche Schmerz wird nicht dadurch gemildert, daß es anderen Menschen schlechter auch eben auch schlecht geht.
Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schmerz allerdings, kann dazu führen, daß man lernt diesen besser anzunehmen und dieser Prozess führt möglicherweise weg von objektiven Bewertungen und hin zur Empathie. Mitgefühl für sich selbst und dadurch eben auch Mitgefühl für die anderen.
Diese Reifeprozess erlaubt uns dann den Schmerz (und auch all die anderen Gefühle) bei anderen ebenso wahrzunehmen, wobei das Gefühl in den Vordergrund und der Anlass in den Hintergrund tritt. So wird aus einem "nun hab dich doch nicht, daß ist ja alles gar nicht so schlimm", ein "hey ich sehe, wie viel Angst Du gerade hast oder wie weh Dir das tut".
Diese Änderung der Wahrnehmung von sich selbst und anderen führt in die Verbundenheit. So fühlen wir uns mit anderen verbunden im gemeinsamen Schmerz aber auch im gemeinsamen Glück.
Haben wir uns vorher aufgrund unseres Schmerzes einsam und isoliert gefühlt, weicht dies dann der Erkenntnis des gemeinsamen.
Zitat von leilani1801:Sicherlich gibt es auch andere Lebensentwürfe, aber für das Gros der Menschen ist das Führen einer stabilen Partnerschaft ganz zentral für ein schönes Leben.
Um ehrlich zu sein, bin ich mir da nicht ganz sicher. Ich glaube, daß Menschen stabile Bindungen brauchen. Das kann eine romantische Partnerschaft sein, aber Menschen empfinden auch Glück und Zufriedenheit durch Bindung an die Familie, durch Freundschaften, die Bindung zu Kindern, ob nun eigene oder die anderer. Manche Menschen finden ihr Glück in einem Verein, andere in Tieren.
Persönlich glaube ich, daß es nicht die eine Bindung ist, die uns Glück empfinden lässt, sondern eine Vielzahl von Bindungen, vor allem dann, wenn wir aufhören Stabilität mit Statik zu wechseln.
Was mich nachdenklich gemacht hat, ist Deine Beschreibung, daß
Zitat von leilani1801:este Beziehungen zu führen, die größtenteils glücklich sind war für mich ja auch bis ich Anfang 30 war überhaupt kein Problem. Was die Entwicklung in diesem Punkt umso tragischer macht.
Es ist sicher richtig, daß sich viele psychische Schwierigkeiten mit Ende 20, Anfang 30 manifestieren. Ich denke, daß dies auch etwas damit zu tun hat, daß wir in diesem Alter angekommen, den nächsten Schritt in unserer Entwicklung tun sollen.
Wenn wir über Isolation reden, dann reden wir ja auch von einer Art Getrenntheit, die wir empfinden. Diese Getrenntheit hat ja aber auch Funktion. sie ist wichtig, damit wir als Kinder anfangen uns als Individuen wahrzunehmen, unser Ich ausbilden können. Würden wir für immer in der mütterlichen Symbiose bleiben, wäre uns dies verwehrt. Je nach persönlicher Veranlagung, genetischer Disposition und dem wie gut wir eben als Babies und Kinder versorgt werden, gelingt diese Ich-Bildung mehr oder weniger.
Getrenntheit ist aber zwingende Voraussetzung für diesen Prozeß.
Wenn wir dann langsam in unsere Lebensmitte vordringen, sich unser Ich, als Individuum, so gut es eben ging, entwickelt hat, wandelt sich auch unser Bedürfnis. Dieses Getrennt-Sein, welches zB ja als Teenager "ich bin ich", "ich bin anders" (wer von uns hat dies nicht als Teenager so empfunden) so wichtig ist, weicht einer Sehnsucht nach Verbindung.
Plötzlich empfinden wir Trennung und Getrenntheit als schmerzhaft, sehnen uns nach den Kugelmenschen, nehmen Defizite unserer Kindheit schmerzhaft war und versuchen alles, um dieses Gefühl zu überwinden.
An diesem Punkt fangen wir auch an, an die Heilsversprechung der Partnerschaft zu glauben. Wir glauben, daß wir das Getrenntsein, was wir nun als Isolation empfinden, durch die romantische Liebe der Partnerschaft überwinden können. Gelingt dies nicht, weil für aufgrund von Kindheitserlebnissen, anderer Umstände, Schicksalsschlägen, daran vermeintlich gehindert werden, kann es passieren, daß der Wunsch nach Partnerschaft zu einer Art Sehnsuchtsort, einem Walhalla der Verbundenheit stilisiert wird.
Dabei übersehen wir gern, daß gelebte Partnerschaft im besten Fall eigentlich ein kontinuierliches Spiel zwischen "ich" und "wir" ist, welches genauso schnell oder langsam in das Gefühl der Isolation führen kann, weil auch gelebte Partnerschaft kein Ersatz für die inneren Reifeprozesse darstellen kann. Im Gegenteil oft ist es so, daß wir durch verquere Verantwortungsübertragung, Verlustängste und vieles mehr in Partnerschaften verbleiben, die die eigenen Reifeprozesse eher behindern.
Der Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Bindung und Verbindung ist ein in uns absolut tiefsitzender Herzenswunsch, er ist dem Menschsein absolut immanent. Diesen Wunsch allerdings mit dem Wunsch einen Partner zu haben (statt in einer Bindung zu sein) zu verwechseln, führt uns nur in die tiefere Isolation.
Wer kennt nicht das Gefühl der ganz tiefen Einsamkeit was uns in schlecht laufenden Partnerschaften überfällt. Wer von uns hat sich noch nie zutiefst einsam in mitten einer großen Anzahl von Menschen gefühlt?
Gelingt es uns also nicht in der Mitte unseres Lebens das ursprüngliche gute Getrenntsein, welches nunmehr als Isolation empfunden wird, aufzubrechen und zu überwinden, mag uns ein zufriedenes Leben nur schwerlich gelingen. Wir hadern mit uns und der Welt.
Wir blicken auf andere und empfinden die eigene Last als unfair, schwerer und kaum zu bewältigen. Dies allerdings, ohne das wir es eigentlich wollen, verschärft aber nur unsere Einsamkeit. Es zieht den Graben zwischen uns und den anderen nur tiefer.
Wenden wir uns stattdessen aber voller Mitgefühl und Fürsorge unserem eigenen Schmerz zu, erkennen wir diesen als Teil des Lebens an und als Teil unseres Selbst. Finden wir Wege des Umgangs und der Akzeptanz, so ermöglicht uns das voller Mitgefühl auch auf die uns umgebenden Personen zu schauen. Durch liebevolle Zuwendung hin zu sich selbst, erlernen wir auch, uns anderen liebevoll zuzuwenden und das ist der Anfang von Verbundenheit.
Dieses Gefühl erlaubt uns dann für uns nicht befriedigenden Verbindungen auch wieder zu verlassen und neue, andere einzugehen. Es erlaubt uns, unsere Bedürfnisse besser einordnen zu können und es erlaubt uns, nicht in nur einer Person die Lösung für unsere Isolation zu suchen. Es erlaubt uns aber vor allem das Leben, welches sich ständig ändert, uns großes Glück und tiefes Unglück beschert, besser zu meistern.
@leilani1801 es tut mir sehr leid, daß Du Dich in Deiner Partnerschaft nur bedingt gut fühlst. Es tut mir auch sehr leid, daß Du Verluste erleiden musstest und Deine Familie zerstritten ist. Ich wünsche Dir sehr, daß Du Wege findest, die dich aus der Isolation herausführen.
viel Glück für dich.