Es ist bodenlos wie er vorgeht.
Er entzieht sich einfach, er hört Dinge, die offenbar nicht richtig bei ihm ankommen und die ihn überfordern. Dann macht er dicht, ist nicht in der Lage, mit Dir zu kommunizieren, ja, er sieht Dich nicht mal an, sondern schließt sich sozusagen ein, indem er die Hände vors Gesicht legt.
Er sagt kaum was und wenn, dann sind es vor Selbstmitleid triefende Äußerungen. Er hat alles falsch gemacht. Ach, da tut er mir aber leid, aber was bitte hat das mit Dir zu tun? Geht er auf Deine Aussagen ein? Nein, mit keinem Wort. Seine Antworten sind versteckt formulierte Vorwürfe (wie kannst Du ihn kurz nach seinem Urlaub, wo er doch so weinen musste, auch so hart anfassen!?) und Allgemeinplätze.
Er trägt einen schweren Rucksack. Ach Gott, Du sollst endlich Mitleid mit ihm haben und ihn nicht so hart anfassen. Es ist seine Sache, wie er mit seinem Rucksack umgeht, aber nicht Deine, denn Du hast auch eine schwere Bürde zu tragen, ihn zum Beispiel. Das aber kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass es hier auch um Dich geht und nicht um sein verpatztes Leben.
Er hat Dich auflaufen lassen, bezieht keine Stellung, sondern zieht sich aalglatt zurück und plappert wenn überhaupt Allgemeinplätze.
Hast Du eine konstruktive Aussage von diesem Jammerlappen gehört? Ist er auch nur einmal auf Deine Worte eingegangen? Wahrscheinlich nicht, denn er entzieht sich einfach, badet in Selbstmitleid und flüchtet in den Schlaf.
Am nächsten Tag geht es wieder nur um ihn, denn nun hat er Bauchweh, weil die Arbeit bevorsteht. Dein Geburtstag? Ausgeblendet! Vergessen! Übersehen! Denn selbst wenn er dran denkt, dann geht er lieber darüber weg, denn wie sollte er Dir denn ehrlich gratulieren, wenn Du so wütend auf ihn bist und ihn so geschimpft hast?
Typisch passiver Vermeider. Er geht Konfrontationen kategorisch aus dem Weg und zieht sich in sich selbst zurück. Du kommst nicht ran, denn Deine Worte tropfen an ihm ab. Nicht dass sie ihm nicht weh tun würden, aber im Endeffekt kannst Du auch mit Deiner Katze reden. Denn er sieht immer nur sich und seinen Rucksack, seine Fehlschläge, seine Ängste vor Verbindlichkeit, vor Verlässlichkeit und vor einer Einschränkung seiner Freiheiten.
Was willst Du mit diesem Weichei? Interessant wirkte er. Ja, kann ich mir vorstellen. Er wirkte so ein wenig geheimnisvoll und wahrscheinlich tiefgründig und ein wenig anders als der Klaus von nebenan, der am Samstag den Rasen mäht und abends den Grill anwirft weil der Bruder mit Familie zu einem Grillabend kommt.
Klaus ist freilich langweilig, ein wenig reizlos, nicht so geheimnisumwittert. Man kann nicht viel reininterpretieren, denn wenn man ihn ein wenig kennt, weiß man wie er ist und tickt. Klaus hat aber auch Vorteile. Er kümmert sich und tut viel für seine Familie. Er mäht den Rasen und richtet das kaputte Fahrrad, er dämmt das Dach und nebenbei hat er auch noch einen Vollzeitjob. Man kann sich auf ihn einfach verlassen und in den Urlaub fährt er mit Frau und Kindern ins Allgäu.
Ganz ehrlich, mir ist mitlerweile jeder Klaus viel ieber als diese Typen, die so unkonventionell daherkommen und die man nicht zu fassen kriegt. Auf Klaus ist Verlass, bei ihm weißt Du nicht wann er kommt und ob überhaupt.
