Wer außerhalb persönlicher Emotionen gerne etwas wissenschaftlicher an das Thema heran geführt werden mag, wird auch hier fündig. Die walisische Forscherin und Professorin Amy Brown hat eingehend und professionell das Thema erforscht.
https://tghncollections.pubpub.org/pub/.../release/1Da finden sich auch Erklärungen, worauf möglicherweise der Ekel beruhen kann und warum gegen das Stillen in der Öffentlichkeit opponiert wird. Sehr spannend!
Zitat:9.1.2. Wahrnehmungen der Muttermilch
Eine negative Konnotation der Muttermilch, häufig verknüpft mit der sexualisierten Wahrnehmung der Brust, ist auch mit einer negativen Einstellung gegenüber dem Stillen verbunden. Die (manchmal unbewusste) Vorstellung, dass Muttermilch als Körperflüssigkeit schmutzig oder kontaminiert sein müsse, ist weit verbreitet. ...
Die Muttermilch nimmt unter den Körpersekreten eine einzigartige Stellung ein. Andere Körperabsonderungen transportieren häufig Krankheitserreger, zeigen Krankheiten an oder können schädlich für andere sein. All dies ist bei Muttermilch nicht der Fall. Manche Menschen unterscheiden jedoch nicht zwischen den einzelnen Körperflüssigkeiten und betrachten Muttermilch daher als verunreinigt. Im Allgemeinen werden Körperflüssigkeiten als etwas betrachtet, das kontrolliert und zurückgehalten werden muss. Beim Stillen jedoch findet gerade ein Austausch solcher Flüssigkeiten statt [30]. ...
Zitat:9.1.3. Einstellungen zum Stillen in der Öffentlichkeit
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Warum ist das Stillen in der Öffentlichkeit negativ belegt? Die Wahrnehmung der Brust als Sexualobjekt und der Muttermilch als potenziell kontaminierend ist allgemein verbreitet, aber auch Ansichten über die Funktion des weiblichen Körpers spielen eine Rolle.
Frauen im westlichen Kulturkreis sollen attraktiv sein und als sexuell verfügbar wahrgenommen werden. Der weibliche Körper wird in der Populärkultur häufig in sexualisierter Form eingesetzt, eingebettet in frauenverachtende Botschaften, die das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper in Frage stellen [42]. Bei manchen Personen löst der Anblick einer stillenden Frau Ressentiments aus: Die Frau setzt einen Teil ihres Körpers, auf den diese Personen selbst den alleinigen Anspruch erheben, ein, um ein Baby zu nähren. Damit wird ihnen suggeriert, dass die Aufmerksamkeit der Frau nicht ihnen allein gilt [43]. Andere fühlen sich durch Frauen provoziert, die aus der Rolle der „anständigen Frau“ ausbrechen, und stellen diese als albern, irritierend und unausstehlich dar (insbesondere dann, wenn sie durch Proteste und Feierlichkeiten auf das Stillen aufmerksam machen) [44].
Es mag weit hergeholt erscheinen, aber Sexismus und die Ablehnung des Stillens in der Öffentlichkeit sind eng miteinander verknüpft. Männer mit einer ausgeprägt sexistischen Haltung werden das Foto einer öffentlich stillenden Frau eher nicht gutheißen [22]. Männlicher Sexismus lässt sich grob in 2 Formen unterteilen. Bei der ersten Form handelt es sich um feindseligen Sexismus, d. h. eine direkte Abneigung gegen Frauen und den Glauben an Männlichkeitsideologien. Die zweite Form besteht in einem „wohlwollenden“ Sexismus, bei dem Männer Frauen zwar mögen, aber davon überzeugt sind, dass diese beschützt werden müssen und weniger zu leisten vermögen als Männer. Männer, die in hohem Maße feindselig-sexistisch sind, haben eine negative Einstellung zum Gebären und zum Stillen [45]. Auch wenn extrem wohlwollend-sexistische Männer das Stillen befürworten, weil die Frau damit ihrer traditionellen weiblichen Rolle entspricht [23], stehen sie öffentlich stillenden Frauen ablehnend gegenüber, weil diese damit aus ihrer Rolle als „anständige Frau“ ausbrechen [22]. ...
Spannend auch die Untersuchung zu den Unterschieden und der Wahrnehmung in unterschiedlichen Kulturen und Bildungsblasen. Wen es interessiert, bitte sehr.
Edit:
Zitat von Mira: Ich finde das sehr schade, dass sich Frauen dazu entscheiden nicht stillen zu wollen.
Auch das wird dort erläutert
☺