Schönes Thema.

Wenn ich so an beide Großelternpaare aus der Kriegsgeneration denke, gibt es da wesentliche Unterschiede.
Die Großeltern mütterlicherseits führten eine schöne Ehe, bei der man bis zum Schluss von Liebe reden konnte. Sie hatte den "führenden Part", verwaltete die Finanzen und sorgte aufgrund ihrer schlechten Großfamilienerfahrungen dafür, das beide nur ein Kind hatten. Verhütung war auch da schon möglich, es gab die Rechnerei und später auch Kond..
Das väterliche Paar war ganz anders sozialisiert. Es gab 5 Kinder und zahlreiche Fehlgeburten. Er war Alk., ein Schläger und starb an Krebs als sie 38 Jahre alt war.
Sie suchte sich nie wieder einen neuen Partner, da sie ihre Selbstständigkeit auf keinen Fall wieder hergeben wollte. Auf die Frage von uns Enkeln, ob sie nie Lust auf Sex hatte, lächelte sie nur.
Alle heutigen Konflikte, gab es auch damals. Fremdgehen, Gewalt, entlieben usw. aber die Alternative Trennung wurde wenig genutzt, da ein vermeintlicher Anstand, aber auch finanzielle Abhängigkeiten hochgehalten wurde. Heute wird sich schnell getrennt, damals wurde auf Biegen und Brechen zusammen geblieben. Es hat sich aus gesellschaftlicher Sicht wenig Mittelmaß und Gleichgewicht in Bezug darauf entwickelt.
Damals war kein Raum für Emotionalitäten. Kinder, die schikaniert wurden haben ihre Eltern da raus gehalten. Die Eltern, die ihre Kinder traktierten, wurden von den Nachbarn damit gelassen. Genauso waren andere Befindlichkeiten wenig Thema, man hat die Sachen mit sich abgemacht. Selbstständigkeit und Anstand wurde großgeschrieben und nicht alle haben das gut verkraftet. Es wurde wesentlich mehr mit Konsequenzen und Strafen gearbeitet, was ich als sehr zentralen Punkt für ein Funktionieren in dieser Generation sehe.
Heute wird vieles zu sehr psychologisiert und viele suchen und brauchen einen Therapeuten. Ob das permanente drehen um sich selbst positiv ist und stetige Analysen darüber, was schief gelaufen ist ein Vorteil sein kann, sei dahin gestellt.
Ich habe als junge Frau oft gedacht, dass meine Großeltern emotional stumpf sind und vieles gar nicht wahrnehmen und zulassen. Funktionieren und ein "wir mussten ja" waren zentrale Themen.
Umso überraschter war ich, als ich mit den Omas die ersten Versuche wagte, über Liebeskummer, Männer usw. zu reden.
Beide hatten auf ihre Art eine grandiose Bewusstsein über Dinge, die man heutzutage Red Flags, Werte, Schmerz, der vorbei geht und no go's, welche die Dynamik zwischen Mann und Frau ausmacht.
Ihre Art, Dinge zu leben war toleranter, subtiler und ich möchte fast sagen gefestigter und konsequenter, trotz der beschränkten Möglichkeiten zu handeln.
Die heutige Zeit finde ich oft zu durchgeknallt und die gute alte Zeit war laut denn Großeltern, die nun leider alle verstorben sind, auch mal eine schlechte neue.
Jede Zeit hat ihre Stärken und Schwächen.