Ich kann ihn mir schon vorstellen, diesen R, denn sein Verhalten erinnert mich doch stark an mein Exemplar. Den konnte ich auch nie fassen und er fand immer 1000 Entschuldigungen und immer ging es nur um ihn, um seine Befindlichkeit, seine Stimmung. Heute ist ein guter Tag, er hat dies und jenes programmiert und es geht ihm gut. Morgen íst er wieder mit sich uneins, betrauert den Weg, den er eingeschlagen hat und er hat wieder mal einen innerlichen Regentag. Hätte er sich vor 20 Jahren vielleicht doch lieber selbstständig gemacht im IT-Bereich, aber er zog die sichere Beschäftigung beim Staat vor - das war vielleicht ein Fehler.
Ja, Handlungen haben Konsequenzen, aber der mit seinen Stimmungen und Selbstzweifeln wäre auch kein guter Selbstständiger geworden. Aber das sieht er nicht. Er kreist um sich und nur an der Reaktion der Außenwelt liest er ab, dass er wieder mal was Falsches gesagt hat.
Dann kriecht er vielleicht zu Kreuze, aber zu Mitgefühl mit anderen ist er nicht in der Lage.
Und notfalls gibt es dann noch einen tollen Trick. Schuldumkehr. Was, Du willst ein WE mit mir wegfahren? Damit wertest Du unsere WE ab.
Aha, so hatte ich das noch gar nicht gesehen, aber ja, vielleicht hat er sogar Recht und meine Wünsche sind einfach völlig überzogen.
Geht es Dir nicht ähnlich? Siehst Du nicht auch die Dinge, die ich sah bei ihm? Er ist nicht tiefgründig, er wirkt nur so. Er ist auch nicht empathisch, denn es geht ihm um sich selbst. Er ist nicht geheimnisvoll, sondern eigentlich todlangweilig und reizlos. Aber er hält Dich bei der Stange, weil du immer in der Luft hängst, ihn nicht richtig einschätzen kannst und dagegen ankämpfst. Erfolglos, denn Du rennst gegen eine Mauer aus Rückzug.
Im Grund genommen hast Du keine Chance. Du kannst es so weiterlaufen lassen und auf der Stelle treten, das käme ihm sehr entgegen. Keine Konflikte bitte, denn sein Rucksack ist eh schon zu schwer! Oder Du kannst Dir sagen, das ist nicht das, was ich mir erwarte. Ich wünsche mir ja nicht, dass er mich auf Händen trägt, aber ich weiß ja nicht mal, wann er wieder hier aufschlägt! Du wartest und er kommt oder auch nicht oder eben später.
Entscheide Dich und mache es nicht wie ich, die wartete, bis über mich entschieden wurde. Wer so feige ist wie ich, der hat es nicht anders verdient, als per Mail verabschiedet zu werden.
Auch das sehr interessant. Per Mail, nicht etwa im direkten Gespräch, denn das ist ja zu nah, das verlangt zu viel von ihm und dann heult sie wieder und mir geht es schlecht. Nein, da ist eine Mail aus der Ferne schon viel besser, denn damit geht man direkten Konfrontationen schlau aus dem Weg.
Ich sah erst viel später, wie er eigentlich war. Kein schlechter Mensch, aber für eine Partnerschaft untauglich. Wie er heute lebt, weiß ich nicht und ehrlich gesagt, es ist mir auch egal. und das tut richtig gut. Ich bin von ihm weggekommen, der Weg war lang und steinig und traurig, aber es wurde immer besser mit der Zeit.
Ich habe irgendwann angefangen, mich um mich zu kümmern, zu lernen, dass ich dafür sorgen muss, dass es mir gut geht. Ich habe die alten Kindheitsblessuren durchschaut und auch meine mich abqualifizierenden Denkmuster durchbrochen.
Und seit ich besser mit mir klar komme, klappt auch meine Beziehung viel besser.
Du kannst nur gewinnen, aber vermutlich am meisten ohne ihn, denn dann hast Du mal Zeit für Dich anstatt die Gedanken um ihn kreisen zu lassen - lösungs- und erfolglos.