Zitat von Fenjal: Einerseits weisen Ehefrauen auf Werte und ihren moralischen Kompass hin, werten AF ab, betiteln sie als billig, oder sie hätten wenig Anspruch, was Männer anginge usw, es wird scharf verurteilt.
Naja, Fenjal, aber das fällt doch unter seelische Notwehr, oder?

Wenn da eine Ehefrau betrogen wird, wie man es nennt, und eine betrogene Ehefrau ist immer zugleich eine moralische Frau mit moralischen Ansprüchen, und das Selbstbewusstsein einen schweren Schlag in die Magengrube oder auch mitten ins Herzchakra abbekommt, dann muss die Affärenfrau, früher ja gleich Nebenbuhlerin genannt, zwangsläufig und ganz naturgemäß eine billige Schl.... sein, damit das eigene schwer mitgenommen Selbstbewusstsein ihre Inhaberin trotz allem weit über eben diese fürchterliche Affärenschl... hinaushebt. Und womit sonst als mit Moral könnte hier auch gewütet und argumentiert und gemessen werden? Mit Bettkunststückchen oder Farben und Formen wäre in dem Fall wohl völlig fehl am Platz (obwohl es an sich ja das Naheliegendste wäre).
Und diese generelle "scharfe Verurteilung" rührt einfach von einem (latenten) Bedrohungsgefühl her, von der eigenen Angst, der Mann könne fremdgehen, oder gar von der heimlichen Sehnsucht nach eigenen, nicht geduldeten, gewagten Abenteuerlichkeiten. Kann alles sein. Es gibt ja sehr vielfältige und teilweise auch völlig verworrene Selbstschutzmechanismen, die oftmals nicht einmal untereinander klarkommen.
Die erstaunlichste Kapriole in diesem Zusammenhang scheint mir jedenfalls die zu sein, wenn der Mann dann als der ärgste Halunke und Idiot und H....sohn usw., als das Letzte und Allerletzte auf jeden Fall, verstanden und dargestellt wird, aber ihm dann letztlich Tür und Tor und Bettdecke doch wieder geöffnet werden mit guter Miene. Wie sich das ohne Imageverlust vor sich selber unter einen Hut bringen lässt, ist mir ein Rätsel.
Aber dennoch - nichts einzuwenden dagegen. Der Mensch ist ja nicht umsonst eben der Mensch.
Zitat von Blind-Meg: Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass es vielen eben mehr darauf ankommt, einen schönen Schein darzustellen (auch vor sich selbst) statt wirkliche Substanz und Aufrichtigkeit. Hauptsache die Nachbarn merken nichts und Hauptsache man selbst kann so tun, als würde man ebenfalls nichts merken. Und Hauptsache die Illusion einer Ehe bleibt aufrecht.
Ich sagte ja vor einigen Seiten schon, dass ich der Ansicht bin, die meisten Beziehungen dümpeln so vor sich hin und man hat sich "arrangiert", hat sich eigentlich nichts mehr zu sagen, ist aber auch nicht schlimm genug und so schön bequem, dass man einfach da bleibt.
Ja, genau diesen Eindruck habe ich auch. Die Ehe samt gepflegtem Schein ist halt der Doktortitel unten den verschiedenen Arten von Beziehung, und den legt man nicht gerne ab, will zugleich aber auch nicht blöd und mehr oder weniger vernichtet dastehen.
Es mag ja in den meisten Fällen mit einer gewissen Verliebtheit beginnen. Aber wenn sich die Liebes- und Begehrensgefühle dann im Lauf der Zeit verziehen, die Echtheit sozusagen verstorben ist, bleibt halt auch nichts anderes mehr als der Schein, bleibt nichts mehr als alle möglichen Fassaden auf Liebe und Glück zu polieren und zu schmücken. Die notwendigen Präsentationspflichten will man da keineswegs vernachlässigen, auch wenn in den Innenräumen schon alles vermorscht und zerfressen und verfallen ist. Und da das ja viele, die meisten so machen, es praktisch genau so der allgemeine Brauch ist, fällt das auch gar nicht weiter auf und bleibt im Stillschweigen hingenommen.
Ich muss aber sagen, dass ich dafür durchaus Verständnis habe. Denn das Konzept Ehe ist ja kein Konzept der Liebe, sondern des Formalismus und der Lebenspraxis (die offenbar da und dort nach wie vor vorteilhaft erscheint). Durchaus vergleichbar mit den früheren Zuständen, wo romantische Gründe zum Zweck der Ehegründung ja gar nicht vorgekommen sind, die Beteiligten zumeist ja auch keinerlei Mitspracherecht hatten, sondern die Ehen gewissermaßen fremde Stifter, meist die Eltern, hatten. Zu diesen Zeiten brauchte dann natürlich auch gar nicht großartig etwas vorgegaukelt zu werden.
Heute allerdings, wo ja die Liebe Stifterin und Erhalterin der Ehe sein soll, kann und darf die banale und bisweilen sogar brutale und selbstmörderische Wahrheit nicht nach außen durchdringen. Sonst erschiene dieses desaströse Zweiergespann ja als etwas durch und durch Gescheitertes, als ein fulminanter Liebestotalschaden - und das will und muss natürlich verhindert und verborgen werden.
Das Problem, scheint mir, ist eben, dass das Konzept Ehe, wie gesagt, seiner Natur nach ja gar nichts mit Liebe zu tun hat, aber aus mir unbekannten Gründen dennoch offenbar so aufgefasst und oft ohne Rücksicht auf Verluste auch durchgezogen und durchgehalten wird.
Irgendwann wird man sich wohl entscheiden müssen: Entweder Liebe oder eben Ehe. Was davon soll als Grundlage dienen für Zweiergespanne? (Wobei das Einfachste natürlich wäre: Ehe (oder feste Partnerschaft) als Basis, alles andere beidseits frei flottieren lassen, wie es eben kommt - aber das ist für die Meisten, die ja an nichts besser gewohnt und angepasst sind als an die umfassende Unfreiheit, wohl ein Ding der Unmöglichkeit, wiewohl ich überzeugt bin, dass sich genau das irgendwann auch durchsetzen wird als das stabilste und ehrlichste und sinnvollste Lebenskonzept hinsichtlich gemeinsamer Lebensbewältigung, weil alles andere schlicht und einfach nicht mehr haltbar ist.)